Legitime Wegzeichen
Die Tendenz, religiöse Symbole und Bekenntnisse in die Privatsphäre abzudrängen, widerspricht der Logik des freiheitlichen Rechtsstaates. Er gibt den Bürgern den öffentlichen Raum, sich entsprechend demokratischer Prinzipien und Wertprämissen frei zu bewegen, auszutauschen und zu beteiligen. Auch Religionen haben daher nicht nur ein Interesse, sondern das Recht, ihre Quellen und Modelle der Gemeinschaft, Sinngebung und ethischen Praxis dort zu verdeutlichen. Auf diesen Beitrag sind Staat und Gesellschaft – unter anderem ihrer eigenen Wertorientierung wegen – angewiesen. Weltanschauliche Neutralität meint folglich, dass der Staat zwar niemanden rechtlich an bestimmte religiöse Symbole und Überzeugungen bindet. Aber es bedeutet auch, die offene Präsenz und Kommunikation religiöser Vollzüge zu gewähren, wenn sie die gemeinsamen Wertgrundlagen achten und wesensgemäss fördern.
Das christliche Kreuz hat also – wie Symbole anderer Religionen – seinen legitimen Platz im öffentlichen Leben. Aus der unterschiedlichen Form dieser gesellschaftlichen Präsenz ergeben sich aber unterschiedliche Konstellationen, die ihre jeweils eigene Botschaft und soziale Wirkung entfalten!
ACCESSOIRE UND BRAUCHTUM
Zunächst das Kreuz als modisches Accessoire: Es ist beliebt als Anhänger oder Piercing, inspiriert nicht selten Tattoos, zählt also für viele zum festen Bestandteil ihrer körperbetonten Inszenierung. Auf diese Weise kommt das Kreuz auch in die Medien, denn Künstler und Prominente mögen diesen Schmuck, auch unabhängig von religiösen Motiven. Es wäre indes überheblich, den christlichen Gehalt solcher Zeichen pauschal und von aussen zu bewerten. Vielfach steht eine existentielle Gläubigkeit dahinter, die als ein Ausdruck religiöser Sensibilität zu würdigen ist, selbst wenn sie inhaltlich vage bleibt. Dass sich dabei auch die Vermarktung und kommerzielle «Enteignung» dieses Symbols zeigt, kann man kritisch festhalten, kennzeichnet aber eine plurale Welt, in der Sinn und Bedeutung nicht mehr doktrinär festliegen.
Oft unbemerkt, weil kulturell eingewöhnt, sind die Funktionen des Kreuzes als Brauchtum: Ob auf Gräbern oder Kirchtürmen, am Wegrand, auf dem Gipfel oder bei Prozessionen, ob in Wappen oder anderen Hoheitszeichen – das Kreuz erscheint hier auch als anschaulicher Teil der gewachsenen, christlich geprägten Geschichte eines Volkes und seiner einst im Glauben und seinen Riten tief verwurzelten Menschen. Es hat – für viele bis heute – die Bedeutung einer schlichten Erinnerung an ihre christlich getragenen Hoffnungen. Aber auch jenseits dieser Prägung wirkt es als Medium der Sinnhaftigkeit des Daseins, besonders in der Erfahrung wie in der Überschreitung von Gewöhnlichkeit und Begrenzung.
HERRSCHAFT, AMT UND SOLIDARITÄT GOTTES
Man darf dabei aber nicht vergessen, dass innerhalb christlich verfasster Staats- und Gesellschaftssysteme das Kreuz als Macht- und Herrschaftszeichen ge- und missbraucht wurde. Es diente zur offiziellen Demonstration der in Staat und Sozietät uneingeschränkt gültigen Ideologie, was allein historisch – angesichts vormodernen Lebens und Denkens – nachvollziehbar scheint. Im Zeichen des Kreuzes wurden aber auch Integrität, Leben und Glück unzähliger Menschen und Völker mit Füssen getreten. Es war Feld- und Militärzeichen, gab den Kreuzzügen ihren Namen, rechtfertigte Kolonialismus und kulturverletzende Missionen, begleitete die Verfolgung sogenannter Ketzer und Hexen – auch als Brustkreuz inquisitorisch tätiger Kirchenmänner. Man darf das nicht ausblenden, damit das Kreuz – bei aller Sorge um seinen abendländisch angestammten Platz – nicht wieder zum politischen Instrument kultureller Macht und Dominanz verkommt.
Ob der aktuelle Kampf um das Kreuz als amtliches Symbol im Kontext staatlich getragener Bildung und Behörden auch aus diesem Dominanzstreben rührt, ist schwer zu sagen. Man beteuert, dass es dabei nur um die verbindliche Reverenz pluraler Anschauungen und anderer Religionen zum christlichen Erbe geht und nicht um eine Leitdiktion, die Anderes und Fremdes angstvoll marginalisiert und niederhält. Dafür jedoch wären fairer Dialog, wechselseitig geübte Toleranz und Symboloffenheit die besten Mittel und Zeugen. So käme man auch dem Ursprung des christlichen Kreuzes als Zeichen der Solidarität Gottes näher. Denn im Eigentlichen steht es für den Weg Jesu, der inhumane Gewalt ablehnte und Ausgrenzung konsequent überwand, weil er dem Leben traute. Dieser Grundsinn des Kreuzes ist entscheidend, wirkt kulturkritisch und relativiert, was man sonst noch damit verbinden mag.
HANSPETER SCHMITT
Prof. Dr. Hanspeter Schmitt lehrt Theologische Ethik an der Theologischen Hochschule in Chur. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. hermeneutische Grundfragen der Theologischen Ethik, humanes Sterben bzw. die ethischen Probleme am Lebensende, Empathie, Wertkommunikation.