Fakten sind relativ
Die Legenden um Felix und Regula reichen weit über deren Martyrium hinaus. In der ältesten überlieferten Fassung aus dem 8. Jahrhundert wird berichtet, wie zwei Geschwister während der diokletianischen Verfolgung in Turicum anfangs des 4. Jahrhunderts vom römischen Schergen Decius wegen ihres christlichen Glaubens geköpft werden. Und «es nahmen deren seligste Leiber ihre Häupter in ihre Hände und trugen sie vom Ufer des Flusses Limmat, wo sie das Martyrium empfangen hatten, 40 dextri gegen jenen Hügel hin. Es ist aber jener Ort, wo die Heiligen mit grosser Zierde ruhen und wo seit alters viele Blinde und Lahme zum Ruhm Gottes und zur Ehre der Heiligen geheilt worden sind».
Felix und Regula sterben also nicht am Richtplatz, dort, wo heute die Wasserkirche steht. Nein, sie legen wunderbarerweise ein sichtbares Zeugnis dafür ab, dass ihr Glaube den Tod überwindet, und gehen mit dem Kopf im Arm einige Schritte bis zu jener Stelle, wo später das Grossmünster gebaut wird.
Felix und Regula markieren den Anfang eines ersten Aufschwungs Zürichs, denn ein Wallfahrtsort zu sein, das verspricht im Mittelalter Einnahmen und Handel und damit finanziellen Wohlstand. «Mit grosser Zierde ruhen» sie deshalb bis heute auf dem offiziellen Siegel der Stadt. Allerdings sind dort nicht zwei, sondern drei Figuren abgebildet, denn ab dem 13. Jahrhundert wurde die Legende um Exuperantius ergänzt, der als ihr Diener ebenfalls das Martyrium durchlitten haben soll.
Während in der Urfassung die Herkunft von Felix und Regula ungeklärt blieb, wurden sie von nun an der thebäischen Legion zugerechnet, jenen ägyptischen Christen, die sich auf der Flucht vor der Christenverfolgung mit ihrem Anführer Mauritius im Wallis, im heutigen St. Maurice, niedergelassen haben. Zu ihnen gehörten unter anderem Urs und Viktor, Patrone des Bistums Basel, und Verena von Zurzach.
Trotz dieser symbolhaften und als Wallfahrtsgrund auch faktisch grossen Bedeutung für Zürich, ist es dennoch erstaunlich, dass Felix und Regula der Stadt als Patrone erhalten geblieben sind. Dem Bildersturm in der Reformation, der Abschaffung von Heiligenverehrung und Reliquienkult fielen 1524 nämlich auch sie zum Opfer. Ihre bis dahin im Grossmünster verehrten Gebeine wurden mit ziemlicher Sicherheit nach Andermatt im Kanton Uri gebracht, wo sie heute noch ruhen. Selbst aus der ältesten erhaltenen Stadtansicht von Hans Leu d. Ä – entstanden um 1500 – wurden sie getilgt, obwohl ihr Martyrium die Hauptsache und das Stadtbild nur den Hintergrund dieses Bildes darstellten.
Inzwischen sind in Zürich wieder ReliÂquien der Märtyrer heimisch geworden, allerdings in den beiden katholischen Kirchen Liebfrauen (seit 1982) und – natürlich – in Felix und Regula (seit 1950). Anhand der Märtyrer Felix und Regula lässt sich also fast die gesamte Religions- und Konfessionsgeschichte Zürichs nachverfolgen und erzählen. Damit ist die Legende, obwohl historisch nicht fassbar, zweifellos zu einem gewichtigen historischen Faktor geworden. Selbst wenn Felix und Regula nie gelebt haben sollten, so haben sie doch Stadtgeschichte geschrieben.
Ohnehin wollen Legenden nicht Fakten, sondern Wahrheiten vermitteln. Zum Beispiel diese: Der Glaube der Christen ist keine Vertröstung aufs Jenseits. Die Auferstehung und das ewige Leben beginnen nicht erst nach dem Tode, sondern bereits im Tode. Ob man nun daran glauben mag, dass Felix und Regula als Geköpfte noch «40 dextri» gegangen sind, ist nicht entscheidend – entscheidend ist vielmehr das, worauf dieses Wunder hinweist: Das Sterben ist ein Übergang, denn Ewigkeit hat weder Ende noch Anfang. Wer an Legenden glauben will, der muss sich nicht fragen, was sie erzählen, sondern weshalb sie es erzählen.
THOMAS BINOTTO