Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2010 forum Nr. 18, 2010 Liebe Leserin, lieber Leser

Liebe Leserin, lieber Leser

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Auch in diesem Sommer bin ich nicht verreist, hatte nicht einmal Ferien. Ich geniesse Zürich, wenn die Luft vor Hitze flirrt, die Trams nicht bis auf den letzten Platz besetzt, die Strassen leerer und hauptsächlich von lachenden oder ratlos den Stadtplan studierenden Touristen bevölkert sind. Gerne weise ich den kürzesten Weg zum See, zeige den Eingang zum Fraumünster – und weiss selbstverständlich auch, wo sich der Lindenhof und das Kunsthaus befinden. Und plötzlich fühle ich mich doch ein wenig wie in den Ferien. In der S-Bahn blicke ich aus dem Fenster, anstatt mich auf die Zeitungsnews zu stürzen. Meine Freundin besuche ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln anstatt mit dem Auto, obwohl die Fahrt dann mehr als doppelt so lange dauert – und freue mich über die lauschigen Orte, die ich unterwegs sehe. Manchmal setze ich mich nach der Arbeit in ein Gartenrestaurant, treffe Bekannte – oder sinniere vor mich hin. Herrlich. Oder aber, ich breche zu einem Spaziergang durch Zürich auf, der mich dank kundiger Anleitung von Walter Achermann zu «Engeln, Helden und Heiligen mitten in der Stadt» führt. Ich lasse mich überraschen von den Brunnen, Skulpturen und Reliefs an Strassen, auf Plätzen und in Parks, in und auf denen religiöse Motive dargestellt sind. Schlendernd entdecke ich die Altstadt neu, den Utoquai, den Platzspitz und den Kreis 5. Erfahre, dass die Heldengestalt auf dem Fischmarktbrunnen am Limmatquai der alttestamentliche Simson ist und die an den Zufahrtsstrassen der Stadt Zürich gelegenen öffentlichen Brunnen im Volksmund bereits in vorreformatorischer Zeit «Pilger-» oder «Gnadenbrunnen» genannt wurden. «Reisen verschiebt Horizonte» lese ich während meiner Tour auf dem Fenster eines Reisebüros. Dasselbe, denke ich schmunzelnd, gilt auch für einen neugierig-aufmerksamen Spaziergang durch die eigene Stadt.

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Pia Stadler. FOTO: CHRISTOPH WIDER