Engel, Helden und Heilige mitten in der Stadt
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(3) FOTO: WALTER ACHERMANN
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Wer in Zürich ankommt, wird seit dreizehn Jahren von einem monumentalen Engel (1) empfangen, der in der Bahnhofshalle schwebt. Die Securitas hat ihn der SBB zu ihrem Geburtstag geschenkt. Niki de Saint Phalle (1930–2002) hat ihn geschaffen und ihm den Namen L’ange protecteur gegeben. Unkonventionell gestaltete die Künstlerin einen fröhlichen, weiblichen Schutzengel, der elf Meter lang ist und 1,5 Tonnen wiegt. Diese golden geflügelte «Nana» hat einen molligen, blauen Körper und trägt ein bunt gemustertes Kleid. In den Händen hält sie silberne Krüge, deren Inhalt von einem zum andern und wieder zurückfliesst. Es ist rot leuchtende Energie, mit der wohl dynamische Schutzkraft gemeint ist, die unseren Weg begleiten soll.
Wir überqueren den Bahnhofplatz, halten uns nach links und erreichen nach der Waisenhausstrasse den Beatenplatz. Danach entdecken wir an der Ecke Werdmühlestr- asse/Lindenhofstrasse einen Brunnen (2). Das Relief über dem Wasserbecken stammt vom Bildhauer Julius Schwyzer (1876–1929) und entstand 1916. Es stellt die Stadtheiligen Felix, Regula und Exuperantius dar, die der Legende nach in Zürich die christliche Botschaft verkünden und für ihre Überzeugung um 300 enthauptet wurden. In dünne, durchscheinende Stoffe gekleidet, stehen die jugendlich schlanken Märtyrer anmutig vor uns. Wie auf dem Stadtsiegel werden sie auch hier als Kephalophoren (Hauptträger) dargestellt. Auf einer Hand tragen sie ihre abgeschlagenen Köpfe. Über jedem der drei Heiligen schwebt an den Wolken in einem Nimbus eine Taube. Später hat Paul Bodmer in den Malereien im Kreuzgang des Fraumünsters das Taubenmotiv ebenfalls verwendet.
Weiter geht’s Richtung See ans Ende der Bahnhofstrasse. Man kann den direkten Weg wählen oder via Lindenhof durch die Altstadt schlendern. Nun steht ein weiterer Brunnen (3) vor uns, klassisch schön mit zahlreichen antiken Elementen: einem flach geschweiften Giebel, zwei Granitpilastern mit Akanthuskapitellen und einem wasserspeienden Faunsgesicht. Die Mitte bildet ein Relief in weissem Marmor, das eine Szene aus dem Ersten Testament zeigt: Abrahams Knecht, der nach einer Frau für Isaak sucht, hat sein Ziel erreicht in der Begegnung mit der schönen Rebekka, die ihm am Brunnen vor der Stadt Nahors zu trinken gibt (Genesis 24). Aus dieser Gastfreundschaft wächst eine lebenslange Beziehung, denn Isaak und Rebekka werden schliesslich ein Paar, wodurch die göttliche Verheissung der Volkswerdung sich der Verwirklichung um einen weiteren Schritt nähert. Geschaffen wurde die Steintafel des Rebekkabrunnens 1880 von Heinrich Gerhardt (1823–1915) in Rom. Wie eine Inschrift verrät, wurde der Brunnen 1908 der Stadt Zürich geschenkt.
Wir überqueren die Quaibrücke, gehen in der Allee dem Utoquai entlang vorbei an der nächsten Landungsstelle. Dem Opernhaus gegenüber kniet zwischen den Bäumen auf einem vier Meter hohen Betonpfeiler ein stolzer, nackter Jüngling. Bei näherem Hinsehen merken wir, dass es sich um eine weitere Gestalt des Ersten Testaments handelt, nämlich um David, den späteren König Israels (4). Unter dem rechten Fuss des jugendlichen Helden entdecken wir das Haupt des Riesen Goliath, den David mit dessen Schwert enthauptete, nachdem er ihn mit einem Stein aus seiner Hirtenschleuder besiegt hatte (1 Samuel 17,49–51). Durch Mut, List und Vertrauen in Gottes Hilfe kann auch der Schwache in einer schier hoffnungslosen Situation gewinnen. Die David-Statue wurde 1921 vom Schweden Ivar Johnsson (1885–1970) ausgeführt.
Über das Bellevue kommen wir zum Limmatquai, wo neben dem Zunfthaus Rüden vor dem Haus «Zur Kerze» mit dem auffallenden Erkerturm der Fischmarktbrunnen (Titelbild) reichlich Wasser spendet. In der Mitte des grossen sechseckigen Beckens erhebt sich über den Wasserspeiern mit Löwenköpfen eine Säule, die von der Figur einer weiteren alttestamentlichen Heldengestalt gekrönt wird. Es ist der kraftvolle Simson, von dem im Richterbuch erzählt wird, er sei auf dem Weg zur Hochzeit von einem Löwen angegriffen worden. «Da kam der Geist des Herrn über Simson, und Simson zerriss den Löwen mit blossen Händen, als würde er ein Böckchen zerreissen» (Richter 14,6).
Er packt den Löwen an Ober- und Unterkiefer und renkt diese aus. Simson galt vielen als Verkörperung des Metzgerhandwerks, andere sahen in ihm die personifizierte Fortitudo (Tapferkeit), eine der vier Kardinaltugenden. Die Figur wird einem Hans Linz, auch Motschon genannt, aus Pergine bei Trient zugeschrieben, der 1550 nach Zürich gekommen sein soll, wo er den Simson der Stadt zum Geschenk machte, damit er das Bürgerrecht erhalte. 1559 wurde er in Luzern als Ketzer enthauptet und danach verbrannt. Simson schmückte zuerst einen Brunnen an der Kirchgasse, wurde aber 1698 bei der Umgestaltung des Fischmarkts anlässlich des Neubaus des Rathauses hier aufgestellt.
Nun geht’s hoch in die Münstergasse vorbei am Grossmünster, durch die Kirchgasse und schliesslich zum Kunsthaus. Hier steht neben dem Eingang La porte de l’enfer (1880–1817), das «Höllentor» (6) von Auguste Rodin (1840–1917). Der Bronzeguss war ein Geschenk von Emil Georg Bührle, 1949. Das figurenreiche Werk wurde inspiriert von Dantes Visionen und gedacht als Eingang ins «Musée des Arts Décoratifs», welches dann allerdings gar nicht gebaut wurde, wodurch auch die Höllenpforte ihrerseits unvollendet blieb. Ob der berühmte Denker oberhalb der Mitte des Tors über den 3. Gesang der «Divina Commedia» sinniert? «Durch mich geht’s hin zur Heimstatt aller Plagen. Durch mich geht’s hin zur ewig langen Pein, durch mich zum Volke, das von Gott geschlagen.»
Nach diesem emotionalen Tiefpunkt erreichen wir über Kantonsschul- und Rämistrasse den höchsten Punkt unseres Spaziergangs im Park neben dem Universitätsspital. Da steht die Harfe II (7) des Zürcher Bildhauers Hans Aeschbacher (1906-1980) aus dem Jahr 1951. Die feine und doch starke Mandala-artige 2,5 Meter hohe Skulptur aus Castione-Granit lädt zum Verweilen und zum Meditieren ein. Wenn wir vorher vor dem Höllentor standen, betrachten wir jetzt gleichsam ein himmlisches Instrument, das man eher mit Engeln in Verbindung bringen möchte. Die Harfe lässt Durchblicke zu zwischen den Saiten, auch der Wind kann hindurchblasen. Aeschbachers «Harfe I» aus Lavagestein war bei einem Transport zu Schaden gekommen. Der Mistral soll ihr in der Provence feinste Sphärenklänge entlockt haben, sagt man. Ähnliches lässt sich auch bei «Harfe II» vermuten. Sie ist eine steinerne Studie über Strömungen. Luft fliesst durch den Stein. Elemente begegnen und durchdringen sich. Der harte Stein wirkt in dieser Form weich und bezeugt entgegen seiner Festigkeit, dass alles im Fluss ist. Das harmonische Instrument im grünen Rasen wirkt beruhigend.
Nach wenigen Schritten sind wir vor dem Haupteingang des Universitätsspitals. Dort sitzt Der Genesende (8), eine hell leuch-tende Bronzeplastik von Otto Charles Bänninger (1897-1973), die der Bildhauer 1946/48 formte. Sie wirkt wie ein Wunsch an alle Patienten, die da eintreten, sie mögen hier Genesung finden. Der junge Mann hat es geschafft. Er streckt sich und reckt seine vom langen Liegen steifen Glieder. Und alles, auch er selbst, erscheint am Morgen der Genesung wie in einem neuen Licht. Es wird schon werden. Hoffnungsvoll schaut er der Zukunft entgegen. Er hat Zuversicht zum Verschenken. Hoffnung ist eine heilende Kraft. Doch auch des Schlafes Bruder geht hier ein und aus. Vielen schlägt hier die letzte Stunde. Der strahlende junge Mann mag auch an den Engel erinnern, der am Ostermorgen den Frauen am Grab begegnet. Er weist über den Tod hinaus und verkörpert ein Genesen in ein neues Leben hinein. Er schaut der Sonne entgegen und lässt alle Schatten hinter sich.
Nun geht’s abwärts durch die Tannenstrasse an der ETH vorbei in die Leonhardstrasse, an deren Ende rechts Johannes der Täufer, der Weisende (9) steht, den Albert Schilling (1904–1987) im Jahr 1957 für den Aufgang zum Pfarrhaus und zur Kirche Liebfrauen schuf. Die anfänglich umstrittene, markante Gestalt zeigt mit der Rechten nach oben die Treppe hinauf zur Kirche. Johannes lädt dazu ein, dort die Hektik des Verkehrs und die Unruhe des Geläufigen hinter sich zu lassen, still zu werden, sich auf das Wesentliche zu besinnen und dem zu begegnen, der Weg und Wahrheit ist, die zu erfülltem Leben führen. Schillings Johannes ist deutlich als der Täufer erkennbar an der grossen Muschel, die er etwas schlaff in der linken Hand hält. Offensichtlich kam es dem Künstler mehr auf seine wegweisende Bedeutung an. Mit starkem Arm zeigt er den Weg.
Trotz seiner Hohlwangigkeit wirkt dieser Mahner äusserst kraftvoll und entschieden. Der Bildhauer hat ihn nicht aus dem Marmorblock herausgelöst. Der ungeschliffene Steinklotz umgibt den Rufer und bildet so für ihn eine schützende Nische, gleichzeitig betont er aber auch seine Standfestigkeit. Unverrückbar wie ein Pfeiler im Strom steht er vor uns. Jesus sagte von ihm: «Ihr habt mehr gesehen als einen Propheten. Er ist der, von dem es in der Schrift heisst: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen» (Matthäus 11,9–10). Johannes ist seinem Auftrag treu geblieben, ist dafür geradegestanden und hat seinen Kopf dafür riskiert.
Via Summatrastrasse und eine der Treppen kommen wir zur Stampfenbachstrasse, an der wir gegenüber der Abzweigung, die zum Milchbucktunnel führt, auf der rechten Seite an der Mauer den Pilgerbrunnen (10) entdecken. Er wurde vom Bildhauer Walter Gygi (1882–1958) ausgeführt. Die Figur über dem Brunnenbecken zeigt einen mittelalterlichen Pilger. Er trägt ein einfaches, sackartiges Pilgerkleid, das mit einem groben Strick zusammengehalten wird, und einen typischen Pilgerhut. Die Muscheln an Hut und Gewand weisen ihn als Jakobspilger aus, obwohl er mit den simplen Sandalen kaum bis nach Spanien gekommen wäre. Neben gutem Schuhwerk fehlt ihm auch die übliche Pelerine. Seine rechte Hand umklammert einen kräftigen Stock, der unterwegs nicht nur als Stütze, sondern auch zur Verteidigung gegen Räuber und wilde Tiere diente. Rechts trägt er eine Reisetasche, links eine Kürbisflasche für den notwendigen Wasservorrat.
Der Brunnen erinnert nicht nur an die Pilger, die unterwegs waren nach Einsiedeln, Rom oder Santiago, sondern auch an die vielen Menschen, die in vorreformatorischer Zeit nach Zürich pilgerten, um die Reliquien von Felix und Regula zu verehren. Sie alle machten in Zürich Station. Reiche Pilger werden in den Tavernen der Stadt übernachtet haben, ärmere lagerten an den Brunnen am Stadtrand, wo sie sich erfrischten, ihre Flaschen mit Wasser füllten und sich auf den Märkten mit Proviant versorgten. Die an den Zufahrtsstrassen der Stadt gelegenen öffentlichen Brunnen wurden im Volksmund «Pilger-» oder «Gnadenbrunnen» genannt. In «Erinnerung an das kulturgeschichtlich und wirtschaftlich interessante Pilgerwesen» (NZZ) liess die Stadt 1933 diesen neuen Pilgerbrunnen errichten.
Wir gehen hinunter zur Limmat, über den Drahtschmiedlisteg auf den Platzspitz, dann über den Mattensteg an den Sihlquai, etwas dem Fluss entlang, dann links zur Limmatstrasse. Kurz vor dem Limmatplatz finden wir zwischen der Johanneskirche und dem Hotel x-tra etwas im Hintergrund versteckt eine weitere Skulptur (11) des Zürcher Bildhauers Otto Charles Bänninger (1897–1973), zwei lebensgrosse Männer, schlank und nackt. Der Mann links steht sicher und kraftvoll da. Der andere wirkt schwach, wie betäubt. Schlaff lässt er den linken Arm hängen. Seine Knie sind eingeknickt. Aufrecht hält er sich nur, weil er dem Partner den rechten Arm über dieSchulter legen kann, und weil dieser behutsam seinen Kopf stützt. Sie sind sich ganz nah, schauen einander in die Augen, hilflos der eine, fragend der andere: Was fehlt dir? Was kann ich für dich tun? So scheint auch die etwas verlegene Geste seiner rechten Hand zu fragen. Doch diese Hand ist frei, bereit für Not wendendes Handeln. Der barmherzige Samariter heisst die Skulptur, die der einfühlsame Künstler 1931 fertigte. Sie nimmt Bezug auf die bekannte Beispielerzählung Jesu zur Frage «Wer ist mein Nächster?» (Lukas 10,25–37).
Herkömmliche Darstellungen zeigen den Samariter meist über den Verletzten gebeugt, wie er ihm zu trinken gibt oder seine Wunden versorgt. Oft steht ein Reittier daneben, bereit für den Transport in die Herberge. Bänninger setzt einen anderen Akzent. Ihm geht es vor allem um die intensive Begegnung der beiden. Da gibt es keine Berührungsängste. Der Helfende wird dem Hilfsbedürftigen zum Nächsten. Sie kommen sich ganz nah, hautnah, kann man sagen. Die Zuneigung ist in keiner Weise herablassend, sondern aufrichtig und aufrichtend. Der eine sieht im andern seinesgleichen. Darum hat der Künstler wohl auch beide nackt dargestellt. Wer einem anderen hilft, hat keine Scheu, sich eine Blösse zu geben und verletzlich zu werden. Die beiden gleichen sich, sind zu Brüdern geworden, die sich umarmen. «Dann geh und handle genau so!», sagte Jesus zu dem, der in gefragt hatte «Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?»
Mit der Antwort auf diese entscheidende Frage endet unser Rundgang sinnvoll. Zu Fuss oder mit Tram 4 oder 13 sind wir schnell wieder beim Bahnhof, wo wir uns vom Engel verabschieden können, der unseren Weg unsichtbar schützend begleitet hat.