Das ew’ge Licht
 So wie Felix Mendelssohn Bartholdy wurde auch Gustav Mahler in eine jüdische Familie hinein geboren, dann aber christlich getauft. Und in beiden Fällen wird vermutet, dass hinter der Konversion nicht Überzeugung, sondern Opportunismus stand. Im Fall von Gustav Mahler ging es um eine Anstellung als Hofoperndirektor in Wien. Als Jude wäre er da nie und nimmer hingeÂkommen. Und nicht nur nicht an die Wiener Oper, sondern auch nicht an jene in Berlin, in Dresden oder in München. Was blieb ihm anderes übrig, wenn er seine musikalische Revolution verwirklichen wollte? Also konvertierte er 1897 als 37-Jähriger zum Katholizismus. Dadurch bekam er zwar die Direktorenstelle in Wien, doch bereits zwei Tage nach seinem Amtsantritt war in der Presse von «jüdischem Machtstreben» und einer «Judifizierung der Oper» die Rede. Nach zehn Jahren gibt Mahler in Wien auf.
Gustav Mahler, der am 7. Juli 1860 im böhmischen Kalischt zur Welt kam, wuchs in einem jüdischen Umfeld auf, das ihn sehr prägte. Sein Vater leistete Synagogendienste und war mit einem Kantor und Schriftgelehrten befreundet. Die höhere Schule besuchte Gustav in Prag – einem damaligen Zentrum des Judentums.
Die Frage, ob Mahlers Musik deswegen jüdisch geprägt sei, wird kontrovers diskutiert. Einig sind sich die Musikwissenschaftler allerdings darin, dass sie religiös geprägt ist. Das zeigt sich beispielsweise an seiner zweiten Sinfonie und an den «Kindertotenliedern» – beides Werke, die Tod und Auferstehung thematisieren.
Mahler wurde in seinem Leben verschiedentlich mit dem Tod konfrontiert. Als er 1901 mit der Komposition der «Kindertotenlieder» begann, lebten von seinen dreizehn Geschwistern noch drei. Sieben waren vor dem zweiten Lebensjahr gestorben, vier dieser Todesfälle hat Mahler miterlebt. Die Art, wie der Komponist die Kindertotenlieder-Texte von Friedrich Rückert vertont, zeigt, wie viel ihm am Glauben an ein ewiges Leben nach dem Tod gelegen ist. «Du musst nicht die Nacht in dir verschränken, musst sie ins ew’ge Licht versenken!», heisst es da und mit den Worten «ins ew’ge Licht» ertönt ein Glockenspiel, gleichsam als Symbol der Ewigkeit.
Ebenso in der zweiten Sinfonie, deren Kernaussage dem 1. Korintherbrief des Apos-tels Paulus entnommen ist: «Auch das, was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt.» Bei Mahler heisst es: «Was entstanden ist, das muss vergehen! Was vergangen, auferstehen! … Sterben werd’ ich, um zu leben!» Die zweite Sinfonie wird denn auch als «Auferstehungssinfonie» bezeichnet.
Mahler war zweifellos ein religiöser und spiritueller Mensch, aber auch ein suchender. Im berühmten Lied «Urlicht», das im vierten Satz der zweiten Sinfonie erklingt, vertont er folgenden Text: «Ich bin von Gott und ich will wieder zu Gott! Der liebe Gott wird mir ein Lichtchen geben, wird leuchten mir bis in das ewig selig Leben!» In seiner Musik begegnet einem immer wieder das Ringen in der Gottessuche, das Hadern mit Gott und die Frage nach dem Sinn des Lebens. Das beeindruckt mich zutiefst. Und noch mehr vielleicht, dass er in wenigstens einem Gewissheit gefunden hat: «Wieder aufzublühn, wirst du gesä’t! Der Herr der Ernte geht und sammelt Garben uns ein, die starben! O glaube: Es geht Dir nichts verloren! Dein ist, ja Dein, was Du gesehnt, Dein, was Du geliebt, was Du gestritten! O glaube: Du wardst nicht umsonst geboren!»