Wollen wir Gesprächspartner sein?
 Martin Rupprecht ist ein viel beschäftigter Mann. Er ist Pfarrer in Wien-Neufünfhaus, Dekan des 15. Bezirks und Leiter der Kontaktstelle für christlich-islamische Begegnung in der Erzdiözese Wien. Deshalb ist es gar nicht einfach, auf die Schnelle einen Gesprächstermin mit ihm zu vereinbaren. Doch wir haben Glück. Am Rande eines Kongresses in der Wiener Diplomatischen Akademie steht er unseren Fragen zum Verhältnis von Christen und Muslimen in Österreich Red und Antwort. Und da kennt er sich aus. Er hat ein Jahr in der Türkei verbracht, um die Sprache zu lernen und mit Muslimen zu leben, um in diese Kultur einzutauchen und die Innenseite kennenzulernen. Dass er Türkisch spricht, eröffnet ihm viele Kontaktmöglichkeiten, denn 60 Prozent der Muslime in Österreich sind Türken. Die zweitgrösste Gruppe bilden die Bosnier. In Wien machen die Muslime rund neun Prozent der Bevölkerung aus. Im Bezirk, wo Martin Rupprecht lebt und arbeitet, sind es gar um die 15 Prozent. Hier gibt es Schulen mit bis zu 90 Prozent Zuwanderern, die grösstenteils Muslime sind. Es erstaunt deshalb nicht, dass es auch in Österreich eine «Islamdebatte» gibt, in der heftig und kontrovers diskutiert wird, ob sich Muslime in unsere westliche Gesellschaft integrieren wollen und können und ob der Islam mit einer pluralistischen, demokratischen Staatsform kompatibel sei. An diesem Diskurs ist auch die «Kontaktstelle für christlich-islamische Begegnung» beteiligt, die Martin Rupprecht vor vier Jahren gegründet hat. Sie ist zuständig für Aus- und Fortbildung auf Pfarrei- und Dekanatsebene wie auch für die Kontaktaufnahme zu muslimischen Institutionen.
Kein FUNDAMENTALISMUS
Martin Rupprecht sieht das grösste Problem bezüglich westlicher Islamophobie darin, dass zu wenig unterschieden werde zwischen dem Islam als Weltreligion und Quelle ethischer Massstäbe und dem islamischen Fundamentalismus als Ideologie einer neuen Âtotalitären politischen Richtung. Mit fundamentalistischen Gruppierungen, die den Islam politisch instrumentalisieren, lasse sich kein Dialog führen. Demgegenüber sei das Gespräch mit den Muslimen eine grosse Chance – nicht nur für das österreichische Christentum als Mehrheitsreligion, sondern auch für die säkulare multikulturelle Gesellschaft und für das politische Staatswesen. «Verschiedene islamische Organisationen wünschen sich ernsthafte Gesprächspartner von Seiten der Kirchen», sagt Rupprecht, «doch das Problem ist, dass eine grosse Mehrheit der westlichen Welt dem Islam die Fähigkeit abspricht, eine Quelle der Ethik sein zu können. Darum existiert ein weitgehender Nicht-Dialog islamischer und christlicher Glaubensgemeinden.» Diese Einstellung ortet der Theologe nicht nur bei einfachen Christen, sondern auch bei hohen kirchlichen Würdenträgern, aber auch bei Politikern: «Sie wollen oder können den Islam nicht verstehen, wie er sich selbst sieht oder verstanden werden will. In Vorträgen ernten meist jene den grössten Beifall, welche die Inkompatibilität des Islam mit der modernen, säkularen und demokratischen Gesellschaftsordnung vertreten.» Hier sei grosser Klärungsbedarf notwendig. Dazu veranstaltet Martin Rupprecht Kurse wie «Christentum für Muslime» oder «Koranlesen für Christen», er ist als Berater für Kardinal Schönborn tätig und vertritt die Erzdiözese in verschiedenen interreligiösen Gremien und Konferenzen.
BEGEGNUNG STATT VORURTEILE
Auf die Frage, wie Vorurteile abgebaut werden können, meint Martin Rupprecht: «Wir sprechen noch immer viel zu oft über die Muslime statt mit ihnen. Was es braucht, sind gezielte und begleitete Begegnungen, bei denen wir uns immer auch fragen müssen: Was darf ich eigentlich erwarten? Was kann ich von aussen beurteilen? Was darf ich schlussfolgern? Wir müssen uns bewusst werden, was wir sehen und was wir daraus interpretieren.» Auch die katholische Kirche habe lange gebraucht, um dem einzelnen Menschen die Gewissensfreiheit, die Meinungsfreiheit oder die Interpretation der Bibel zuzugestehen. «Wie viele Prozesse der inneren Reform haben wir allein in den vergangenen 50 Jahren durchgemacht? Wie viele Dialoge mit der ‹aufgeklärten Wel› hat es dazu gebraucht?» Diese innere Entwicklung sieht der Dekan auch im Islam. «Ich muss zulassen, dass durch viele Dialoge Menschen und Denksysteme sich verändern. Die Frage an mich ist, ob ich ein Dialogpartner sein will.»