Barockes Lebensgefühl
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Klosterbibliothek im Stift Admont. FOTO: CHRISTOPH WIDER
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Benediktinerstift Melk – Bau der Superlative
Weithin sichtbar, in der Mitte zwischen Wien und Linz, thront das Benediktinerstift Melk an der Donau majestätisch auf einem 60 Meter hohen Granitfelsen. Die Kuppel der Stiftskirche und die zwei goldverzierten Türme leuchten verschwenderisch in der Sonne. Der Prachtbau wartet mit zahlreichen Superlativen auf: 17 500 Quadratmeter Fläche, eine 362 Meter lange Südfront, 1888 Fenster und eine 64 Meter hohe Kuppel. «Das Stift Melk ist eines der eindrucksvollsten einheitlichen Barockbauten nördlich der Alpen und gleichzeitig Schwerpunkt der Gründungsgeschichte Österreichs», erklärt Pater Martin, der seit 35 Jahren in Melk wohnt und wirkt.
VON DER BABENBERGER BURG …
Ende des 10. Jahrhunderts stand hier bereits eine Burg der Babenberger, des ersten Herrschergeschlechts Österreichs. Im Jahre 1014 liess Heinrich I. den der Legende nach unverwesten Leichnam des Heiligen Koloman in die Burg bringen. Koloman, ein irischer Königssohn auf Pilgerreise nach Jerusalem, erlitt 1012 in der Nähe von Wien das Martyrium, weil er in dieser gefährlichen Grenzgegend für einen Spion gehalten wurde. Seiner fremden Sprache und Kleidung wegen verdächtig, war er gefangen genommen, gefoltert und auf einem dürren Holunderbaum aufgehängt worden. Koloman starb, der Holunderbaum jedoch trieb frische Blätter und Blüten. Mit der Überführung des Heiligen glaubten die Babenberger, an dessen Gnaden teilhaben zu können, sowohl im Leben als auch im Tod. Einen Heiligen in ihrer Burg zu haben, wurde als eine göttliche Bestätigung ihrer vom Kaiser verliehenen Herrschaft verstanden und sollte zur inneren Festigung des neuen Herrschaftsgebietes beitragen. Beim Grabe Kolomans konnten auch die Babenberger eine würdige Begräbnisstätte für sich einrichten.
Diese Grabstätten waren wahrscheinlich der Grund dafür, dass Leopold II. 1089 Burg und Kirche auf dem Felsen von Melk dem ersten Abt Sigibold und seinen Mönchen übergab. In der Klosterbibliothek wird noch jenes zirka 1000-jährige Exemplar der Regel aufbewahrt, das die Mönche aus ihrem Heimatkloster mitgebracht hatten. Der heilige Koloman wurde der erste Landespatron von Österreich und blieb dies bis 1663, als Leopold III. zum Landespatron erhoben wurde.
Das Kloster entwickelte sich schnell zu einem geistlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum des Landes. Im 15. Jahrhundert war das Stift mit der sogenannten «Melker Reform» Ausgangspunkt einer der bedeutendsten mittelalterlichen ÂKlosterÂreformen.
… ZUM BENEDIKTINER BAROCK-JUWEL
«Durch mehrere Brände und Türkeneinfälle erheblich in Mitleidenschaft gezogen, erlebt das Stift Melk seinen Höhepunkt in der Barockzeit, als ab 1702 innerhalb von 35 Jahren die imposante, inzwischen zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Stiftsanlage errichtet wurde», sagt Pater Martin. Kaum eine andere Epoche hatte sich so radikal von alten Bauformen getrennt wie der Barock. Mit der Gegenreformation präsentierten sich Klöster und Stifte mit grosszügigen Bauten, erlesenen Bibliotheken und prunkvollen Kirchen. Lebensfreude wurde mit leuchtender Farbe, Stuck und Marmor ausgedrückt. «Melk überzeugt durch seine harmonische Gesamtkomposition. Zudem gelang hier, was an den meisten anderen Orten scheiterte: Der gesamte barocke Plan konnte umgesetzt und das ganze Kloster neu gebaut werden.» Für Baumeister Jakob Prandtauer bedeutete der Stiftsbau von Melk die Krönung seines Schaffens. Zur Ausgestaltung der Anlage wurden die namhaftesten Künstler der Zeit beigezogen.
Die Stiftskirche zeigt Hochbarock in Vollendung. Das Innere des Kuppelbaus besticht durch seine Einheit von Architektur, Plastik und Malerei sowie durch die mit Rot und Gold erzeugte Farbigkeit. Ein besonderer Effekt wird dadurch erzielt, dass Hochaltar und Kuppel in der Lichtzone liegen, was den religiösen Bezug der gesamten Anlage und die Orientierung auf Gott hin deutlich sichtbar macht. Das Deckengemälde des Langhauses, 1722 von Michael Rottmayr ausgeführt, stellt die Verherrlichung des Hl. Benedikt dar. Im Querschiff steht der Sarkophag des Hl. Koloman. Prachtvoll ist der Hochaltar mit den Figuren der Apostel Petrus und Paulus, im Kuppelgemälde ist die Dreifaltigkeit dargestellt, um die sich zahlreiche Heilige gruppieren.
«Ora et labora et lege», bete, arbeite und studiere, wo liesse sich der Benedictus-Regel besser nachleben als in Melk?», fragt Pater Martin und lächelt verschmitzt. «Und als Geburtsort und Alterssitz des Mönchs Adson, des Erzählers in Umberto Ecos Roman ‹Der Name der Rose›, kam das Stift ja auch noch zu neueren literarischen Ehren.»
Augustiner Chorherrenstift St. Florian – ein Hort der Musik
 Der Mühlstein, mit dem der Heilige Florian 304 n. Chr. ertränkt worden sein soll, ist heute noch zu sehen. Über dem Grab des Heiligen entstand das Augustiner Chorherrenstift St. Florian samt der Wallfahrtsbasilika. Wenn es um die glänzendsten Schöpfungen des Barocks in Österreich geht, darf auch diese Anlage, 1686 bis 1750 südöstlich von Linz nach Plänen von Carlo Carlone und Jakob Prandtauer erstellt, nicht fehlen. Doch mehr noch als die prunkvolle Freitreppe als Zugang zu den Kaiserzimmern ziehen an diesem Nachmittag zarte Knabenstimmen die Besuchenden in Bann. Stimmen, die es mit dem weiblichen Sopran aufnehmen können. Der Chor der St. Florianer Sängerknaben ist einer der ältesten Knabenchöre der Welt. Rund 50 Jungs zwischen 9 und 14 Jahren erhalten hier eine umfangreiche musikalische Ausbildung und treten sowohl in der Kirchenmusik als auch in vielen Konzerten im In- und Ausland in Erscheinung. Der Erfolg der St. Florianer Sängerknaben ruht auf dem starken Fundament ihrer fast 1000-jährigen Geschichte. Zahlreiche hervorragende Musiker sind seit der Gründung des Chores 1071 aus seinen Reihen hervorgegangen. Der wohl berühmteste unter ihnen: Anton Bruckner (1824 – 1896).
VON DER BRUCKNER-ORGEL …
«Die Faszination für Bruckner brachte mich hierher», sagt Chorherr Klaus Sonnleitner auf dem Weg hinauf zur Westempore der Basilika, welche die berühmte Bruckner-Orgel beherbergt, die 1770 bis 1774 gebaut, einst vom bedeutenden Symphoniker bespielt wurde. «Nicht nur seine Musik begeistert mich, sondern auch sein Werdegang vom Sängerknaben zum Stiftsorganisten und schliesslich zum Universitätsprofessor.»
Im benachbarten Ansfelden geboren, weilte Anton Bruckner von 1837 bis 1840 als Sängerknabe in St. Florian. Nach Ausbildungsjahren zum Lehrer kehrte er 1845 wieder zurück und versah neben dem Schuldienst auch Aufgaben als Organist. Von 1850 bis 1855 wirkte Bruckner schliesslich als «provisorischer Stiftsorganist». In seiner Florianer Zeit entstanden verschiedenste Kompositionen, unter anderem das Requiem, die Missa solemnis in b-Moll, das Magnificat sowie weltliche Lieder und Chöre.
Als Bruckner nach den Jahren als Dom- und Stadtpfarrorganist in Linz zum Professor am Wiener Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde sowie der Wiener Universität und zum Hoforganisten avancierte, kehrte er immer wieder nach St. Florian zurück. Er verbrachte hier Urlaubstage in seinem «Ferienzimmer», komponierte und spielte zu festlichen Anlässen wie dem Augustinusfest die Orgel beziehungsweise in der Karwochenliturgie das Harmonium. Unter anderem vollendete er 1872 seine 2. Symphonie und 1874 seine 4. Symphonie in St. Florian. Zimmer Nummer 4, Bruckners Ferienzimmer, sei bis heute ein Gästezimmer geblieben, erklärt Klaus Sonnleitner. Seinem Wunsch gemäss wurde Anton Bruckner in der Gruft des Stiftes unter seiner geliebten Orgel beigesetzt. Im Besitz des Stiftes befinden sich auch das Pedalharmonium Bruckners, das anfangs als Unterrichtsinstrument am Wiener Konservatorium diente, sowie der Flügel von Ignaz Bösendorfer, den er 1848 von Franz Sailer, dem Kanzleischreiber des Stiftes, geerbt hatte.
… ZUM SYMPHONIE-WANDERWEG
Durch Felder, Wiesen und hügelige Waldlandschaft führt ein «Symphonie-Wanderweg» von Bruckners Elternhaus in Ansfelden – heute das Anton-Bruckner-Museum – bis zur Begräbnisstätte in St. Florian. Zehn Schautafeln geben Einblick in das kompositorische Schaffen und das historische Umfeld des Künstlers.
Doch St. Florian hat musikalisch noch mehr zu bieten als Sängerknaben und Bruckner. «Die ältesten Zeugnisse musikalischer Tradition sind zahlreiche liturgische Bücher aus dem Mittelalter zur Verwendung in Messe und Chorgebet», sagt Chorherr Klaus Sonnleitner. Die für den Gesang bestimmten Texte seien dabei mit Neumen, der mittelalterlichen Notenschrift, eingerichtet. In der Stiftsbibliothek befände sich mit einer Prophetenhandschrift aus dem 9. Jahrhundert auch der älteste mit Notation versehene Text Österreichs. «Das Musikarchiv des Stiftes umfasst mehr als 5000 Musikalien, darunter eine Vielzahl von Autografen und Erstdrucken, und zählt zu den bedeutendsten Musiksammlungen unseres Landes», erklärt der Chorherr und führt in einen Raum, der ihm besonders am Herzen liegt: ins Bruckner-Zimmer mit zahlreichen Dokumenten, dem Flügel des Komponisten und dessen englischem Messingbett, auf das Bruckner «ganz besonders stolz war.»
Benediktinerstift Admont – ÂBibliothek und Kunst
 Lange wurde die 1776 fertig gestellte Stiftsbibliothek des Benediktinerstifts Admont als «Achtes Weltwunder» bezeichnet. Mit 70 Metern Länge, 14 Metern Breite und rund 13 Metern Höhe ist sie der weltweit grösste klösterliche Büchersaal und beherbergt 70 000 Bände von den insgesamt 200 000 Druckwerken des Stiftes. Der Architekt Josef Hueber entwarf eine geniale Dreigliederung des Raumes, der von sieben Kuppeln überwölbt wird. 48 Fenster schaffen in Verbindung mit den weiss-goldenen Bücherschränken eine besondere Helligkeit. «Dieses Konzept stand im Zeichen der AufÂklärung: Licht wurde mit Erkenntnis gleichgesetzt und sollte die Klosterbibliothek durchströmen», sagt Pater Jeremias und weist in die Höhe: «Die Deckenfresken von Bartolomeo Altomonte (1694 – 1783) zeigen die verschiedenen Stufen menschlicher Erkenntnis bis zur göttlichen Offenbarung in der Mittelkuppel. Darunter stehen in den Regalen Ausgaben der Bibel und der Kirchenväter. Im nördlichen Saalteil befindet sich die theologische Literatur, im südlichen Trakt sind Bücher der profanen Wissenschaften aufgestellt.»
VON ALTEN SCHRIFTEN …
Obwohl der Kirche stets vorgeworfen worden sei, sich nicht mit den modernen wissenschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen, hätten die Mönche früh Bücher zu Geographie, Medizin, Technik, ja den gesamten Wissenschaften angeschafft. «Sehr schnell wurde erkannt, dass nur unter Einbezug des neuen Wissens die Weltwirklichkeit wahrgenommen werden kann.» Heute stellt die Stiftsbibliothek einen über Jahrhunderte hinweg gewachsenen Wissensspeicher dar, in dem sich kunst- und kulturhistorische Beispiele aus der Entwicklungsgeschichte des Buches finden – von den Handschriften aus der mittelalterlichen Admonter Schreibschule über Inkunabeln (bis zum Jahr 1500 gedruckt) und Frühdrucke (Bücher aus dem Zeitraum zwischen 1501 bis 1520) bis hin zum entfalteten Buchdruck.
Wenn Pater Jeremias durch die Bibliothek führt, verweilt er besonders lange bei einer Gruppe von vier überlebensgrossen Darstellungen von Tod, Jüngstem Gericht, Himmel und Hölle. Die «Vier letzten Dinge» von Stiftsbildhauer Josef Stammel (1695 – 1765) stehen als typisch barocke Werke im Kontrast zum aufgeklärten Konzept von Architekt und Maler. «Inmitten dieser Welt von Wissenschaften, die auf alle Fragen eine Antwort zu haben scheinen, stossen mich diese Werke auf eine Frage, auf die auch die Biologie keine Antwort kennt: Was ist der Sinn meines Lebens, worauf kommt es letztlich an?»
Gerne arbeitet Pater Jeremias mit diesen Skulpturen auch im Rahmen von Exerzitien oder geistlichen Begleitungen. «Die Auseinandersetzung mit Kunst ist ein wunderbarer Ausgangspunkt für spirituelle Arbeit.»
Durch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit den Weg in der Gegenwart und in die Zukunft zu gehen, das, so die Überzeugung von Pater Jeremias, ist Auftrag und Chance der Klöster. «Wir Mönche sind Gegenwartsmenschen. Wir leben im Hier und Jetzt. Die Vergangenheit ist in unserem Leben präsent durch das, was unsere Vorgänger aufgebaut und konserviert haben. Dies ermöglicht es uns, den Menschen innerhalb ihrer eigenen Erfahrungen das Leben zu erschliessen und sie in die Zukunft zu begleiten. Das ist es, was heute von der Kirche erwartet wird.»
… ZU MODERNER KUNST
Mitten in einem weiten Talbecken der Enns gelegen, ist das aus dem 11. Jahrhundert stammende älteste bestehende Kloster der Steiermark sowohl für Gottsuchende als auch für Kunstliebhaber ein Ort von beeindruckender Schönheit und Vielfalt.
Als Sehenswürdigkeit der Bibliothek Âbeinahe ebenbürtig, ist der neue Museumskomplex des Stiftes, der ein kunst- und naturhistorisches Museum, ein Museum für ÂGegenwartskunst und eine multimediale Stiftspräsentation umfasst.
«Klöster förderten und sammelten seit jeher Kunst», sagt Pater Jeremias. «Wir wollen diese Tradition weiterführen, in dem wir bewusst den Kontakt zu zeitgenössischer Kunst und Kultur suchen. Seit 1997 bauen wir deshalb unsere Sammlung für Gegenwartskunst auf. Eine Art modernes Mäzenatentum, und vor allen Dingen ein Dialog zwischen Kunst und Kirche, Vergangenheit und Gegenwart, Kunstschaffenden und Besuchern ist dabei das Programm ‹Made for Admont›, bei dem Künstlerinnen und Künstler als ‹artists in residence› in Auseinandersetzung mit dem Kloster Werke für unser Museum schaffen.» Und wo fühlt sich der Benediktinerpater mehr zu Hause, in der Bibliothek oder im Gegenwartsmuseum? «Die beiden Bereiche ergänzen sich. Im ganzen Stift Admont gilt für mich: Hier bin ich Mönch, hier darf ich sein.»