«Wir können nicht schweigen»
Da haben viele Wienerinnen und Wiener wahrscheinlich nicht schlecht gestaunt, als sie am Valentinstag auf der Strasse einen Brief in die Hand gedrückt bekamen, der mit den Worten begann: «Es ist eine Freude, dass es dich gibt – ich habe dich gewollt. Du bist unendlich wertvoll in meinen Augen. Denn ich liebe dich!» Unterschrieben waren die Zeilen mit «Gott» und das Ganze war mit einer Einladung zu einem Rendezvous mit Gott versehen.
Dies ist ein Beispiel von «Apostelgeschichte 2010», dem gross angelegten Missionsprojekt der Erzdiözese Wien, das unter dem Motto steht: «Wir können nicht schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.» Laut biblischem Bericht sagten dies die Apostel, als man ihnen verbieten wollte, noch weiter von Jesus zu sprechen. Doch sie liesÂsen sich nicht daran hindern, von dem zu erzählen, was sie mit Jesus erlebt hatten. Und das war der Beginn der christlichen Mission.
ERINNERUNG AN DIE URKIRCHE
An diese Anfänge will das Projekt «Apostelgeschichte 2010», kurz Apg 2010, anknüpfen: «Heute, da das Christentum kaum mehr ‹die offizielle Religion› ist, sind wir erneut in einer Phase, die den Anfängen der Kirche ähnlich ist. Damals trat das Christentum als etwas Neues in die Welt. Für viele ist es auch heute etwas Neues», schreibt Kardinal Schönborn in seinem Hirtenbrief zum Grossprojekt. Zu diesem gehören unter anderem drei Diözesanversammlungen, an denen über 1000 Delegierte im Stephansdom tagen und die sich an das Vorbild des Apostelkonzils der Jerusalemer Urgemeinde anlehnen. «Wir wollen nicht Urkirche nachspielen, sondern es geht um die Frage, woran sich die Menschen damals orientiert haben», sagt Gesamtkoordinatorin Andrea Geiger. Die umtriebige Vorarlbergerin, die seit vielen Jahren in Wien zuhause ist, kennt sich mit der Organisation von kirchlichen Grossanlässen bestens aus. Bei ihr liefen die Fäden sowohl für den Mitteleuropäischen Katholikentag wie auch für den Österreich-Besuch von Papst Benedikt XVI. zusammen.
Am Anfang des Projekts habe die Frage gestanden: Welche Aufgabe haben wir heute als Kirche in der Welt? «Letztlich ist es doch eine Missionsaufgabe. Also haben wir uns an den Diözesanversammlungen Gedanken darüber gemacht, wie Mission heute aussehen könnte», so Andrea Geiger.
BAHNHOFSFRÜHSTÜCK
Das Herzstück von Apg 2010 war denn auch die Missionswoche, die in der letzten Maiwoche stattgefunden hat und an der sich fast alle Pfarreien und kirchlichen Gemeinschaften der Erzdiözese Wien beteiligt haben. «Wir vom Büro Apg 2010 haben für die Missionswoche Ideen und Material zur Verfügung gestellt, doch die Pfarreien waren in der Gestaltung völlig frei. Und es war beeindruckend, wie kreativ die Leute waren», erzählt Otmar Spanner, der ebenfalls zum Organisationsteam gehört. «Da gab es zum Beispiel Pfarreien, die haben diese Woche zum Anlass genommen, einmal alle Haushalte im Pfarreigebiet zu besuchen – und zwar nicht nur die katholischen. Man wollte wissen: Wie leben die Leute, was beschäftigt sie?». Teamkollege Otto Neubauer von der Akademie für Evangelisation berichtet von sehr positiven Missionserfahrungen: «Wir haben erlebt, dass viele Menschen froh sind, wenn sich die Kirche wieder auf sie zu bewegt».
Andere Gruppen starteten eine Aktion am Bahnhof, wo Freiwillige an die Berufspendler ein kleines Frühstück verteilt und ihnen einen guten Tag gewünscht haben. Auch dahinter stand die Idee: Man muss da hingehen, wo die Menschen sind. «Wir können heute nicht mehr einfach darauf warten, dass die Leute in die Kirche kommen, sondern wir müssen zu ihnen hingehen und zwar ohne Vorbedingungen», so Otmar Spanner.
ABSICHTSLOSE MISSION
Doch was ist das Ziel dieses Projektes? Geht es einfach darum, wieder mehr Katholiken zu haben? «Ziel ist nicht, mehr Menschen in der Kirche zu haben, Mission muss absichtslos sein», ist die Wiener Pastoraltheologin Veronika Prüller-Jagenteufel überzeugt. «Es geht darum, Menschen eine Möglichkeit zu geben, mit dem Evangelium, mit Christus, mit Kirche in Kontakt zu kommen und andererseits die kirchlichen Leute neu dafür zu sensibilisieren, wer die Leute sind, was sie suchen, was sie beschäftigt.»
Und was ist mit den strukturellen Fragen und Problemen in der Kirche? Auch die sogenannten «heissen Eisen» sollen zur Sprache kommen. Man wolle sich aber nicht darauf versteifen und sich nicht davon lähmen lassen, sagt Andrea Geiger. «Wir müssen uns immer fragen: Worum geht es eigentlich? Dann kommen wir schon auch zur Frage, wie organisieren wir Gemeinde in Zukunft? Wie sieht die Leitung aus? Aber wir können nicht darauf warten, bis der Bischof oder der Papst irgendwelche Fragen lösen und bis dahin nichts mehr tun.»
KIRCHE DER ZUKUNFT
Fragt sich, was von der Aktion bleiben wird, wie nachhaltig so ein Projekt ist. Andrea Geiger kann mit dem Begriff Nachhaltigkeit im kirchlichen Bereich wenig anfangen: «Was heisst Nachhaltigkeit für uns? Denkt man biblisch, so haben wir den Auftrag, den Samen sehr grosszügig zu verstreuen. Auf welchen Boden er fällt, liegt nicht mehr an uns. Oder wir können auch sagen: Die einen säen, die andern giessen und die nächsten ernten. Wir werden den Prozess Apg 2010 mit der dritten Versammlung beenden. Doch schon jetzt ist klar: Wir werden uns in den nächsten Jahren sehr intensiv mit dem Thema Gemeinde beschäftigen. Denn die Frage, wie organisieren wir Kirche in Zukunft, wird uns noch lange bewegen.»
In einem Punkt ist sich das Team einig: In der Kirche muss ein Umdenken stattfinden. Man müsse vom rein Zählbaren wegkommen, weg von den Fragen: Wie viele Leute gehen sonntags in die Kirche? Wie viele Taufen, wie viele Trauungen haben wir noch? Diese Versuchung sei natürlich gross. Denn auch eine Kirche sei auf Erfolg angewiesen. Doch die Frage sei, was man unter Erfolg verstehe. «Brauche ich ein sichtbares Ergebnis oder kann ich mich darüber freuen, dass eine schöne Begegnung stattgefunden hat?», fragt Geiger. «Ist das nicht Erfolg und Anerkennung genug? Es kommt immer drauf an, welche Kriterien wir anlegen.» Und Veronika Prüller-Jagenteufel fügt hinzu: «Wir müssen auch ja sagen zur Situation, wie sie nun mal ist. Wir sind nicht mehr die gesellschaftlich bestimmende Mehrheit. Und wir werden es in den nächsten Jahren auch nicht mehr sein. Trotzdem macht es meiner Meinung nach Sinn, den Schatz, den wir haben, freigiebig auszuteilen.»
Bei der dritten Diözesanversammlung Mitte Oktober werden die vielfältigen Erfahrungen aus den Missionsprojekten zusammengetragen und mit Blick auf eine zukunftsfähige Kirche ausgewertet. Man darf gespannt sein, wo mit der Zeit überall Samenkörner aufgehen. Vielleicht auch an Orten, an denen man es nie erwartet hätte.