Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2010 forum Nr. 16, 2010 «Kirchenreform ist nicht delegierbar»
«Wir sind Kirche» Austria

«Kirchenreform ist nicht delegierbar»

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FOTO: CAROLINA GURTNER
FOTO: CAROLINA GURTNER
Hans Peter Hurka hat die Anfänge des Kirchenvolksbegehrens in Österreich miterlebt. Die ­Forderungen nach Reformen in der katholischen Kirche sind auch nach 15 Jahren noch hochaktuell. Und der Kämpfer ist kein bisschen müde.

forum: Es ist mittlerweile 15 Jahre her, dass in Österreich das Kirchenvolksbegehren lanciert wurde. Was ist daraus geworden?
Hans Peter Hurka: Nachdem damals in kürzester Zeit über eine halbe Million Unterschriften zusammen gekommen waren, hatte man anfänglich die naive Hoffnung, das würde die Kirchenleitung beeindrucken. Diese musste denn auch darauf reagieren, weil das Ganze in der Öffentlichkeit einen grossen Wirbel ausgelöst hatte. Also haben die Bischöfe den so genannten «Dialog für Österreich» einberufen. Das war aber sehr heikel, denn der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Josef Ratzinger, hatte den Bischöfen verboten, mit den Leuten des Kirchenvolksbegehrens Kontakt aufzunehmen,  weil deren Forderungen nicht katholisch seien. Trotzdem wurde über alle Punkte des Kirchenvolksbegehrens diskutiert, mit einer Ausnahme: Die Frauenpriesterweihe durfte nicht thematisiert werden.

Und was hat dieser «Dialog für Österreich» ­gebracht?
An der abschliessenden Diskussionsrunde in Salzburg haben rund 300 von den österreichischen Bischöfen ausgewählte Delegierte teilgenommen. Allen Anliegen des Kirchenvolksbegehrens ist mit grosser Mehrheit zugestimmt worden. Doch passiert ist trotzdem nichts. Es wurde alles schubladisiert, die Bischöfe verweigern bis heute den Dialog – und das nicht nur in Österreich.

Also alles umsonst?

Nein, das nicht. Wissen Sie, man hat versucht zu sagen: «Na ja, das sind ein paar Spinner. Querulanten gibt’s überall. Am besten, man geht nicht drauf ein. Das legt sich schon wieder.» Es hiess, die Forderungen seien homogen, die Adressaten seien nicht klar etc. Mittlerweile ist es so, dass diese Anliegen zu so etwas wie dem Reformkanon der Kirche geworden sind. Auf der ganzen Welt gibt es solche Bestrebungen. «Wir sind Kirche»-Gruppen gibt es in so gut wie allen westeuropäischen Ländern, in den USA, in Kanada, in einzelnen Ländern Lateinamerikas. Wir haben Kontakte bis nach Australien.

Wie ist es überhaupt zu diesen Reformbestrebungen in Österreich gekommen?
Als Kardinal König altersbedingt abgetreten ist, kam 1985 Kardinal Groër ins Amt. Zuvor hatte der Nuntius Hunderte Leute gefragt, wer denn geeignet wäre als Bischof und Groër war an 84. Stelle. Und so jemand wird zum Bischof einer der grössten Diözesen Europas und das erst noch nach einem Weltmann wie König! Das war für alle ein Schlag – vor allem für jene, die Groër kannten, denn das war ja kein Unbekannter. Man hat das in Wien geschluckt. Als dann aber zwei Jahre später Krenn zum Weihbischof ernannt wurde, war Feuer unterm Dach. Erstens war der jünger, zweitens radikal stockkonservativ und drittens auch nicht der Klügste. Da hat sich spontan und über alle möglichen Gruppierungen der Kirche hinweg eine Plattform gebildet, die gesagt hat: Wir sind dagegen, weil wir mitreden wollen, wohin der Weg unserer Kirche geht! Man organisierte in Wien einen Schweigemarsch, an dem über 2000 Menschen teilnahmen, und bei der Weihe Krenns haben sich einige vor den Dom gelegt, so dass Krenn beim Einzug über Menschen steigen musste. Das war schon ein eindrückliches Bild. Danach haben sich bei jeder Ernennung eines konservativen Bischofs in Österreich neue Protestgruppen gebildet. Dies erleichterte 1995 die Bildung eines landesweiten Netzwerkes zur Lancierung des Kirchenvolksbegehrens. Der konkrete Auslöser dieser Unterschriftenaktion war der Missbrauchsskandal rund um Erzbischof Groër.
  
Und Ihre Bilanz bis heute?

Nach 15 Jahren ist für mich klar: Von der Kirchenleitung ist keine Reform zu erwarten. Viele Bischöfe erkennen nicht die Zeichen der Zeit oder weisen Wünsche der Kirchenbürgerinnen und Kirchenbürger einfach unbegründet zurück, deshalb sind sie unfähig, die ­Kirche zu leiten. Die Orts-Kirche braucht ­Brückenbauer, nicht weisungsgebundene Vatikanbeamte. Wir müssen die Veränderung selbst in die Hand nehmen. Kirchenreform ist nicht delegierbar – nicht an die Hierarchie, aber auch nicht an «Wir sind Kirche». Kirchenreform gibt es nur dort, wo sie geschieht.

Und wie?

Es müssen in den Pfarreien Gruppen entstehen, die sagen: Wir leben so, wie wir die Botschaft Jesu verstehen und bleiben mit den anderen Gemeinschaften im Gespräch.

Aber es können doch nicht plötzlich beispielsweise Frauen Messe feiern?

Warum nicht? In Österreich gibt es schon Gruppen, die Gottesdienst feiern und dabei miteinander Brot brechen und Wein reichen – für sie ist es so, als wäre das Eucharistie. Die ahmen keine Eucharistie nach, aber dass man sich zusammensetzt, miteinander in der Bibel liesst, betet, Brot und Wein austeilt, sich an die Botschaft und das Leben Jesu erinnert und Aktionen der Umsetzung plant, das passiert. An der Mündigkeit und Eigenverantwortung der Gläubigen wird sichs zeigen. Wichtig ist bei all dem immer die Dialogbereitschaft. Es soll ja nicht so sein, dass es plötzlich Dutzende von Gruppen gibt und sich jeder für einen kleinen Papst hält. Die Dialogbereitschaft gehört zum Wesen des Christentums.

Lassen Sie uns über aktuelle Projekte von «Wir sind Kirche» Austria reden. Sie haben beispielsweise vor kurzem ein Treuhand-Konto  eingeführt. Wozu?
Anlass für diese Idee war die Tatsache, dass in Linz Gerhard Maria Wagner hätte Weihbischof werden sollen. Da haben wir uns gedacht, statt dass die Leute aus der Kirche austreten, bieten wir ihnen ein Treuhand-Konto an. Das heisst, die Leute überweisen ihre Kirchensteuer nicht an die üblichen Kirchenbeitragsstellen, sondern an ein anwaltlich geführtes Treuhandkonto. Gleichzeitig stellen sie Bedingungen. Erst wenn diese erfüllt sind, ist der Treuhänder verpflichtet, das Geld wieder der Kirche zur Verfügung zu stellen. Wir rufen also nicht auf, auszutreten, sondern aufzutreten. 

Und was ist die Aktion «Rote Karte für den ­Vatikan»?

Bei dieser Aktion teilen wir rote Postkarten aus, die man mit 65 Cent beklebt und mit einem persönlichen Kommentar versehen an den Vatikan schickt. Die Botschaft ist einfach die: Wir sind mit der Linie des Vatikans nicht einverstanden. Das kommt sehr gut an bei den Leuten, die sich so endlich artikulieren können.

Sie kritisieren nicht nur die Kirchenstrukturen, sondern auch gewisse Inhalte – zum Beispiel die traditionellen Gottesdienste. Warum?

Weil die Kirche eine Sprache verwendet, die keiner mehr versteht. Kein Wunder gehen kaum mehr junge Leute in die Gottesdienste. Da werden uralte Lieder gesungen, irgendwelche Leute hupfen in komischen Gewändern herum, hantieren mit goldenen Gefäs­sen, die Zuschauer sagen hin und wieder «amen» oder sonstwie seltsame Formeln, während alles andere Beschallung von vorne ist. Das ist doch unmöglich. So kann ich doch nicht junge Menschen begeistern. Was wir brauchen, ist ein ganz neuer Ausdruck unseres Glaubens. Wir brauchen keinen neuen Glauben, aber einen neuen Ausdruck. Und diesen Mut vermisse ich bei der Kirchenleitung. Da muss viel mehr möglich sein. Natürlich ist nicht alles, was neu ist, automatisch auch gut. Trotzdem muss etwas geschehen.  

Damit etwas geschieht, haben Sie das ­«Donnerstagsgebet» initiiert? 
Ja und zwar nach dem Vorbild des Montagsgebets der DDR. Meine Traumvorstellung wäre, dass in jeder Gemeinde Österreichs am Donnerstag um 18 Uhr ein Gebet stattfindet. Die Gebetsform ist eine völlig freie liturgische Form – das können Frauen und Männer leiten, man kann singen, tanzen, beten oder meditieren und es könnte sich eine reformorientierte Kirche zeigen. Das Ziel wäre, so allmählich die Gestaltung der Gemeinde zu übernehmen.  

Darüber hinaus rufen Sie zu einem «Konzil von unten» auf. Worum geht es da?
In den Gemeinden sollen die Leute sich zusammensetzen und Beschlüsse fassen, diese dem Bischof vortragen und sagen: Das schickst du jetzt nicht einfach nur nach Rom, sondern du vertrittst uns das und wir fragen dich in zwei Monaten, was rausgekommen ist. Die Bischöfe müssen einen Druck verspüren. Nur dann wird es zur Kirchenreform kommen. 

Haben Sie schon je ans Aufhören, ans Resig­nieren gedacht? 
Überhaupt nicht. Ich bin überzeugt, dass die ganzen Kirchenkrisen Zeichen Gottes sind. Das sind Zeichen der Zeit, die wir hier erkennen. Wenn die traditionelle Kirche zusammenbricht, kann ich doch nur sagen: Gott sei Dank! Die Zeit arbeitet für uns. 
Wäre für Sie ein Übertritt in die evangelische Kirche denkbar?
Das wird mir von konservativen Kreisen manchmal geraten. Die sagen mir dann: «Werde doch evangelisch, da ist alles, was du an Reformen willst, schon erfüllt.» Und ich entgegne jeweils: «Nur weil mir die Regierung in Österreich nicht gefällt, wandere ich auch noch nicht aus.» Für mich hängt Christentum sehr stark mit Beziehungen zusammen und ich kann nicht einfach meine ganzen Beziehungen kappen und in eine andere Glaubensgemeinschaft gehen. Wenn Glauben eine Frage von Beziehungen ist, dann ist das mit Menschen verbunden und die lasse ich nicht einfach im Stich.

Wie müsste die Kirche aussehen, damit Sie ­sagen könnten: Unsere Aufgabe ist erledigt, «Wir sind Kirche» braucht es nicht mehr?
Es müsste mündige Gemeinden geben, die in Eigenverantwortung und Selbständigkeit ihr Leben gestalten, die dialogbereit sind und die sich mit den Armen und Entrechteten solidarisch zeigen. Gemeinden, wo Frauen die gleichen Rechte haben wie Männer, wo es kein Pflichtzölibat gibt, wo die Fragen und Probleme des Lebens offen zur Sprache kommen.

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Hans Peter Hurka ist Vorsitzender der Plattform «Wir sind Kirche» Austria. FOTO: CAROLINA GURTNER
Hans Peter Hurka ist Vorsitzender der Plattform «Wir sind Kirche» Austria. FOTO: CAROLINA GURTNER
«Wir sind Kirche»

Die Plattform «Wir sind Kirche» initiierte 1995 in Österreich das so genannte Kirchenvolksbegehren – eine Unterschriftenaktion, die auf eine grundlegende Erneuerung der römisch-katholischen Kirche abzielte. Im Wesentlichen wurden fünf ­Forderungen aufgestellt: Aufbau einer geschwisterlichen Kirche, volle Gleichberechtigung von Frauen in allen kirchlichen Ämtern, freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht zölibatärer Lebensform, positive Bewertung der Sexualität als wichtiger Teil des von Gott geschaffenen und bejahten Menschen und Frohbotschaft statt Drohbotschaft. Ähnliche Unterschriftenaktionen fanden daraufhin in mehreren Ländern statt. 1996 wurde die internationale Plattform «Wir sind Kirche» gegründet, die mittlerweile auf allen fünf Kontinenten vertreten ist.

www.wir-sind-kirche.at