SOS Narrenschiff
Diese Schlagzeile war absehbar: «EU sagt Nutella den Kampf an.» Und so wird für mich allmählich das Undenkbare doch noch denkbar: Es braucht nicht mehr viel, dann rauche ich bereits vor dem Frühstück die erste Zigarette. Und danach bestreiche ich mein Brot mit viel Butter und noch mehr Nutella. Zum Znüni gibt’s die Familien-XXL-Chips-Tüte. Und für den Rest des Tages wird mir bestimmt auch noch so einiges Ungesundes einfallen.
Seit 44 Jahren bin ich nun notorischer Nichtraucher und massvoller Nutella-Genuss-Esser, aber je penetranter die bürokratische Fürsorglichkeit mein Wohlergehen fordert, desto stärker wird mein Verlangen nach vorsätzlicher Unvernunft. Nichts macht mich bockiger, als wenn ich zur Vernunft gezwungen werde, wo ich bereits vernünftig bin.
Konkret will die EU die Werbemöglichkeit für Produkte stark einschränken, die mehr als 10 Gramm Zucker, 4 Gramm gesättigte Fettsäuren oder 2 Milligramm Salz pro 100 Gramm Gewicht enthalten. Wenn das den Bürokraten gelingt, gehen wir einer säkularen Dauer-Fastenzeit entgegen. Was ich mir bislang nur so zum Spass ausgemalt habe, droht nun freudlose Wirklichkeit zu werden: Ein moralinsaures «Wer knabbert, stirbt früher» verunstaltet die Chips-ÂPackung. – Das Joghurt lockt mit «Komm süsÂser Tod.» – Jedes Glacé fragt «Spürst du das eiskalt Händchen?» – Und auch für Âunser kulinarisches Weltkulturerbe, die Schweizer MilchschoÂkolade, wird bereits an der Todesanzeige Âgefeilt.
Damit wird allerdings nicht Schluss sein. Konsequent weiter gedacht, gehört jetzt die Todes-Vignette auf jede Autohaube. – Der Zugang zu Rolltreppen wird mit Warnschildern erschwert. – Auf dem Sportplatz wird das obligate Schild «Rasen betreten verboten» durch «Rasen betreten gefährdet Ihre Gesundheit» ersetzt. – Und das Logo der Fluggesellschaften macht Platz für den Sinnspruch «Wer fliegt, kommt Gott näher» – Bis irgendwann auch noch ein Kleber die direkte Sicht auf unsere krebserregende Sonne verstellt.
Selbst dann werden konsequente Denker nicht Ruhe geben. Am Standesamt könnte man eine Warntafel mit der aktuellen Scheidungsstatistik anbringen. In der Geburtsklinik müsste man mit rabenschwarzen Statements pubertätsgeplagter Eltern für Angst und Schrecken sorgen. Und bei jedem Kindergeschrei leuchtet automatisch der aktuelle Dezibelwert auf.
Wenn jedoch die Bürokratie mit aller Gewalt nur das Beste für uns will, dann droht die Kirche moralisch ins Abseits zu geraten. Also sollte man ernsthaft in Betracht ziehen, auf der Frontseite des forums zukünftig anstelle von bunten Farbbildern eindrückliche Merksprüche im schwarzen Trauergewand zu bringen, denn «Wer nicht glaubt, fährt zur Hölle!»
Oder hat am Ende doch wie immer meine Mutter recht, die uns als Primarschüler – streng heimlich natürlich – ziemlich unbehelligt Waldreben, bei uns Nielen genannt, rauchen liess? Sie hat darauf vertraut, dass uns das scheussliche Kraut die Lust am Rauchen ganz von selbst austreiben würde. Damit hat sie bei mir 44 Jahre lang Erfolg gehabt – bis der Staat sich entschlossen hat, sich nun ganzheitlich und radikal um meine Nacherziehung zu kümmern.