Reduktion aufs Wesentliche
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FOTO: CHRISTOPH WIDER
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 «OW 263» – dreistellige Autokennzeichen gehören auch im Kanton Obwalden nur Alteingesessenen. In diesem Fall Alois Spichtig, der seinen silberfarbenen Renault am Strassenrand parkiert hat und sich langsamen Schrittes dem Andachtsraum nähert, welcher im Herzen Alpnachs seit 1995 zwischen Pfarrkirche und Pfarreizentrum steht. Der ellipsenförmige Bau aus heimischem Guberstein befinde sich in seiner Längsachse vor allem auch zwischen der belebten StrasÂse und dem Friedhof, betont Spichtig: «zwischen Leben und Tod.» Beidseits ein Bodenzeichen aus Bronze: der Stern als Ankündigung auf dem Vorplatz, das (Oster-)Feuer zwischen Sakralraum und Friedhof. Der «Moses»-Stein an der Friedhofsmauer spendet Wasser als Zeichen des Lebens.
LEISE UND EINDRINGLICH
«Themen müssen gestalterisch so verpackt werden, dass sie sich nicht laut und aufdringlich, sondern leise und eindringlich zeigen. Wenn der Betrachter die Botschaft lesen kann, umso besser. Wenn nicht, besteht dafür auch keine Notwendigkeit», sagt Spichtig und öffnet die schwere Bronzetür. Kalkverputzte Innenwände, ein schlichtes Holzkreuz eingelassen in den raumumspannenden Holzbank, in der Raummitte eine Tonschale auf handgefertigten Bodenplatten aus Ton, an der Wand ein Lichtzeichen in Glas gesetzt, Stille. «Reduktion auf das Wesentliche – mehr braucht es nicht. Kathedrale oder einfacher Gebetsraum, das Ziel ist immer dasselbe: einen Raum zu schaffen, in dem es dem Besuchenden wohl ist, eine ÂAtmosphäre, die hilft, zu sich selbst – und vielleicht auch noch ein wenig weiter – zu kommen», erklärt Spichtig.
Als wunderbare Aufgabe und bedeutungsvolle Herausforderung bezeichnet der in Sachseln lebende Künstler die Planung eines sakralen Neubaues. Eine eher seltene Situation, geht es doch meist darum, einen historischen oder historisierenden Kirchenbau zu renovieren und entsprechend der heutigen Bedürfnisse neu zu gestalten. Der 1927 geborene Obwaldner gilt schweizweit als Kapazität für die liturgische Gestaltung von Kirchenräumen. Seine Arbeiten sind von zurückhaltender, aber nachhaltiger Präsenz. Sie kommen aus einer künstlerischen Tiefe und wollen die Menschen auch tiefgründig ansprechen. «Einen Altarraum für die Liturgie zu gestalten, ist immer eine ganz spezielle Aufgabe. Es gibt keine Patentrezepte. Jeder Raum hat seine eigene Geschichte und seine besondere Funktion, die es zu respektieren gilt. Altar, Ambo, Taufstein, Tabernakel, Sedien – das ‹Mobiliar› der Gegenwart muss sich mit den historischen Elementen zu einer Einheit verbinden.»
Spichtigs Kunst ist nie L’Art pour l’art. Immer geht es darum, den Menschen, die diesen Raum betreten – während oder ausserhalb der Liturgie – einen zeitgemässen Ort zu geben, der ihren Bedürfnissen dient. Am liebsten erarbeitet der Künstler seine Konzepte deshalb im Dialog mit den Auftraggebern. Er setze sich jeweils intensiv mit den zu gestaltenden Räumen auseinander, fühle sich in sie ein, bestätigt Spichtig. Aus diesem intensiven Prozess entstehen dann Vorschläge – bis hin zu massstabgetreuen Maquetten – die nicht immer sofort auf Gegenliebe stossen. Spichtig hat gelernt, sich mit beharrlicher Überzeugungskraft für seine Ideen zu wehren: «Wenn man von etwas überzeugt ist, muss man sich durchsetzen können. Immer aber muss es letztlich für jene stimmen, die den Raum dann benützen.»
INSPIRATION NIKLAUS VON FLÜE
Nebst dem Alpnacher Andachtsraum sind dem Künstler drei «seiner» Kapellen besonders ans Herz gewachsen: die Bergkapelle Aelggi ob Sachseln und die beiden Ranftkapellen. «Mein Schaffen ist stark in meiner Obwaldner Heimat verankert – und es ist auch inspiriert vom bedeutendsten Obwaldner der Geschichte: Niklaus von Flüe.» Seit Jahrzehnten hat sich Alois Spichtig intensiv mit dessen Visionen beschäftigt, die Auseinandersetzung mit Bruder Klaus prägte sein Wirken tief. So ist denn auch die Gründung und Umsetzung des Museums Bruder Klaus in Sachseln vor allem ihm zu verdanken. Er war Mitinitiant, Schöpfer des Konzepts und der Gestalter der Dauerausstellung, die bis heute Bestand hat. Und er leitete das Museum selbst von 1976 bis 1992.
Lassen sich denn seine Visionen bei der Gestaltung eines Kirchenraumes mit den ÂVisionen von Bruder Klaus vergleichen? In gewisser Hinsicht schon, meint Spichtig. «Auch ich habe meine Ideen grösstenteils in der Nacht oder in Zeiten des Übergangs – und auch meine Ideen sind keine Eigenleistung. Sie fallen mir zu, meine Aufgabe ist dann ihre Umsetzung.»
Und wer ist Alois Spichtig privat? Der Künstler lacht. «Viel Zeit für mich selbst habe ich nie gehabt.» Sein Beruf ist seine Berufung. «Was kann man mehr erhoffen?»