Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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SOS Narrenschiff

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Gisele Bündchen ist wieder da! Und der Wiedereinstieg nach ein paar Monaten Babypause hat sie mega nervös gemacht!! Wenn das keine Breaking News ist!!!
Für alle Informationsmuffel, die im Fachjargon «Information Poor» genannt werden, sei fürsorglich nachgeschoben, das Gisele Bündchen ein brasilianisches Topmodel im Alter von 29 Jahren mit einem Hauch von weiblichen Kurven ist, das sensationellerweise im vergangenen Dezember ein Kind zur Welt gebracht hat.
Weitere Topthemen der letzten Wochen, die laufend bahnbreakende Topnews generieren: Jörg Kachelmann (Verkachelt oder nicht?); das iPad (Muss i haben, egal wozu!) und die Vuvuzelas (Lärm- statt Leitkultur?).
Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko dagegen nehmen wir sehr gelassen hin. Zwischen den wirklich wichtigen Themen Fussball-WM (Flattert der Ball oder die Nerven?) und Shawn Fielding (Ich lass jetzt das Herz raus!) rattern die neuesten Zahlen zur Ölpest wie ein Güterzug am Bahnhofperron an uns vorbei, während wir uns die Ohren zuhalten, weil das Rollmaterial so unangenehm kreischt.
Inzwischen seien 160 bis 380 Millionen Liter Öl ins Meer geflossen, vernehmen wir. Das klingt nach Zahlen zur Wirtschaftskrise, also schalten wir um oder ab, weil unser Vorstellungsvermögen in diesen Dimensionen ohnehin versagt. Wenn wir vernehmen, dass die Schätzungen über das Ausmass der Katastrophe ständig nach oben korrigiert werden müssen, verblasst die Nachricht sofort angesichts des akuten Schreckens darüber, dass die Zahlen der Schweiz beim Concours Eurovision immer dramatischer gegen Null tendieren.
Das Internet wird gerne als goldenes Zeitalter der Informationsgewinnung gefeiert. Endlich können wir uns über alles jederzeit überall lückenlos informieren. Das Internet ist aber auch ein gigantischer Ablenkungsmoloch, ein monströses Ratatouille, bei dem immer gerade das obenauf schwimmt, was mit dem neusten Datum und den höchsten Quoten auftrumpfen kann! Darüber können Propagandisten nur jubeln, weil man unangenehme Wahrheiten nirgends so erfolgreich verstecken kann wie in einer unübersehbaren Flut von Daten, mit der sich sogar noch Transparenz vorgaukeln lässt. Wenn uns also wieder einmal ein riesiger Berg von Informationen vorgesetzt wird, dann lautet die entscheidende Frage immer: «Was soll ich mit der Masse? Mich interessiert nur eine einzige Information, nämlich jene, die in diesem Berg nicht drinsteckt.»
Genau diese Frage müssten Journalisten eigentlich unablässig und mit grosser Hartnäckigkeit stellen. «Breaking News» sollten die wichtigsten, die entscheidenden, die bislang ungehörten und auch die nicht gern gehörten Nachrichten sein. Heute regiert aber immer mehr die Gleichmacherei des automatisch generierten Datums und der automatisch ergoogelten Quote. Was dabei herauskommt ist Klatsch und Tratsch. Wenn Schnelligkeit zum Mass aller Dinge wird, dann stört die Frage nach Relevanz und Wichtigkeit nur noch. Die Denkart dahinter ist letztlich zynisch: Ob ein Unglück im Berner Seeland oder im Mergui-Archipel geschieht, ist egal, Hauptsache es gab Tote, und wir sind die ersten, die das verkünden. – Also lässt man von der Ölpest die Finger, denn die ist schmutzig, bleibt hängen und schadet nur der Quote.

THOMAS BINOTTO

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