Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Spiritualität und Psychotherapie

Ressource «Religion»

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«Religiöse Belange gehören zum Menschen.» FOTO: CHRISTOPH WIDER
«Religiöse Belange gehören zum Menschen.» FOTO: CHRISTOPH WIDER
Als das forum letzten Herbst die Angst thematisierte, tauchte die Frage auf, ob zwischen der Zunahme von Angsterkrankungen und der Abnahme von religiöser Beheimatung ein Zusammenhang bestehe. Diese Frage führte zum folgenden Gespräch über die Rolle von Religion in der Psychotherapie.

forum: Es wird in letzter Zeit oft von einer Wiederkehr des Religiösen gesprochen. In der Psychologie auch?
Gisela Ana Cöppicus: Die Psychologie hat sich in ihren Anfängen an die Stelle der seit Menschengedenken vorhandenen religiösen Heilsangebote gesetzt. Das Religiöse – im Sinne einer Sehnsucht nach individuellem, spirituellem Erleben des Menschen – ist in den letzten Jahrzehnten wohl als Antwort auf ein zweckrationales Weltbild erneut bedeutsam geworden und als sogenannte Esoterik zum Ausdruck gekommen. Diese Form der Spiritualität versteht sich als Alternative zur Kirche, die eine institutionalisierte Religion repräsentiert. Der esoterische Markt hat sich der von der wissenschaftlichen Psychologie vernachlässigten Seelenanteile des Menschen angenommen.

Warum plädieren Sie für die (Wieder-)Ent­deckung religiöser Ressourcen als psychotherapeutische Möglichkeit?
Religiöse Belange gehören zum Menschen, wenn wir ihn nicht rein wissenschaftlich-psychologisch erforschbar und behandelbar – und das heisst: reduziert – betrachten. Wenn wir den ganzen Menschen behandeln wollen und als Therapeuten auch selbst für diesen Seelenbereich offen sind und das auch kommunizieren, kommen spirituell-religiöse Belange und Bedürfnisse oft spontan zur Sprache oder symbolisch ins Bild. Zum Beispiel in der Methode der therapeutischen Imagination als tiefe spirituelle Erfahrung oder als Begegnung mit dem, was wir das Heilige nennen können. Meine Erfahrung ist, dass ein solches Erleben ganz erheblich zur Heilung des Menschen beiträgt.

Heisst das, Spiritualität ist eine Technik oder eine Methode unter vielen anderen psycho­therapeutischen Methoden?
Nein. Spiritualität ist nicht einfach ein weiteres «psychologisches Tool», sondern eine grundlegend andere Art, über Probleme und Lösungen der menschlichen Natur nachzudenken. Wir öffnen uns dadurch gemeinsam für eine andere Dimension. Die Spiritualität, oder besser: die Religiosität, von der ich hier spreche, ist eingebunden in eine qualifizierte Psychotherapie mit klinisch-relevantem Wert und Nutzen. Deshalb ist sie auch abzugrenzen vom spirituellen Lebenshilfe-Stil der Esoterik.

Welchen Vorteil hat dieser Einbezug einer ­religiösen Komponente gegenüber «religionsfreier» Psychotherapie?
Die Erfahrungen, die jemand in seiner Erziehung mit der Religion gemacht hat, können eine Ressource darstellen, die in der Therapie wiederentdeckt und belebt wird. Die religiöse Sozialisation kann aber auch Teil des Problems eines Menschen sein, das dann – zum Beispiel als Schuldgefühlsproblematik – therapeutisch bearbeitet werden muss. Es gehört für mich seit mehr als zehn Jahren zur Anamnese, also der Erhebung von Biografie und Krankengeschichte, dazu, nach der religiösen Erziehung und deren aktueller Bedeutung für den Menschen zu fragen. Auch muss geklärt werden, wie der Umgang mit diesem Thema in der Therapie gestaltet werden soll.

Und was machen Sie damit für Erfahrungen?
Meist sind die Menschen froh, wenn sie wissen, dass ihre Weltanschauung und religiöse Orientierung aus der Therapie nicht ausgeklammert werden muss oder von vornherein pathologisiert wird. Wenn jemand nicht darüber sprechen will, gilt es, das zu respektieren. Von meinen Ausbildungen her, der Daseinsanalyse und der Katathym-Imaginativen Psychotherapie, bin ich einerseits auf existentielle Fragen nach dem Sinn von Sein sensibilisiert, andererseits mit einer imaginativen Methode vertraut, die insbesondere auch bei in ihrer Kindheit traumatisierten Menschen erfolgreich angewendet werden kann. Diese Technik zielt auf tiefere emotionale Erfahrungen, die durchaus religiöse Färbung haben können.

Wie geht das konkret?
Zum Beispiel indem sich ein gläubiger Patient eine Begegnung mit «dem Heiligen» in entspannt-meditativem Zustand imaginativ vorstellt. Das können Orte in der Natur sein, heilige Plätze, Kirchen, heilige Gestalten wie Engel, Jesus oder Maria. Manchen Menschen wird ihre spirituelle Sehnsucht nach einem Glaubenkönnen dadurch erst bewusst. Andere Menschen sind zwar christlich engagiert und tätig, haben aber fast keinen emotionalen Zugang zum Gebet. Sich neu vertrauensvoll für Glauben und Gebet zu öffnen, hat enorme Heilkraft.

Für welche Klientel ist dieser Zugang geeignet?
Seit einiger Zeit suchen mich vermehrt Christinnen und Christen auf, die keinesfalls in eine säkulare Therapie gehen würden. Das Misstrauen, dass die Psychologie seit Freud eine religiöse Gesinnung ausschliesslich als Pathologie wertet, steckt tief in gläubigen Menschen. Meine ersten therapeutischen Erfahrungen mit der Begegnung mit dem Heiligen machte ich aber Mitte der 1990er Jahre mit zwei Patientinnen, die nicht gläubig waren. Beide befanden sich in schweren Krisensituationen. Die Therapien waren weit fortgeschritten, hatten aber die zentralsten Störungen im Lebensgefühl dieser Frauen nicht aufheben können. Es waren notvolle Situationen, denen ich rat- und hilflos gegenüber stand. Da stellten sich Fragen wie: Gibt es unheilbare Störungen, hoffnungslose Fälle? In diese Not brach das Rettende als das heilende Heilige ein. Diese beiden in frühester Kindheit sexuell schwer traumatisierten Frauen fanden in der imaginierten Begegnung mit einer Mariengestalt die Hilfe, die sie von ihren Leiden schliesslich doch erlösen konnte.

Sie sind auch Ansprechperson für Opfer von Übergriffen in der Seelsorge. Kann da dieser r­eligiöse Zugang noch funktionieren?
Sexuelle Übergriffe und Missbrauch durch Vertreter der Kirche sind nicht nur abscheulich, weil sie die Opfer im tiefsten Innern verunsichern, verschmutzen und verunreinigen. Es geht dabei auch immer um eine Entweihung des Heiligen im Menschen, und das ist mehr als ein traumatisches Ereignis. Die Religiosität eines Menschen ist als coping-Faktor, wie ich ihn hier beschreibe, also als Bewältigungsstrategie und Ressource, oft zerstört. Wenn aber die Traumatisierung therapeutisch be- und verarbeitet ist, und dazu gehört auch ein echtes Gehörtwerden von der Kirche, kann ein Opfer von Missbrauch unterscheiden lernen zwischen «Täter» und «Kirche» und sich den Glauben neu erobern.

Denken Sie, dass letztlich alle Leute religiös veranlagt sind?
Ich gehe davon aus, dass der Wunsch nach einem Aufgehoben- und Gehaltensein im Glauben an eine Höhere Macht oder Dimension im Menschen grundgelegt ist, dass dieser Wunsch je nach dem aber verschüttet, verdrängt beziehungsweise wegrationalisiert und dem sogenannten aufgeklärten Intellekt zum Opfer gefallen ist, wie das bei mir selbst der Fall war.

Wird das Spirituell-Religiöse in der modernen wissenschaftlichen Psychologie und in der ­Psychotherapie-Ausbildung vernachlässigt?
Die moderne (natur-)wissenschaftliche Psychologie wollte und will sich gegenüber geisteswissenschaftlichen Disziplinen abgrenzen, um quantitative Forschung betreiben zu können. Eine unbedachte Vermischung mit dem Bereich der Seelsorge gilt noch immer als «technischer Fehler» in der Psychotherapie. Wissenschaftliche Kreise können aber die menschlichen Bedürfnisse nach ­Heilung durch Spiritualität nicht länger übersehen. Seit den 70er Jahren gibt es – neben der Jung’schen Psychologie und der Frankl’schen Logotherapie – verschiedene Schulen im Bereich der Humanistischen Psychologie, wie beispielsweise die Therapie von Stanislav Grof, die sich explizit mit der spirituellen Seite des Menschen befassen. Dazu werden seit kurzem auch Kongresse ausgerichtet, sogar von psychoanalytischer Seite. Es gibt aber eine neuere Grenzziehung, und zwar die zwischen dem individuellen und eher akzeptierten esoterischen Spirituellen und dem oft abgelehnten Religiösen, das sich als christliche Religiosität im engeren und eigentlichen Sinne versteht und meist an die Institution Kirche angebunden ist.

Warum diese Ablehnung?
Viele Menschen haben sich vom institutionellen Christentum losgesagt, nicht nur aus intellektuellen oder zeitgeistigen Gründen heraus, sondern weil sie das Christliche nicht als Liebe, sondern als Macht und Gewalt, also eher als etwas Lebenszerstörendes vermittelt bekommen und erlebt haben. Es braucht dann manchmal Erfahrungen, die ausserhalb der Kirche liegen, um das eigentlich Reli­giöse in sich wieder zu entdecken und zu erlauben.

Warum ist Spiritualität in der Psychotherapie vor allem in den USA ein Thema und weniger in Europa?
Der geschichtliche Hintergrund der heutigen US-Amerikaner ist ja die Einwanderung unter anderem aus religiösen Gründen und die Suche nach neuen Wegen durch die Gründung von Freikirchen. Man hat das Christliche nicht über Bord geworfen wie in weiten Teilen Mitteleuropas, sondern modifiziert. Befragungen zeigen, dass 85 Prozent der ­US-Amerikaner sich als gläubige, praktizierende Christen verstehen. Diese Tatsache ­haben Wissenschaftler und Psychotherapeuten zum Anlass genommen, die christliche Orien­tierung ihrer Patientinnen und Patienten in der Therapie nicht länger zu vernachlässigen, sondern in den Behandlungsplan mit einzubeziehen.

Warum spielt es Ihrer Meinung nach für einen Heilungsprozess eine Rolle, ob man ein ­personales oder ein esoterisch-pantheistisches Gottesbild hat?
Wir müssen uns bewusst werden, dass wir noch immer das Erbe des christlichen Abendlandes verwalten. Es besteht der entscheidende Unterschied zwischen der Anerkennung eines Gottes, der mein Schöpfer ist und der mich liebt, für den ich mich in Freiheit entscheide, dem ich mich hingebe und überlasse und in dessen Hand ich mich ausliefere, und spirituell-esoterischen Techniken, mit denen die Menschen alles aus eigener Kraft selbst machen und bewirken wollen. Es ist daher auch meine Auffassung, dass religiös-spirituelle Erfahrungen in der Therapie nicht machbar, nicht instrumentalisierbar sind. Sie bleiben unverfügbares Geheimnis. Wir können uns für solche Erfahrungen aber vertrauensvoll öffnen.

INTERVIEW: JUDITH HARDEGGER

 

Gisela Ana Cöppicus ist Fachpsychologin für Psychotherapie FSP mit eigener Praxis und ­Ansprechperson im Fachgremium «Sexuelle Übergriffe in der Pastoral» des Bistums Chur.

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