Doppelpass
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Beim Training der Junioren auf der Allmend Brunau geht es hoch motiviert und mit scheinbar Âunermüdlichem Eifer, aber nie verbissen zur Sache. FOTO: BARBARA GRAF HORKA
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Sie heissen Kamil, Alessio, Pascal, Khaled, Cedric, Noah, Migel, Basil, Angus, Ardit, Valentin und Besmir. Auf dem Kunstrasen auf der Allmend Brunau spielen Italien, Brasilien, Portugal, Türkei, Bosnien, Australien, Deutschland und die Schweiz. Der Deutsche trägt einen französischen Namen und der Schweizer einen spanischen. Die Familien, aus denen die zehnjährigen Fussballer stammen, sind in sich bunt gemischt: Türkisch-schweizerisch, italienisch-brasilianisch und schweizerisch-schweizerisch, aber das ist eher die Ausnahme. Die Junioren-Mannschaft Eb des Traditionsvereins FC Red Star ist eine Multikulti-Truppe und hat doch eine gemeinsame Leidenschaft: den Ball ins Tor zu schlenzen.
SPIELEN KOMMT VOR SIEGEN
Sobald man die Nationalitäten zuordnen kann, fühlt man sich in seinen Klischees bestätigt: Man entdeckt brasilianische Ballverliebtheit, aufsässige deutsche Terrier-Mentalität, angelsächsische Rushes und schweizerische Bemühungen. Das sind und bleiben allerdings Klischees, die einen Blindtest nicht überstehen würden. Es sind zehnjährige Jungs, die hier zur Fussballschule gehen. Bestimmt träumen sie zwar alle davon, einmal wie Lionel Messi die Fans zu verzaubern, aber wo sie ihre fussballerische Entwicklung hinführen wird, das ist noch nicht absehbar. Nicht einmal die Positionen auf dem Feld sind klar verteilt. Alle müssen alles machen und lernen – zum Torhüter wird nicht einfach jener bestimmt, der auf dem Feld die unglücklichste Figur abgibt.
Der Trainer Franco Gargiulo und sein Assistent Micki Früh bringen den Jungs gezielt und klar strukturiert das fussballerische ABC bei. Die jungen Wilden wissen längst, was ein Flachpass ist und weshalb man beim Torschuss kreuzen soll. Diese Juniorenschulung, die darauf abzielt, technisch und taktisch versierte Fussballer auszubilden, hat dem Schweizer Nachwuchskonzept viel Lob und einen Weltmeistertitel eingetragen.
«Im Vordergrund steht auf dieser Stufe mit Âzehnjährigen Jungs allerdings noch nicht das ÂResultat, sondern das Spiel.» Man nimmt
das Gargiulo gerne ab, gerade weil sein verschmitztes Lachen andeutet, dass er das auch sich selbst immer wieder sagen muss.
Die Stimmung auf dem Platz ist grossartig, hoch konzentriert und motiviert. Selbst als ziemlich hüftsteifer Zuschauer kriegt man unwillkürlich Lust mitzumachen. Ein Vater wartet sichtlich darauf, als «Statist» ins Tor gestellt zu werden. Aufopferungsvoll rennen die Jungs hin und her, kämpfen um jeden Ball, wollen es den Trainern und dem Spiel recht machen. Dennoch ist keine Verbissenheit spürbar. Wenn Fouls passieren, war fehlende Koordination und nicht böse Absicht die Ursache. Auf Anweisungen, die ungehört verhallen, folgen von den Trainern klare Ansagen, ohne jeden verletzenden oder gar moralisierenden Unterton.
Gargiulo und Früh sind die unbestrittenen Chefs auf dem Feld. Aber es ist offensichtlich, dass sie das nur sein können, weil sie das Vertrauen der Kinder geniessen. Gargiulo strahlt eine Autorität aus, die nicht kalt oder herrisch, sondern engagiert, begeistert und damit gewinnend wirkt. Genau das scheinen die Jungs richtiggehend zu geniessen: klare Sprache, klare Anweisung, klare Regeln.
Ein Trainer, den Kinder als «streng, aber gerecht» qualifizieren, darf sich geehrt fühlen. Gargiulo, gelernter Drucker und pädagogisches Naturtalent, hat diesen Status erreicht. Er ist als Fussballtrainer auch Erzieher, was man auch nach dem Training an der Art und Weise spürt, wie ihn vor dem Clubhaus die jungen Männer begrüssen, denen er als Knirpse den Flachpass beigebracht hat.
Früher hat Gargiulo selbst auf gutem Niveau Amateurfussball gespielt. Kleine Kinder und Schichtarbeit sorgten dann allerdings für eine Zäsur, bis er – auch dank den eigenen grösser werdenden Kindern – wieder zum aktiven Fussball zurückfand und sich zum Trainer ausbilden liess.
Seit neun Jahren trainiert er nun Junioren und findet das – WM-Fieber hin oder her – den attraktivsten Fussball, den es zu erleben gibt. Auf dem nüchternen Platz AW8 in der Allmend wird man Gargiulo sofort verstehen. Hier strahlt der Fussball jene unbekümmerte Begeisterung aus, die man derzeit in Südafrika mit noch so viel PR-Getöse und Vuvuzela-Getröte nicht hinkriegt. Hier glaubt man aufs Wort, dass der Fussball dann am schönsten ist, wenn das Spiel und nicht das Geschäft im Zentrum steht. Man spürt auch, dass Fussball tatsächlich eine Schule fürs Leben sein kann. Worauf man allerdings nicht wetten sollte: dass alle JunioÂren das Glück haben, von Francos und ÂMickis betreut zu werden.
INTEGRATIONSGESCHICHTEN
Vier Tage später begegnen wir Franco Gargiulo an seinem Arbeitsplatz. Der schlichte Raum – ein Gemisch aus Werkstatt, Sakristei und Büro – täuscht über die Exklusivität des Ortes hinweg. Gargiulo ist Sigrist am Zürcher Grossmünster.
Sein Alltag sind die Pflege des Kirchenraums, das Betreuen von Gottesdiensten, die Koordination von Konzerten, die Führung von Besuchern, das kirchliche Leben zwischen Taufe, Hochzeit und Abdankung.
Dass er, der Secondo mit Wurzeln südlich Neapels, ein «gebürtiger» Protestant ist, überrascht. Ein missionarischer Seefahrer hat einst seinen Grossvater von der reformierten Lesart der Bibel überzeugt. Und als seine Eltern in der Schweiz ihre Kinder zur Taufe brachten, gingen sie in die reformierte Kirche zu Pfarrer Werner Gysel. Er war es dann auch, der Gargiulo vor acht Jahren als Sigrist ans Grossmünster holte.
Im Kanton Zürich als Kind italienischer Arbeiter aufgewachsen, mit einer Italienerin, einer katholischen, verheiratet – GargiuÂlo ist selbst eine Integrationsgeschichte, genau wie seine Junioren Eb auf Platz AW8.
Deshalb weist er die Besucher des Grossmünsters wohl besonders gerne darauf hin, dass die Stadtpatrone Felix und Regula Ausländer waren, Mitglieder der Thebäischen Legion, Afrikaner aus Ägypten.
Und deshalb kann er wohl nicht verstehen, wie man eine brennende Kerze im Chorraum des Grossmünsters immer noch als katholischen Aberglauben ablehnen kann.
Bei seinen Junioren sei Integration noch kein Thema, erklärt er: «Die Nationalität spielt hier keine Rolle. Anspruchsvoller wird es allerdings bei den grösseren Junioren, den 15- bis 17-jährigen. Da muss man sich als Trainer dann schon aktiv darum bemühen, dass der gegenseitige Respekt erhalten bleibt und rassistische Sprüche keinen Raum finden.»
ERLEUCHTUNG IM GROSSMÜNSTER
In einem Nebenraum des Grossmünsters wird allmählich endgültig klar, was schon auf der Allmend in der Luft lag: Kirche und Fussball haben mehr miteinander zu tun, als man zunächst meinen könnte.
Auf dem Fussballplatz gelten Grundsätze wie: Nur wer als Gemeinschaft auftritt, kann auch etwas bewegen. – Ein einzelner Spieler mag noch so brillant sein, allein wird er keinen Sieg erringen. – Ohne Solidarität zwischen jenen Spielern, denen es gut läuft, und jenen, die unter einer Schwäche leiden, fällt eine Mannschaft auseinander. – Für ein gutes Zusammenspiel braucht es permanente Kommunikation. – Eine gemeinsame Vision kann nur verwirklicht werden, wenn man sich persönlich engagiert und gleichzeitig unterordnet. – Es gibt auf dem Fussballfeld keine unwichtigen Positionen.
Und nicht zuletzt: Wenn man den Gegner nicht als Feind, sondern als Notwendigkeit für ein attraktives Spiel erkannt hat und ihn dementsprechend schätzt, erst dann wird aus einem Fussballspiel ein Fussballfest.
Mit ansteckender Begeisterung erzählt Franco – unter Fussballfans fällt das «Sie» früh – wie wichtig ein einheitlicher Dress für das Mannschaftsgefühl ist. Wie er bereits einem Zehnjährigen beim Spielen anmerkt, dass es zu Hause Probleme gibt. Wie er mit einem Spieler auf Lehrstellensuche gegangen ist. Wie der boomende Mädchenfussball nach wie vor unterschätzt wird. Wie er sich im Stadion an der Anfield Road in Liverpool von der kollektiven Begeisterung hat mitreissen lassen.
Und plötzlich gibt es kein Halten mehr. Franco springt auf und stellt sich mitten in die Sakristei, als müsste er jetzt auf der Stelle zum Flügellauf ansetzen. Wenn ein Ball da wäre, wir würden uns vielleicht vergessen und im Grossmünster ein gediegenes ökumenisches Kurzpassspiel aufziehen. Ob wir nach einem solchen Lausbubenstreich damit durchkämen, dass wir den Ball ausschliesslich zur «Ehre Gottes» gekickt hätten, das wage ich zu bezweifeln – aber Freude bereitet hätten wir damit dem lieben Gott wahrscheinlich schon.
THOMAS BINOTTO