SOS Narrenschiff
Ich bin ein Mann und als solcher grundsätzlich völlig unempfindlich gegen jeglichen Schmerz. Ganz grosses Indianer-Ehrenwort!
Heroisch ertrage ich jede Gastritis nach sechs Stunden Dauergrillfest, satanische Kopfschmerzen nach sechs Stunden Dauerfernsehen und die trockene Kehle nach sechs Stunden Dauermonolog. Meine Umwelt kriegt von meinen Schmerzen – und das sind im Fall gar nicht wenige! – nur in ausgesuchten Momenten etwas mit: Wenn ich beispielsweise mein Knie am Bettpfosten stosÂse, dann, aber nur dann, hallt mein Schrei so laut durchs Quartier, dass die Nachbarn sich schon auf eine zünftige Metzgete mit Blutwurst und Wädli freuen. – Kann sein, dass ich hin und wieder nach hundert Metern Brustschwimmen still und leise in die Wellnesszone wechsle, weil sich mein Puls irgendwie unangenehm anfühlt. Aber das habe ich inzwischen im Griff, seit ich auf den Langstreckenkrampf im Pool verzichte. – Zugegeben, wenn der Ischias-Nerv höllisch zwickt, kann schon mal ein leichtes Zwinkern des linken Augenlids den rasanten Totalzerfall meines Körpers ankünden. – Neben meiner Selbstbeherrschung funktioniert halt auch mein Frühwarnsystem einwandfrei. Momentan blinken die Lämpchen gerade in den Bereichen Kopf, Gebiss, Rachen, Nase, Rücken, Ober- und Unterschenkel, Brustkorb, Magen, Daumen und Fusssohle.
Das ist viel Schmerz, selbst für einen Vollblutindianer, und deshalb habe ich mich immer und immer wieder gefragt, weshalb Männer all diese Schmerzen seit Jahrhunderten so tapfer und klaglos ertragen. Seit ich verheiratet bin, kenne ich die Antwort: Weil es nichts bringt, sich seiner Frau anzuvertrauen. Kaum öffne ich ihr mein Innerstes – selbstverständlich versehen mit dem Hinweis, dass ich unter diesen Schmerzen bereits seit 30 Minuten still und leise leide – kaum gewähre ich also Einblick in meine Krisenherde, behauptet meine Frau doch kaltschnäuzig, ich hätte von meinem Körper etwa so viel Ahnung wie sie von der Abseitsregel, sei hypochondrisch veranlagt, und dieselben Beschwerden habe sie schon seit Jahren und nicht erst seit 30 Minuten. Und überhaupt, das seien alles Stress-Symptome, für deren Diagnose mein Arzt nicht meinen Körper, sondern meine Agenda untersuchen sollte.
Woher will sie das alles wissen? Wo ich doch meine personal-apokalyptischen Schreckensvisionen immer schön tapfer für mich behalte. Wie kann sie behaupten, ich benähme mich bei jedem Muskelkater gerade so, als ob ich mit einem Hinkebein im Grab stünde? Wie kann sie mitten in der Nacht meine stoisch ertragenen Rückenschmerzen mit der barschen Aufforderung quittieren, ich solle nun endlich eine Schmerztablette nehmen, damit die Rumwälzerei aufhöre? Und dann noch die fies gestreuten Hinweise darauf, dass es zum Glück sie war, die unsere Kinder zur Welt gebracht hat, weil ich wahrscheinlich schon beim ersten Ultraschall zusammengeklappt wäre.
Nun hat aber eine ganz neue und ganz gross angelegte Zürcher Studie (siehe Tagi vom 4. Mai 2010) herausgefunden, dass Männer tatsächlich weniger wehleidig sind als Frauen. Ich geb’ ja sonst nicht viel auf Studien, aber diese muss einfach stimmen, die ist wasserdicht wissenschaftlich. Damit ist ein für alle Mal klar: Ich bin das sensible Wesen mit der heldenhaften Selbstbeherrschung. Ich bin der furchtlose Winnetou mit dem feuchten Hundeblick.
THOMAS BINOTTO