Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2010 forum Nr. 13, 2010 Ins Schwarze
Oper: «Freischütz» von Carl Maria von Weber

Ins Schwarze

Artikelaktionen

Dieser Teufel ist ein ganz armer Tropf, er hat bestimmt schon bessere Konjunktur erlebt: Sein Auftritt ist der reine Budenzauber, es zischt ein bisschen und blinkt, es rattert hier und knattert dort, ganz wie in der Geisterbahn am Rummelplatz. Samiel heisst der Fürst der Finsternis im «Freischütz», und der Opernregisseur Peter Konwitschny führte ihn in seiner Hamburger Inszenierung endgültig als zahnlosen Statisten vor. Seine Botschaft: Die Angst vor Teufeleien und Schwarzer Magie leistet sich vielleicht ein spiessiges Bürgertum als Nervenkitzel. Kann man ja nur lachen. Nun ist «Der Freischütz» aber eine Märchengeschichte, und als solche ohnehin viel näher an der Wirklichkeit als jede realistische Abbildung. Die Romantik als naive Sehnsucht wäre ein Missverständnis: Vielmehr ist es die Entdeckung menschlicher Abgründe. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts beweist Carl Maria von Weber mit seiner Freischütz-Oper ein Gespür für jenes grosse Thema, das am Ende des Jahrhunderts nicht nur zu den schönsten und erschreckendsten Schubert-Liedern führen würde, sondern auch zur Erfindung der Psychoanalyse. Dass es böse Menschen gibt, das ist tägliche Lebenserfahrung: missgünstige und verbohrte Menschen, die anderes Glück zerstören müssen, weil sie selbst tief unglücklich sind. Eine ganz banale Erfahrung: Wer damit beschäftigt ist, die eigene Haut zu retten, dem sind Kollateralschäden meist völlig egal. Der Jägerbursche Kaspar im «Freischütz» ist so jemand. Seine Zeit läuft ab. Er hat sich auf die Zauberei mit den unfehlbaren Gewehrkugeln eingelassen. Wenn es ihm nicht gelingt, ein neues Opfer zu finden, dann ist sein Spiel mit dem Feuer vorbei. Er hat also eine gewaltige Motivation, andere zu verführen: Es ist sein einziger Ausweg, sich der Verantwortung für sein Handeln und seine freie Entscheidung (noch) nicht stellen zu müssen. Es ist wie beim Kartenspiel: Er versucht, die faule Karte anderen unterzuschieben. In seinem Kollegen Max findet er das ideale Opfer. Ohne Arg und ohne die leiseste Idee, dass es andere nicht immer so gut mit einem meinen, wie sie vorgeben. Naiv kann er sich nicht vorstellen, dass Menschen unehrlich sind, dass sie falsches Spiel treiben. Er will es nicht sehen, denn ihn treibt die Angst. Pure Versagensangst. Trifft er beim Schützenfest nicht ins Schwarze, verspielt er seine grosse Liebe. Die Tradition will es so. Und hier beginnt der Albtraum. Es ist die unmenschliche Verknüpfung von Dingen, die gar nichts miteinander zu tun haben. Warum, in Gottes Namen, sollte ein Wettschiessen darüber entscheiden, wen die Tochter des Erbförsters heiraten muss oder darf? Das fragen sich zum Schluss alle. Der Eremit erst öffnet die Augen: Sein Ausscheren aus der Gesellschaft ermöglicht ihm den klaren Blick auf ein unmenschliches System Menschen gemachter Abhängigkeiten. Auch das eine alltägliche Erfahrung: Erst die unabhängige Aussenperspektive hilft, solche Konstruktionsfehler zu korrigieren. Drei Jahrzehnte nach Mozarts «Zauberflöte» klingt Carl Maria von Webers «Freischütz» wie ein Echo. Es ist ein grosses Plädoyer für eine aufrichtige Menschlichkeit. Ein Fest der Liebe. Und beinahe ein Wunder: Menschen beginnen, sich in andere Köpfe zu denken. Sie ahnen die Beweggründe, Hoffnungen, Ängste ihrer Mitmenschen – und verdammen ihre Fehler nicht als satanische Bosheit, sondern verzeihen die Verirrung. Keine geringe Einsicht: Menschen machen nun mal Fehler. Und oft genug geht es einem wie dem Zauberlehrling Max: Man wird gerade deshalb fehlbar, weil man makellos scheinen möchte. «Freischütz» genauso wie «Zauberflöte» enden da, wo es richtig spannend zu werden beginnt. Denn die Entscheidung zu einer umfassenden Freiheit ist ja erst ein Startschuss. Das ist der Knackpunkt, warum solche Geschichten immer aktuell sein werden. Menschliches Zusammenleben braucht nun einmal Regeln. Dass diese kein Eigenleben entwickeln und sich plötzlich gegen die Menschen richten, muss immer wieder neu errungen werden. Aber diese Aufgabe hat ja schon Jesus Christus seinen Zuhörern und damit seiner Kirche in die Agenda geschrieben.

CLEMENS PROKOP

Artikelaktionen

Carl Maria von Weber: «Der Freischütz»
Opernhaus Zürich
20. und 23. Juni,
1. und 6. Juli
www.opernhaus.ch