Gut ist er, wenn man ihn nicht bemerkt
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FOTO: CHRISTOPH WIDER
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«Gottesdienst und Gotteshaus», fasst ÂErwin Keller die klassischen Aufgabenfelder des Sakristanendienstes zusammen. Seit zehn Jahren leitet er die Sakristanenschule in Einsiedeln, an der jeweils auch der «GrosÂse Grundkurs» durchgeführt wird.
«Gute Pflege ist meistens unsichtbar, mangelnde Pflege hingegen sticht sofort ins Auge», führt Referent Josef Arnold, Sakristan in Sursee, die Teilnehmenden in das Tagesthema ein. Nach den Einführungen zu liturgischen Gewändern, der Bibel, Turmuhren und Glockenläutmaschinen stehen heute «Unterhaltsarbeiten in Kirche und Sakristei» auf dem Programm, bevor der nächste Kurstag der «Modernen Reinigungspraxis» gewidmet ist.
GEHEIMTIPP TIEFKÜHLER
Die Stimmung im Kursraum ist entspannt und doch konzentriert. Dicke Ordner, Handbücher und Bibeln stapeln sich auf den ÂTischen – das Handwerkszeug eines jeden Sakristans. Alle Anwesenden haben bereits praktische Erfahrung, die in Form von Fragen und Anmerkungen in die Diskussion einfliesst. «Die kleinen Osterkerzlein tropfen weniger, wenn man sie in den Tiefkühler legt und erst rund eine Stunde vor der Osternacht herausnimmt», verrät Referent Arnold seinen Geheimtipp, der von den Teilnehmenden mit skeptischem Interesse aufgenommen wird. Skepsis hin oder her – ausprobieren wollen ihn zu diesem Osterfest die meisten, denn Wachstropfen im ganzen Kirchenschiff gehören eindeutig zu den unbeliebteren Reinigungsaufgaben.
Der Kurs ist mit 25 Teilnehmenden aus der gesamten Deutschschweiz voll belegt – für den Leiter der Sakristanenschule keine neue Erfahrung. 550 Sakristaninnen und Sakristane hat er in den letzten zehn Jahren ausgebildet, und oftmals reichen die zwei jährlich angebotenen Kurse nicht aus, um die Nachfrage zu decken. Wer bei «Sigrist» an ein klassisches Ehrenamt für Pensionierte denkt, liegt falsch: Der jüngste Teilnehmer ist knapp über dreissig, der Altersdurchschnitt der achtzehn Männer und sieben Frauen liegt bei Mitte vierzig. In den Reihen sitzen auch zwei Inder, ein paar Kroaten, ein Österreicher, ein Italiener und ein Liechtensteiner. Nachwuchssorgen macht sich Erwin Keller für den Sakristanendienst nicht. Auf eine ausgeschriebene Stelle kommen nicht selten dreissig bis vierzig Bewerbungen.
KURSBESUCH ALS BEDINGUNG
Dabei kommen viele Sakristane eher zufällig zu ihrem Dienst. Bernd Adelberger, seit vergangenem Sommer mit einer 20-Prozent Anstellung Sakristan in Bern, war regelmäsÂsiger Kirchgänger und engagierte sich ehrenamtlich in seiner Gemeinde, als sein Vorgänger das Amt aufgab und die Stelle des Sakristans frei wurde. «Ich wurde angesprochen, ob ich mir das vorstellen könnte und habe den Dienst gern übernommen.» Hauptberuflich ist der gelernte Heizungs- und Lüftungsbauer Miterzieher an einer Blindenschule, der Kursbesuch in Einsiedeln gehörte für ihn zu den Anstellungsbedingungen. «Gut und notwendig», urteilt der 36-Jährige über den verpflichtenden Schulbesuch.
Bernd Adelberger, der nur wenig Einarbeitungszeit hatte, hat sich für den «GrosÂsen Grundkurs» entschieden, um «das breite Spektrum und das volle Wissen» mitzubekommen. Am Ende der dritten von vier Kurswochen fällt sein Urteil durchwegs positiv aus: «Die Referenten bereiten uns gut auf die Praxis vor. Das Gemisch aus Theorie und Praxis ist ausgewogen, das Kursprogramm abwechslungsreich.» Theologische Einführungen gehören ebenso dazu wie der Besuch einer Paramentikerin oder eines Kerzenherstellers. «In liturgischen Dingen hat man als Kirchenbesucher ein Laienwissen und reimt sich vieles zusammen», sagt Adelberger. «Da bin ich im Kurs in manchen Dingen regelrecht aufgeklärt worden!»
VON VIELEN BEOBACHTET
Der Kurs gibt «Sicherheit, alles richtig zu machen», findet auch Maria Seiler. Die 54-Jährige aus St. Margrethen ist seit anderthalb Jahren vollamtliche Sakristanin und auch über das ehrenamtliche Engagement in ihrer Gemeinde zum Sakristanendienst gekommen – ein Dienst, den sie «aus Freude an der Kirche» tut. Wie bei Kurskollege Adelberger war auch bei ihr der Besuch des Sakristanenkurses Anstellungsbedingung. «Heute besuchen fast alle neuen Sakristane einen Kurs», erklärt Erwin Keller, «viele Pfarreien machen das zur verpflichtenden Bedingung.» Die Motivation seiner «Schüler» leide nicht darunter, im Gegenteil: «Die meisten kommen hoch motiviert und wollen etwas Neues anfangen.» Nur das religiöse Vorwissen habe im Laufe der Jahre abgenommen.
Das A und O eines guten Sakristans gibt Arnold seinen Kollegen auf der Kursbank fast mantramässig weiter: «Merken und Melden: Geht mit offenen Augen durch eure Kirche und beobachtet, kennt eure Möglichkeiten und Grenzen.» Es geht darum, Schäden und Schwachstellen zu erkennen. Nicht alles muss und darf ein Sakristan selbst beheben, aber er muss sensible Punkte sehen, kontrollieren und delegieren.
Mut sollen sie haben, sagt Arnold. Mut, auch mal etwas Neues auszuprobieren. Daneben hält er für «die Neuen» eine Reihe ganz praktischer Tipps parat. Die Telefonliste mit den wichtigsten Handwerkern, Notrufnummern und Pfarreirepräsentanten gehört neben das Telefon. Liturgisches Gerät gehört nach Möglichkeit getrennt von praktischem Material versorgt, und für den eigenen Dienst, vor allem aber für Vertretungen und Nachfolger ist es sinnvoll, ein sogenanntes Usus-Buch anzulegen. Darin hält der Sakristan Wesentliches zu seinem Dienst fest, liturgische Gepflogenheiten der Pfarrei gehören ebenso dazu wie der Eintrag der letzten Wartung der Lautsprecheranlage.
GESCHICK GEFORDERT
Ganz ohne handwerkliches Geschick geht es bei den vielen Tätigkeiten eines Sakristans nicht. Ein Blick auf die Teilnehmerliste des aktuellen Kurses zeigt: In ihrem früheren Beruf waren die Nachwuchs-Sakristane Schreiner, Gärtner oder Feinmechaniker, haben Haare geschnitten oder Brot gebacken. Erwin Keller erläutert, worauf es sonst noch ankommt. «Der Bewerber sollte katholisch sein, am Glauben interessiert und über eine gewisse gereifte Loyalität zur Kirche verfügen. Er muss den Wochenend- und Feiertagsdienst akzeptieren, sollte verschwiegen sein, religiöses Grundwissen mitbringen oder zumindest die Bereitschaft, sich dieses Wissen anzueignen.» Auch Umgangsformen spielen eine Rolle und nicht zuletzt «Verständnis für verschiedenste Gruppen der Pfarrei».
Der Sakristanendienst ist sehr vielseitig, vielleicht sogar «die vielseitigste Tätigkeit in einem Dorf», wie Keller es formuliert. Aber: Sakristan ist nicht einfach ein Beruf, sondern eine Berufung, da sind sich alle einig. Dabei hat ein Sakristan eine exponierte Stellung in der Gemeinde inne. Jegliches Sich-zur-Schau-Stellen ist trotzdem fehl am Platz. Das Geheimnis des gelungenen Sakristanendienstes? Erwin Keller zitiert den Einsiedler Abt Martin Werlen, der die Kursteilnehmer am Vorabend zum Gespräch ins Kloster lud: «Ein guter Sakristan ist ein Sakristan, den man nicht bemerkt!»
ANDREA KROGMANN,  KIPA
Der nächste «Grosse Grundkurs» findet in zwei Teilen vom 8. – 19. November 2010 und vom 14. – 25. März 2011 in Einsiedeln statt.
Mehr ÂInformationen unter www.sakristane-schweiz.ch