Freiheit des Gewissens
Thomas More wird 1478 in London geboren. Als Anwalt will Mores Vater, dass sein Sohn ebenfalls die Rechte studiert. Und obschon dieser sich mehr für die neu aufkommenden Studien der antiken Sprachen interessiert, beugt er sich dem väterlichen Wunsch.
Als junger Anwalt lernt More den bereits berühmten Erasmus von Rotterdam kennen, mit dem ihn zeitÂlebens eine enge Freundschaft verÂbindet. Zur gleichen Zeit erwägt er ernsthaft den Eintritt in den Kartäuserorden, entscheidet sich aber nach reiflicher Überlegung anders und heiratet mit 28 Jahren Jane Colt. In den nächsten Jahren wächst die Familie um drei Töchter und einen Sohn, bis seine Frau 1511 stirbt. An seinen Kindern verwirklicht More, was er sich selbst gewünscht hätte: Er ermöglicht ihnen – auch den Mädchen – eine hochstehende humanistische Ausbildung.
Obwohl die Juristerei nicht Mores grosÂse Leidenschaft ist, wird er bald einer der erfolgreichsten Rechtsanwälte und Politiker. Seine Unbestechlichkeit und Redlichkeit als Richter ist in England heute noch sprichwörtlich. Auf einen solchen Mann muss früher oder später auch der König, Heinrich VIII., aufmerksam werden, zumal dieser König ebenfalls humanistische Ideale vertritt. Und prompt will er More für seinen Dienst gewinnen. Dieser sträubt sich zunächst gegen diese Berufung, wohlwissend, dass der Dienst bei Hofe auch mit Gefahren verbunden ist. Kann er sich dort seine Unbestechlichkeit, seine Unabhängigkeit bewahren? Schliesslich wagt er es doch. Mit 52 Jahren erreicht More das höchste Amt, welches ihm als Bürger überhaupt zugänglich ist, und wird Lordkanzler von ÂEngland.
Als Heinrich VIII. vergeblich auf die Geburt eines Sohnes wartet, will er sich von seiner Frau, Katharina von Aragon, scheiden lassen. Aber der Papst lässt sich nicht zu einer solchen Dispens bewegen, und es kommt zum Bruch. Heinrich VIII. erklärt sich selbst zum Oberhaupt der englischen Kirche. Für diesen riskanten Schritt will er natürlich die Zustimmung der führenden Politiker und Kirchenmänner seines Landes. Jeder soll auf den König als Oberhaupt der englischen Kirche schwören. Thomas More, der eine solche Entwicklung früh voraussieht, legt sein Lordkanzleramt 1532 nieder und zieht sich ins Privatleben zurück. So hofft er, dem aufziehenden Sturm zu entgehen. Aber der König besteht darauf, dass auch More, einer der angesehensten Männer des Landes, den Eid leistet. Nachdem sich dieser standhaft weigert, wird er mehr als ein Jahr im Tower eingekerkert und am 6. Juli 1535 wegen Hochverrats enthauptet.
More musste unter anderem sterben, weil er auf der Freiheit seines Gewissens bestand. Er war überzeugt, dass jeder Mensch sein Leben selbst verantworten müsse. Dennoch war er kein Fanatiker oder Hysteriker, der das Martyrium suchte. Seine Anstrengung zu überleben und klarzumachen, dass Verlust der Gewissensfreiheit auch Verlust der Rechtsstaatlichkeit bedeutet, ist beeindruckend und unter anderem deshalb so überzeugend, weil More nie von blindem Eifer getrieben wurde, sondern stets seinen Humor bewahren und über sich selbst lachen konnte.
Thomas More begleitet mich nun schon ein Leben lang in ganz besonderer Weise. Er ist mein Namenspatron; mein Vorbild, wenn mich Mut oder Humor zu verlassen drohen; und nicht zuletzt hat er dazu beigetragen, dass ich heute Laie und nicht Mönch bin. Er war und ist mir das Beste, was ein Namenspatron sein kann: Ein treuer Lebensbegleiter.
THOMAS BINOTTO