Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2010 forum Nr. 13, 2010 «Wiki hat Suchtpotential»
Zu Besuch bei Erich Loser im malerischen Elgg

«Wiki hat Suchtpotential»

Artikelaktionen
Seit drei Jahren ist Erich Loser Autor beim Internetportal Wikipedia. Für Wiki, wie er die weltgrösste Enzyklopädie liebevoll nennt, verfasst er Einträge im religiösen Bereich. Augenschein einer Leidenschaft.

forum: Herr Loser, Sie schreiben für Wikipedia, unter den meistangeklickten Webseiten in der Welt auf Platz 6. Wie sind Sie zu diesem Hobby gekommen?
Erich Loser: Ich habe mich schon als Knabe für Lexika interessiert. Das erste bekam ich von meinem Vater geschenkt – inzwischen habe ich mir sieben weitere dazugekauft. Als ich vor einigen Jahren das Internet für mich entdeckte, bin ich auf Wikipedia gestossen und dort aus Begeisterung hängen geblieben. Eines Tages war ich zur Berichterstattung an eine Veranstaltung zur Ehrung von Sr. Liliane Juchli, einer Ikone unter den Pflegenden, eingeladen und realisierte, dass diese Persönlichkeit in Wikipedia nicht ihrer Bedeutung gemäss vorgestellt war. Ich entschloss mich, ihr Leben und Werk zu recherchieren, und verfasste dann einen neuen, umfassenden Eintrag, der derzeit monatlich 950-mal besucht wird. Diesem Artikel folgten weitere über Personen wie den Mystikforscher Alois Maria Haas und Institutionen wie das Lassalle-Haus.

Für welchen Bereich schreiben Sie vorwiegend?
Hauptsächlich für den religiösen, da theologische Themen mich besonders interessieren. Zentral finde ich den interreligiösen ­Dialog, den wir so dringend brauchen. Gegenwärtig entwerfe ich nach einem schon eingestellten Artikel über den Theologen Othmar Keel einen neuen über sein Konzept der Vertikalen Ökumene. Grundsätzlich ­
gibts im theologischen Wikipedia-Bereich noch viel zu tun. Er ist vergleichsweise wenig ausgebaut.

War es schwierig, bei Wikipedia anzufangen?
Überhaupt nicht! Ich gab mir einen Nickname (Benutzername), meldete mich mit meinem richtigen Namen und einer Mailadresse an – und schon war ich mit dabei. Bei Wiki kann jeder mitmachen. Ich verbringe rund 20 bis 30 Stunden pro Woche damit – Wiki hat Suchtpotential.

Gehören Sie zum harten Kern der Wikipedianer, die sozusagen in den Hinterzimmern des ­Projekts leben, den Diskussionsseiten?
Keineswegs! Ich bin ein einfacher Autor mit gegenwärtig etwas unter 500 Einträgen. Wobei nicht nur jeder Artikel, sondern auch jede Änderung an einem anderen Artikel als Eintrag, «edit», gilt. Stolz bin ich jedoch auf meinen «Sichterstatus»: Seit dem Überschreiten von 300 Einträgen darf ich Einträge kontrollieren und «absegnen».

Und löschen?
Das dürfen nur die Administratoren. Ihre Aufgabe ist es auch, Vandalen erst zeitweilig zu sperren und nach weiteren destruktiven Einträgen allenfalls auch auszuschlies­sen.

Gerade weil jeder schreiben kann, was er will, wird Wikipedia immer wieder wegen seiner mangelnden Verlässlichkeit kritisiert.
Die Qualität von Wiki ist ausgezeichnet. Jeder Eintrag wird beobachtet, kontrolliert und stetig verbessert. Zentral ist das Prinzip des NPOV, des Neutral Point of View: Die Artikel sollen neutral sein; keine Leidenschaften dürfen die Darstellung des Gegenstandes beeinflussen. Wiki ist ein faszinierendes Projekt.

Und wie steht es mit der Relevanz der Artikel?
Wikipedia gibt für die verschiedenen Bereiche sehr strenge Relevanzkriterien vor und löscht irrelevante, qualitativ ungenügende Artikel. Grundsätzlich ist die gegenseitige Kontrolle der einzelnen Wiki-Mitarbeitenden untereinander sehr hoch. Wobei ich betonen möchte, dass die Diskussionen meist sehr sachlich, in einem angenehmen, professionellen Ton geführt werden.

Sie haben von der Faszination von Wikipedia gesprochen. Doch was treibt einen pensio­nierten Maschineningenieur an, ohne Bezahlung an einer Enzyklopädie zu schreiben?
Das Interesse am Wissen und dessen Weitergabe. Ganz einfach.

GESPRÄCH: PIA STADLER

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Erich Loser. FOTO: CHRISTOPH WIDER
Erich Loser. FOTO: CHRISTOPH WIDER

WIKIPEDIA

Wikipedia ist ein Projekt freiwilliger Autoren zum stetigen Auf- und Ausbau einer Enzyklopädie. Der Name setzt sich zusammen aus «wiki», dem hawaiischen Wort für «schnell», und «encyclopedia», dem englischen Wort für «Enzyklopädie». Die im März 2001 gegründete Wikipedia in deutscher Sprache ist eine von gegen 250 Wikipedia-Ausgaben. Mit 1 069 464 Artikeln ist die deutschsprachige die zweitgrösste Wikipedia nach der englischen, die über drei Millionen Artikel enthält. Mit der zweiten Million Artikel in seiner deutschen Ausgabe rechnet Wikipedia im Jahr 2015.
Anders als herkömmliche Enzyklopädien ist Wikipedia frei. Es gibt sie nicht nur kostenlos im Internet, sondern jeder darf sie unter Angabe der Quelle und der Autoren frei kopieren und verwenden. Sie enthält keine Werbung und finanziert sich aus Spenden.

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