«Musik ist mein Lebenselixier»
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FOTO: CHRISTOPH WIDER
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Wir treffen uns im kleinen Saal der Tonhalle Zürich. Im grossen Saal wird gerade geprobt – und die Proben des Tonhalle-Orchesters möchte Elmar Weingarten keinesfalls stören. «Mit dem Tonhalle-Orchester unter der Leitung von David Zinman besitzt Zürich eines der weltbesten Orchester, und mit dem Grossen Tonhalle-Saal einen der akusÂtisch besten Konzertsäle Europas», sagt er enthusiastisch. «Schade nur, dass die Zürcherinnen und Zürcher das nicht zu wissen scheinen. Ein bisschen mehr Stolz wäre schon angebracht.»
Von Haus aus ist Elmar Weingarten promovierter Soziologe und Betriebswirtschafter mit einer Universitätslaufbahn, die ihn bis zum Assistenzprofessor an der Freien Universität Berlin führte, wo er die Forschungsgruppe «Patientenorientierte Intensivmedizin» leitete. Das war sein erstes berufliches Leben, fast 20 Jahre lang. Dann wechselte er radikal die Seiten und wandte sich als Konzertveranstalter und Orchestermanager dem Musikleben zu. In verschiedensten Funktionen prägte er die Kultur Deutschlands – seit knapp drei Jahren ist der ehemalige Intendant der Berliner Philharmoniker Intendant der Tonhalle Zürich.
NAHRUNG FÜR LEIB UND SEELE
Als Flucht aus den Abgründen unserer Gesellschaft in die Welt des Schönen und Wahren, will Elmar Weingarten seinen beruflichen Richtungswechsel nicht verstanden wissen. «Musik war schon immer mein Lebenselixier», sagt er. «War sie früher hauptsächlich Nahrung für die Seele, so ist sie es heute im wörtlichen Sinn auch für den Leib …»
Sein Hobby zum Beruf zu machen, gelang dem heute 68-Jährigen – entgegen Prognosen aus dem Musikbusiness – leicht. «Gemerkt, wie mutig dieser Schritt eigentlich war, habe ich zum Glück erst später.»
Dem Ruf von David Zinman nach Zürich folgte der Deutsche gerne. «Der Umzug fiel meiner Frau und mir erstaunlich leicht. Wir wurden freundlich aufgenommen – und die Unterschiede zwischen Schweizern und Deutschen erleben wir als ethnographische Neuerfahrung.» Mag auch das kulturelle Leben Zürichs nicht ganz an jenes von Berlin heranreichen, Elmar Weingarten zeigt sich begeistert von dessen Facettenreichtum. «Das habe ich eigentlich gar nicht erwartet», bekennt er.
MUSIKALISCHE BEKENNTNISSE
Stichwort «bekennen»: Von Mitte Juni bis Mitte Juli finden in der Tonhalle Zürich Festspielkonzerte zum Thema «Bekenntnisse» statt. Aufgeführt werden vor allem Sinfonien aus dem 19. Jahrhundert. «In den Künsten, so auch in der Musik, ist jedes Kunstwerk zugleich eine Aussage über seinen Schöpfer», erklärt Elmar Weingarten. «Erst im 19. Jahrhundert jedoch komponierten die Tonsetzer zunehmend unverhohlen das eigene Ich. Sinfonien entstanden als Bekenntnisse – zu Gott bei Bruckner, zu sich selbst bei Berlioz, zur Heimat bei den slawischen Komponisten – und zum Ideal der Reinheit des musikalischen Ausdrucks beim Träger des diesjährigen Zürcher Festspielpreises, György Kurtág.»
Zu einem Lieblingskomponisten bekennen mag sich der Tonhalle-Intendant nicht: «Mich begeistert Musik von der Renaissance bis in die Moderne.»
Und wohin führt die klassische Musik der Gegenwart? «Gute moderne Kunst verweist nach vorne, antizipiert gesellschaftliche Entwicklungen oder stachelt sie an», sagt Elmar Weingarten. «So auch die Musik. Nur ist die moderne klassische Musik schwieriger zu erfassen als die bildende Kunst oder die Literatur. Musikgenuss und damit –verständnis brauchen Ruhe und Musse – Dinge, die in unserer hektischen Zeit immer schwieriger zu finden sind. Während zeitgenössische Literatur und Malerei mühelos ein Publikum finden, sind in der Musik Produktion und Rezeption zeitlich verschoben. Die Wiener Schule mit Schönberg, Berg und Webern gilt heute noch immer als neu und ungewohnt, obwohl ihre Musik bereits hundert Jahre alt ist. Viele Menschen trauen der modernen klassischen Musik nicht zu, dass sie dereinst so rezipiert wird, wie wir heute Schumann oder Mozart rezipieren. Warum dem so ist, weiss ich nicht. Ich hoffe jedoch, dass die moderne Klassik den modernen Menschen einholen wird.»
PIA STADLER