Eine Schweizer Erfolgsgeschichte in Indonesien
|
Für sein Lebenswerk wurde der Jesuitenpater Johann Casutt SJ (oben, rechts) von der Jacobs Foundation ausgezeichnet. Foto: Jacobs Foundation/zvg
|
 «Über Nacht wurde aus dem Englischlehrer Casutt der Direktor einer technischen Schule», erzählt der Missionsprokurator der Schweizer Jesuiten Toni Kurmann SJ gerne den Beginn der Geschichte vom Lebenswerk des Missionars, Pater Johann Casutt SJ, am Polytechnikum ATMI in Indonesien. Und wirklich so war es. 1968 wurde in Solo auf der Insel Java von den Jesuiten eine technische Ausbildungsstätte gegründet. Nach drei Jahren entschied sich der leitende Jesuit überraschend, den Orden zu verlassen. Da war schnelle Hilfe gefragt. Die Wahl fiel auf P. Johann Casutt, der am Kolleg in Yogyakarta Englisch unterrichtete. «Viel Erfahrung hatte ich nicht», bekennt der aus Horgen stammende Jesuit. «Meine zwei Brüder in der Schweiz hatten eine technische Ausbildung gemacht. Von daher war mir das Schweizer Dual-System von Schule und Arbeiten im Betrieb bekannt.» Dieses sollte auch in Indonesien Früchte tragen: zwei Drittel Praxis, ein Drittel Theorie. Die Disziplin und Genauigkeit, die es bei der Arbeit an den Werkstücken braucht, forderte der Direktor auch von sich. Die Tage im Leben von P. Casutt folgen einem strengen Rhythmus. Sie beginnen morgens um 5.45 Uhr mit der heiligen Messe, dann Frühstück und ab 7 Uhr strömen die Schüler und Mitarbeiter auf das Gelände, dann beginnt die Arbeit – in zwei Schichten bis abends um 22 Uhr. Danach hat es sich P. Casutt zur Gewohnheit gemacht, noch einmal durch die Werkhallen zu gehen, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist und Sauberkeit herrscht. Das ist seine Art, das jesuitische Abendexamen abzulegen «Diese eiserne Disziplin erhält er sich auch, wenn er auf Heimaturlaub bei uns in Zürich ist», berichtet Toni Kurmann SJ bewundernd und fast erstaunt. «Selbst hier beginnt der Tag mit der Messe um 5.45 Uhr.»
VORBILD FÜR DAS GANZE LAND
Schnell wurde ATMI zu einem Erfolgskonzept, dessen Absolventen reissenden Absatz auf dem Arbeitsmarkt fanden. «Das indonesische Ausbildungswesen zielte sehr auf Matura und universitäre Ausbildung. Was es aber brauchte und bis heute braucht, sind Leute, die Wissen und praktische Fähigkeiten miteinander verbinden können», erklärt P. Casutt. Hier füllte ATMI eine Lücke im Ausbildungssystem und wurde zum Vorbild im ganzen Land. Früh erkannte man die Notwendigkeit einer eigenen Einkommensquelle für die Schule, um kostendeckend arbeiten und weiterhin auch Jugendliche aus weniger wohlhabenden Familien ausbilden zu können. Aus zwei Nöten wurde eine Tugend gemacht. Durch eine eigene Produktion konnten die Jugendlichen Praxiserfahrung sammeln und gleichzeitig Güter für den Verkauf herstellen. Sämtliche Gewinne werden in die Ausbildung reinvestiert.
JESUITISCHES MANAGEMENT
Was hat die Spiritualität des heiligen IgnaÂtius mit dem Erfolg eines metallverarbeitenden Ausbildungs- und Produktionsbetriebes zu tun? Vision und Mission von ATMI geben Auskunft. Die Mission drückt aus: Wie wollen wir gesehen werden? Die Vision sagt: Was sind unsere Ziele? Wo wollen wir in fünf bis zehn Jahren stehen? ATMI hat die Vision einer industriellen Welt von Produktivität und Effizienz, will aber gleichzeitig zur ganzheitlichen Entwicklung seiner Mitarbeiter beitragen und bei der Produktion den Schutz der Umwelt respektieren. Es sollen junge Menschen ausgebildet werden, die zur Entwicklung des Landes beitragen. Deshalb – und das unterscheidet ATMI von anderen Unternehmen – stehen bei der Ausbildung nicht nur technische Fähigkeiten im Vordergrund. Die Ausbildung der jungen Indonesier basiert auf einer Trilogie: Competentia (technisches Wissen), Concientia (moralische Verantwortung) und Compassio (die soziale Komponente der betrieblichen Aktivitäten).
Der dreijährige Ausbildungsplan von ATMI, der analog zu den vierwöchigen geistlichen Übungen des Ignatius aufgebaut ist, gibt eine detaillierte Auskunft über die Mission von ATMI. Im ersten Lehrjahr (die «Erste Woche») werden neben dem theoretischen Unterricht die Basisbedienung der Maschinen erlernt und Übungsstücke produziert. Parallel zur technischen Ausbildung soll den Jugendlichen auf einer spirituellen Ebene Disziplin und das Bewusstsein für Qualität vermittelt werden. Sie sollen ihre Ideale und ihre Lebensvision entwickeln. Sie sollen ihre Schwächen und Stärken kennen und mit ihnen umgehen lernen. Im zweiten Lehrjahr (die «Zweite Woche») werden im technischen Bereich Serienprodukte hergestellt und Spezialanfertigungen geübt. Parallel dazu sollen die Jugendlichen lernen, gute und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Sie sollen ihren Idealismus bewahren, dabei aber gleichzeitig ihre begrenzten Ressourcen beachten. Die Erfahrung von Teamarbeit steht im Vordergrund. Im dritten Lehrjahr (die «Dritte und Vierte Woche») lernen die Auszubildenden die Handhabung von computergesteuerten Maschinen, machen Kurse in Unternehmenslehre und werden auf die Gründung von eigenen Werkstätten vorbereitet. Sie sollen den gesamten Prozess beherrschen, von der Planung bis zum Endprodukt. Auf der spirituellen Ebene sollen sie eine Haltung der Exzellenz verinnerlichen – das ignatianische MAGIS – und all ihre Talente zur Entfaltung bringen. Am Ende der Ausbildung soll eine kreative, aufrichtige, frohe und verantwortungsvolle Persönlichkeit stehen. P. Casutt und seine Nachfolger fassen das Credo von ATMI kurz: «Wir glauben an Gott. Wir glauben an die Menschen.»
AUSZEICHNUNG FÜR EIN LEBENSWERK
Heute bildet ATMI jährlich über 600 Studenten aus, mit eigenen Instruktoren und unter indonesischer Führung. Fast 30 Jahre hat P. Johann Casutt die Schule geleitet. 2000 übernahm sein Nachfolger P. Benedikt Triatmoko SJ die Leitung. Er soll die Schule in die Zukunft führen. Aufgewachsen in Indonesien hat er auf den Philippinen Theologie und in Harvard Management studiert. Damit liegt ATMI nun ganz in indonesischer Hand. Dennoch sind die Schweizer Wurzeln bei ATMI nicht wegzudenken. So hat die Jacobs Foundation Johann Casutt SJ letztes Jahr mit dem Klaus J. Jacobs Best Practice Award für Projekte zur erfolgreichen Entwicklung junger Menschen ausgezeichnet – die Würdigung eines Lebenswerkes und einer Erfolgsgeschichte schweizerischer Entwicklungshilfe.
ANDREA ZWICKNAGL