Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2010 forum Nr. 11, 2010 Wenn der Gründer kein Vorbild ist
Legionäre Christi: Distanzierung vom Gründer

Wenn der Gründer kein Vorbild ist

Artikelaktionen
Die zweite Generation der «Legionäre Christi» steht vor der schwierigen Aufgabe, die Verdienste ­ihres Ordensgründers zu würdigen und sich gleichzeitig seinem Versagen zu stellen.

Er ist der Gründervater ihrer Gemeinschaft. Gleichzeitig erhärten sich immer mehr schwerwiegende Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden: Marcial Maciel Dello­gado soll Seminaristen missbraucht haben, als Priester und Ordensmann Vater dreier Kinder sein, in seinen Einrichtungen herrschen Missstände. Die Aufarbeitung der eigenen Geschichte der noch jungen Gemeinschaft hat begonnen, nicht zuletzt durch die apostolische Visitation, deren erster Teil ­soeben abgeschlossen wurde.
Dass der Gründer kein Vorbild sein darf, ist ungewöhnlich für einen Orden. Ihn leugnen könne und wolle man nicht, das wäre «Geschichtsklitterei», sagt Sylvester Heereman (35), Territorialdirektor für Mitteleuropa. Als Gründer des Priesterordens Legionäre Christi und der Laienvereinigung Regnum Christi habe Maciel «viel Gutes» bewirkt.
Die sehr dunklen Seiten des Gründers zwingen den Orden jedoch, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Bereits unter Joseph ­Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation wurden kirchenrechtliche Ermittlungen gegen den Mexikaner eingeleitet. Mit Blick auf Alter und Gesundheitszustand erlegte der Vatikan Maciel 2006 ein Leben in Gebet und Busse auf; sein Priesteramt durfte er öffentlich nicht mehr ausüben. 
Im November 2009 wurden Maciels Opfer vom Generaloberen Alvaro Corcuera um Entschuldigung gebeten. Im März folgte ein Schreiben der Ordensleitung. «Wir dachten und hofften anfangs, dass die Anschuldigungen gegen unseren Gründer falsch und unbegründet seien; denn sie entsprachen nicht den Erfahrungen, die wir mit ihm und seinem Werk gemacht hatten», heisst es darin. Der Orden bestätigte nun aber die Existenz mindestens einer Tochter und verurteilt ausdrücklich «all jene Taten» Maciels, «die den Pflichten eines Christen, Ordensmannes und Priesters widersprechen».
Sein wichtigstes Anliegen jedoch – «Priester und Laien für eine zeitgemässe Verkündigung des Evangeliums auszubilden» – hält Heereman für ein «Grundanliegen der Kirche überhaupt» und daher für «hochaktuell». Dies sowie die Tatsache, dass die Ordensstatuten «unabhängig vom Gründer vom Heiligen Stuhl approbiert worden sind», wie Kommunikationsbeauftragter Karl-Olaf Bergmann betont, erleichtert die Aufarbeitung. Und: Zumindest in der mitteleuropäischen Provinz gibt es keine Mitbrüder mehr, die zur Gründergeneration gehören. Der mit 64 Jahren älteste Ordenspriester der Provinz ist erst mehr als zwanzig Jahre nach deren Gründung den Legionären beigetreten.
Angesichts der «Grösse der Krise» sind es wenige, die sich abwenden. Keine zehn Austritte weltweit seien ihm bekannt, so Heereman. Auch die Eintrittszahlen bleiben nach den Worten des Territorialdirektors stabil. Um die 200 neue Novizen konnte der Orden 2009 weltweit verzeichnen. Die Spiritualität des Priesterordens überzeugt auch heute noch viele, bezeugt Pascal Bamert. Der dreiundzwanzigjährige Schweizer trat 2006 – mitten in der Krise – dem Orden bei. Einen Generationenkonflikt kann er nicht ausmachen. 
Dass die Legionäre in der Schweiz «kaum vertreten» sind, hat ihn nicht abgehalten, denn «was nicht ist, kann ja noch werden», und schliesslich sei «immer einer der Erste». Trotzdem habe seine Entscheidung in seinem Umfeld auch kritische Anfragen bewirkt. Als schmerzhaft empfindet Bamert die «dunklen Seiten» des Gründers. Gleichzeitig seien sie Ansporn, «mit noch grösserem Eifer und Demut der Kirche zu dienen».
Schwierig bleibt der Umgang mit Person und Wirken des Gründers. Maciel wird nicht zitiert, auch Bildmaterial gibt der Orden nur ungern heraus; zu gross ist das Bedürfnis, sich deutlich vom unvorbildlichen Priester abzugrenzen. Ein Prozess des Nachdenkens über «die Umsetzung des Charismas» müsse einsetzen, sagt Heereman. 
Seit dem 1. Mai liegen die Ergebnisse der vatikanischen Untersuchung vor. Die Ausrichtung der Kongregation und die Machtausübung innerhalb des Ordens bedürften einer grundlegenden Revision. Das «objektiv unmoralische» Verhalten Maciels sei durch unumstössliche Zeugenaussagen bestätigt worden, so der Vatikan, der dessen Taten als ­Ausdruck eines skrupellosen Lebens ohne wahrhafte religiöse Empfindung bezeichnete. Durch das Vertrauen und Schweigen seines Umfeldes sei es dem mexikanischen Priester gelungen, seine Verfehlungen zu verheimlichen und die eigene Rolle als charismatische Gründungsgestalt herauszustellen.
Der Vatikan fordert zur «Reinigung» des Ordens auch eine aufrichtige Gegenüberstellung mit den Opfern sexuellen Missbrauchs. Zudem sei eine gewissenhafte Auseinandersetzung mit Maciels System der Machtausübung notwendig. Dieser Prozess, so schätzt Heereman, werde den Orden «mehrere Jahre beschäftigen».

ANDREA KROGMANN, KIPA

Artikelaktionen