Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Girolamo Savonarola – 23. Mai

Radikal oder heilig?

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Sagt man von einem Menschen «er ist aber kein Heiliger», dann verstehen alle, was gemeint ist. Ein solcher Mensch hat neben seinen positiven, beeindruckenden Seiten auch eine «andere Seite». Vielleicht geht es um einen Mann, der bei allem Engagement für eine ökologische Welt bequemem Konsumverhalten gegenüber nicht abgeneigt ist. Oder es geht um eine Frau, die in ihrem kirchlichen Engagement mit viel Einfühlungsvermögen Menschen begleitet, aber manchmal unberechenbar oder ungerecht reagiert. Oder es geht um eine Person, die sich mit glühendem Eifer für das Evangelium einsetzt, aber zugleich sehr fordernd, hart und verletzend wirken kann. Girolamo Savonarola fällt allerdings nicht nur in dieser Hinsicht unter die Kategorie «(noch) kein Heiliger», hat doch Papst Johannes Paul II. 1998 auf Antrag des Dominikaner-Ordens im Jahr 1998 ein Seligsprechungs-verfahren eingeleitet, welches jedoch bisher nicht zu einem Ergebnis geführt hat.
Wer sich mit Savonarolas Leben beschäftigt, ist einerseits beeindruckt von seinem Einsatz, von seiner Ausstrahlung und von seiner Gradlinigkeit – und wird dennoch die Frage stellen, ob es sich um eine Gestalt handelt, an der Christ-Sein in der Welt von heute Mass nehmen soll. Für diesen Zwiespalt ist nicht ausschlaggebend, dass Savonarola mit seinen Predigten und seinem Reformeifer die politisch Mächtigen seiner Zeit irritierte und dass er auch den Papst scharf angriff. Diesen bezichtigte er der Todsünde, des Verkaufs der Segnungen der Kirche an den Meistbietenden und des Unglaubens.
Weit bedenklicher als seine Kirchenkritik empfinde ich, dass der prophetische Anwalt eines einfachen Lebensstils und einer gerechteren Gesellschaft eine harte, ja unbarmherzige Seite hatte. Er veranlasste öffentliche «Verbrennungen der Eitelkeiten», der nicht nur teure Kleider und Schmuck, sondern auch Musikinstrumente und Bücher zum Opfer fielen. Und er rief eine «Kinderpolizei» ins Leben, deren Mitglieder nicht mehr spielen, tanzen und singen durften. Vielmehr sollten sie sogar die eigenen Mütter denunzieren, wenn diese sich nicht «einfach und ehrbar kleideten». In seinen Reformbemühungen kehrte der geistlich wie politisch mächtige Dominikaner-Mönch mit dem eisernen Besen und schreckte auch nicht vor der Forderung zurück, dass jeder, der sich öffentlich dem Spiel hingab, lebendig zu verbrennen sei.
Die Kombination von Armutsideal, prophetischem Einsatz für eine gerechte Gesellschaft und gnadenloser Unerbittlichkeit wird verständlicher, beachtet man den zeitgeschichtlichen Zusammenhang. Girolamo Savonarola lebte von 1452 bis 1498 in Florenz zur Zeit der Medicis und der Renaissance-Päpste. Diese sind bis heute berühmt für ihre Bautätigkeit und ihr kulturelles Engagement zur grösseren Ehre Gottes, aber ebenso berüchtigt für ihr ausschweifendes Leben, ihre Begünstigung von Familienangehörigen und die Förderung einer Inquisition, die eigenständige und unangepasste Frauen und Männer als Ketzer und Hexen verbrannte. «Der Leib muss brennen, auf dass die Seele gerettet werde», hiess es damals.
Savonarola war beides: Einerseits ein mutiger und unerschrockener Zeit- und Kirchenkritiker, der den Widerspruch zwischen äusserer Pracht und innerem Wertezerfall anprangerte, und anderseits ein unerbittlicher Prophet der Diktatur Gottes, der einseitig den radikalen Anspruch des Evange­liums betonte – aber wenig Gespür hatte für die gütige, dem Leben und seiner Schönheit zugewandte Seite Gottes. Gäbe es an Savonarola auch eine andere, weniger radikal-kompromisslose Seite zu entdecken, aufgrund derer man sagen könnte «er war aber kein Heiliger» – es würde ihn nicht nur sympathischer, sondern auch «heiliger» machen.


DANIEL KOSCH

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