Liebe Leserin, lieber Leser
Pfingsten ist ein Fest der Neuausrichtung. Während Jesus noch lebte, waren die Jünger ganz auf ihn, das Zentrum ihres Lebens, konzentriert. Nicht selten reagierten sie deshalb mit Unverständnis, wenn Jesus aus ihrem Kreis heraustrat. Nach seinem Tod starrten die Jünger deshalb entsetzt in eine leere Mitte und atmeten an Ostern erlöst auf, als Jesus wieder unter ihnen erschien. Aber es ist nicht mehr wie früher. Jesus ist verwandelt und nach seiner Auffahrt entrückt – also nicht mehr greifbar. Aber erst an Pfingsten wird den Jüngern endgültig klar, dass sie ihren Blick neu ausrichten müssen. Nicht mehr in die Mitte, sondern nach aussen müssen sie nun schauen! Jesus bleibt zwar das Zentrum, aber nicht mehr als Blickfang, sondern als Kraft, die zur Öffnung drängt. Pfingsten ist das Fest, das sämtliche Rahmen – auch den vertrauten
Kreis der Jünger – sprengt.
Dadurch wird vieles möglich, aber auch vieles schwieriger. Nun haben die Jünger das Vorbild Jesu nicht mehr vor Augen und nicht mehr seine eigenen Worte im Ohr. Jetzt werden sie selbst zu Vorbildern und zu Interpreten des Wortes. Das führt zwangsläufig zu ganz vielfältigen Christusbildern und zu Meinungsverschiedenheiten, wie wir sie bereits in der Apostelgeschichte nachlesen können.
Ähnlich ergeht es jeder religiösen Bewegung, die von einem charismatischen Menschen gegründet und dann jahrelang Âgeprägt wird. Wie geht in einem solchen Fall die zweite GeneÂration mit dem Erbe und der Gestalt ihres Gründers um? Chiara Lubich, Gründerin der Fokolar-Bewegung; Frère Roger Schutz, Gründer von Taizé, und Marcial Maciel Dellogado, Gründer der ÂLegionäre Christi – sie alle sind in den letzten fünf Jahren Âgestorben. Ob sie den Abschied von der Gründergeneration ebenfalls als Pfingstwunder erleben – als Fest, das den Blick weitet und immer weiter zur Öffnung drängt?
THOMAS BINOTTO