Gelebtes Wort Gottes
 1943 gründete die 23-jährige Chiara Lubich im kriegsgebeutelten Trient die erste kleine Fokolar-Gruppe. Damals dachte sie nicht im Traum daran, dass daraus eine weltweite Bewegung mit Dutzenden von Bildungszentren, Modellsiedlungen, Wohngemeinschaften und Freundeskreisen werden würde. «Chiara wollte eigentlich gar keine Bewegung gründen», sagt die Co-Präsidentin der Fokolar-Bewegung Schweiz, Marianne Rentsch. «Sie hat einfach gesehen, wie im Krieg alles zugrunde geht und hat sich gefragt, wozu es sich denn noch zu leben lohnt. Da schloss sie sich mit einigen Freundinnen zu einer kleinen Gruppe zusammen mit dem Ziel, gerade in diesen Zeiten der Not das Evangelium nicht nur zu lesen, sondern zu leben. Im Luftschutzbunker lasen sie in der Bibel und begannen, jeden Tag ein Wort daraus ganz konkret umzusetzen.» Jesus-Worte wie «Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan» oder «Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen» wurden für die Frauen zum Ansporn, Nahrung und Kleider mit Bedürftigen zu teilen und Kriegsversehrten auch medizinische Hilfe zu leisten. «In kürzester Zeit schlossen sich fünfhundert Personen dieser spontanen Initiative an», erzählt Marianne Rentschs Präsidiumskollege Franco Galli. «Ursprünglich alles Katholiken, denn zu jener Zeit gab es in Norditalien ja kaum andere. Als jedoch im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils die Zeit für Ökumene reif wurde, schlossen sich immer mehr Menschen auch aus anderen christlichen Konfessionen der Fokolar-Bewegung an, angezogen vom gemeinsam gelebten Wort Gottes. So ist eine tiefe Einheit in der Vielfalt am Wachsen.»
Und was ist mit anderen Religionen, hat die Bewegung da christlich-missionarische Ansprüche? Galli und Rentsch verneinen. «Nein, es geht darum, die Spiritualität der Liebe und der Einheit im Alltag umzusetzen. Daraus entstehen Beziehungen der Gegenseitigkeit im Sinne der Goldenen Regel, die in jeder Religion enthalten ist. In diesem Sinn hat sich Chiara Lubich sehr stark im interreligiösen Dialog engagiert, viel Pionierarbeit geleistet und die Erfahrung gemacht, dass Gott überall Saatkörner des Wortes gesät hat.»
Trotzdem wird der Bewegung bisweilen vorgeworfen, sie sei konservativ-katholisch und allzu papstnahe. Jedenfalls wird keine Kritik an Rom laut, wenn wiederverheiratete Geschiedene oder Homosexuelle ausgeschlossen oder Frauen am Priestersein gehindert werden. Dazu meint Franco Galli: «Die Regeln der Katholischen Kirche sind auch unsere Regeln, aber wir schliessen selbstverständlich niemanden aus. Wir organisieren zum Beispiel seit einigen Jahren Treffen für Geschiedene. Wir wollen uns nicht über Entscheidungen der Kirche hinweg setzen, sondern jedem Menschen mit Wertschätzung begegnen. Die Kirche befindet sich auf einem Weg und der heilige Geist wird sie weiterführen.» Für die Kirche mit ihrem jahrtausendeÂalten Erbe stelle sich immer die Frage, wie sie den ursprünglichen Kern bewahren und trotzdem weitergehen könne. Und in einer kleineren Dimension gebe es diese Herausforderung auch in der Fokolar-Bewegung, die nach dem Tod der Gründerin vor zwei Jahren nun in die zweite Generation gehe.
Kritiker reden auch von Personenkult. Welchen Stellenwert hat die verstorbene Gründerin? «Die Gefahr eines Personenkults scheint mir heute, nach dem Tod Chiara Lubichs, viel geringer zu sein als früher, wo die Ausstrahlung der noch lebenden Gründerin eine grössere Rolle spielte», sagt Fulvio Gamba, Leiter des interdiözesanen Einführungsjahres im Priesterseminar Chur, der die Bewegung kennt. Heute gehe es vor allem um Inhalte und kaum mehr um die Person.
Und wie offen werden Meinungsverschiedenheiten ausgetragen in einer Bewegung, die sich Einheit und Liebe auf die Fahne geschrieben hat? Dazu Fulvio Gamba: «Ich erlebe heute, nach dem Tod der Gründerin, eine viel grössere Bereitschaft dazu, verschiedene Meinungen auszusprechen und Spannungen auszutragen. Bei aller Liebe zum Frieden werden heute Kritikpunkte intern klar zum Ausdruck gebracht und Lösungen diskutiert. Auch Kritik von aussen wie zum Beispiel die Insidersprache oder die Tendenz zu vereinnahmen sind keine Tabus mehr.»
Und wie sieht es mit Mitgliederschwund aus? «Insgesamt schrumpfen wir kaum», sagt Marianne Rentsch. «Es hat sicher weniger Jugendliche als früher, aber das ist wohl auch ein demografisches Phänomen. Allgemein würde ich sagen, dass wir heute mehr in die Tiefe gehen. An die Stelle von Grossveranstaltungen sollen echte persönliche Beziehungen treten.»
JUDITH HARDEGGER