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Sie sind hier: Startseite Archiv 2010 forum Nr. 11, 2010 Die «Dynamik des Provisorischen»
Taizé: Fünf Jahre nach dem Tod von Frère Roger

Die «Dynamik des Provisorischen»

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Taizé und sein Gründer Frère Roger sind kaum voneinander zu trennen. Durch den gewaltsamen Tod von Frère Roger hat die Gemeinschaft seit fünf Jahren einen neuen Prior. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

  «Kritische Stimmen gegenüber Taizé gab es von Anfang an», erzählt Martin Gadient (59), Gemeindeleiter in Menzingen (Zug), der regelmässig in Taizé zu Gast ist. «Nicht wenige Jugendseelsorger haben sich bereits in den 70er Jahren die Frage gestellt, ob Taizé ohne Frère Roger überlebensfähig sei. Das mag auch an der generell kritischen Einstellung ‹demokratieverliebter› Schweizer gegenüber Charismatikern liegen», fügt er hinzu. Heute kommen jährlich etwa 200 000 Jugendliche in die Gemeinschaft im Burgund. Mit ein Grund dafür sei «das Kommen und Gehen in Taizé ohne Beitrittszwang», sagt Margrit Mason (66) aus Euthal (Schwyz), die regelmässig in Taizé zu Gast ist und über Jahre die Reise zu europäischen Jugendtreffen organisiert hat. Die Spiritualität von Taizé hat sich in Form von Musik und Gottesdienstgestaltung überall in der Welt verbreitet.
Die Werte der Gründergeneration leben weiter – nicht zuletzt der starke ökumenische Akzent: Mason betrachtet es als wichtiges Zeichen, dass Frère Roger einen katholischen Nachfolger gewählt hat. So sei in Zukunft der Weg jeweils offen für einen Prior reformierter wie auch katholischer Konfession.
Insgesamt sei Taizé von Anfang an auf die «Dynamik des Provisorischen» ausgerichtet gewesen, erzählt Frère David (37), der in Taizé als Ökonom und Medienbeauftragter zuständig ist. Es wird konkret in der Situation auf Herausforderungen reagiert, ohne dass man unnötig viele Regeln aufstellt oder sich gar auf einen bestimmten Verhaltenskodex festlegt. Gemäss Frère Alois (55), dem derzeitigen Prior der Gemeinschaft, versteht sich diese als Familie, in der man auch Konflikte austragen müsse – natürlich auf der Grundlage dessen, was einen trotz ungelöster Konflikte verbinde. «Wenn Probleme nahe sind, können sie beredet werden, kann man damit leben, dann löst sich vieles von selbst», erzählt Mason.
Und ganz konkret: Was hat sich verändert? Schwester Alicia (39) vom Orden St. André, die die Communauté unterstützt, ist der Meinung, es sei noch zu früh, um grös­sere Veränderungen zu beobachten. Da Frère Alois noch jung ist, finden mehr Auslandsreisen und internationale Treffen statt, sagt sie. Fendel erzählt, dass die letzten 15 Jahre aufgrund des Alters von Frère Roger eher Taizé-zentriert gewesen seien, aktuell finde eine Wendung nach aussen statt.
Da Frère Roger schon längere Zeit vor seinem Tod im Jahre 2005 seine Nachfolge vorbereitet hatte, war es für die Brüder ein gemeinsamer Schritt: Basierend auf der 1953 von Frère Roger verfassten «Quellen von Taizé» bestimmte er im Einvernehmen mit den Brüdern 1988 Frère Alois (55) zu seinem Nachfolger. «Er hat nahtlos die Führungsaufgabe übernommen, im Wissen, dass er von der Bruderschaft getragen wird», sagt Mason.
Dennoch ist der Verlust der Gründerfigur spürbar: «Er fehlt uns sehr», sagt Frère Alois. «Sein Dasein hat den richtigen Ton angegeben: Die Art, wie wir miteinander umgegangen sind, wurde durch seine Anwesenheit wesentlich beeinflusst.» Der gewaltsame Tod hat die Bruderschaft nicht von der Grundausrichtung auf «eine Pilgerschaft des Vertrauens» abgebracht: «Vertrauen bleibt verletzlich, enttäuschbar», sagt Frère Alois. Trotzdem sei es für Frère Roger eine wohlüberlegte und entschiedene Haltung gewesen.
Dankbar ist der jetzige Prior, dass im gemeinschaftlichen Leben dennoch mehr Kontinuität zu sehen sei als Bruch. «Nicht einen Tag kamen uns Zweifel, ob es möglich sei, als Gemeinschaft zusammenzuleben», erzählt er. Dies führt er vor allem auf das bescheidene Vorbild Frère Rogers zurück: «Er wollte, dass wir wie Johannes der Täufer stets von uns selbst weg auf Christus zeigen.» Das mag auch der Grund sein, wieso in Taizé ein Kult um Frère Roger von Anfang an vermieden wurde, vermutet Volontär Fendel.
Um Jugendlichen, die Frère Roger nicht kannten, dennoch einen Einblick in dessen Denken zu geben, wurde jetzt die Originalausgabe der «Quellen von Taizé» aus dem Jahr 1953 neu aufgelegt. Aktuell überlegen die Brüder, wie die vergriffenen Schriften Frère Rogers sinnvoll herauszugeben seien, gerade die Tagebücher seien in ihren Aussagen oft sehr zeitgebunden, meint Frère Alois.
Ein Satz, den Frère Roger an seinem Todestag nicht mehr beendete, inspiriert die Brüder zum Weitergehen: «Elargir …» – «Ausweiten …». Dieses Vermächtnis führte vermehrt zu internationalen Treffen und zum interkonfessionellen Austausch. Frère David: «Ich hoffe, dass wir damit weiterfahren, uns vom leisen Säuseln des Heiligen Geistes führen zu lassen. Ich wünsche mir, dass wir nie aufhören, uns jeden Tag von neuem die Frage zu stellen, wie wir heute auf den Anruf Christi antworten sollen!»

MATEJA ZUPANCIC, KIPA

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