«Andere halten dich für Elija!»
 Ein unerwarteter Tod irritiert. Auch die Freunde Jesu sind nach seinem grausamen Tod restlos verunsichert. Zwei von ihnen fliehen enttäuscht aus Jerusalem. Sie sind durcheinander, halt- und orientierungslos. Da schliesst sich ihnen einer an, den sie nicht als Jesus erkennen. Er hört ihnen zu und hilft, ihre Gedanken zu ordnen. «Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht», heisst es. Einiges wird klarer, verschiedene Knoten lösen sich, es dämmert ihnen allmählich und es wird ihnen warm ums Herz.
Die Erklärungen Jesu unterwegs nach Emmaus spiegeln den Weg der Sinnfindung, den die Christen der frühen Kirche gewählt haben, um die Bedeutung Jesu für ihr Leben neu und vertieft zu entdecken und den Halt, den er ihnen geboten hatte, als Mitte und Fundament ihres Lebens neu zu finden. Sie schlugen die hebräische Bibel auf, bis sie Stellen fanden, die ihre Beziehung zu Jesus erhellten. Sie fanden Deutungshilfen in Texten und Gestalten des Ersten Testaments. Diese verwendeten sie auch in den Evangelien, um deutlich zu machen, wer Jesus für sie war.
Eine dieser Gestalten aus der hebräischen Bibel war der Prophet Elija. Als Jesus die Jünger fragte, für wen ihn die Menschen hielten, antworteten sie: für Elija oder sonst einen der Propheten.
Auf dem hohen Berg der Verklärung «erschien vor ihren Augen Elija und mit ihm Mose, und sie redeten mit Jesus». Elija und Mose repräsentieren «das Gesetz und die Propheten», die hebräische Bibel, die auch den Glaubenshintergrund Jesu bildete. Mose gilt als Mittler der Tora, der Lebenslehre Gottes für sein Volk. Und Elija steht für die Prophetie, deren Charisma es ist, die Tora konkret auszulegen, was auch Jesus als seine Sendung verstand.
Als Jesus am Kreuz den Psalm 22 zu beten begann: «Eloi, Eloi, lema sabachtani? (Mein Gott, warum hast du mich verlassen?)», da sagten einige: «Hört, er ruft nach Elija!» Der Prophet galt auch als Helfer in der Not.
Schliesslich wird sowohl von Elija als auch von Jesus eine «Himmelfahrt» erzählt, oder vielmehr eine «Entrückung» in die göttliche Dimension, wobei die Texte im Detail sehr viele Unterschiede aufweisen.
Im Elija-Fenster von Sigmar Polke im Zürcher Grossmünster bildet Elijas Himmelfahrt die Mitte. Sie ist festgehalten in einem Medaillon, das an eine goldene Münze erinnert. Im feurigen Wagen mit feurigen Pferden fährt er dahin (2 Könige 2). Ausserhalb des Kreises hebt sein Jünger Elischa den Mantel auf, der dem Propheten entgleitet, und wird so zu seinem Nachfolger. Elischa und der Sonnenkreis, in dem Elija entschwindet, sind verdichtet in deutliche Konturen geformt, während ringsum alles zwar bunt, aber zerstreut und zerstückelt wirkt. Käthi La Roche schreibt: «Von diesem Kontrast lebt die ganze Darstellung: Im Innern des Bildes fällt alles zusammen, darum herum fällt alles auseinander in ungezählte Fragmente: Abbild der Welt, in der wir leben.»
Neben den sieben Staunen erregenden Achatfenstern zur Schöpfung hat Sigmar Polke fünf Fenster mit Gestalten des Alten Testamentes geschaffen, die in der christlichen Tradition als Hinweise, als Deutungshilfen oder gar als Präfigurationen Christi gesehen wurden. Von Käthi La Roche, der Pfarrerin am Grossmünster, ist kürzlich eine empfehlenswerte Lesehilfe zu den alten und neuen Fenstern, aber auch zu den Räumen und Skulpturen des romanischen Gotteshauses erschienen.
WALTER ACHERMANN
Ende 2009 wurden im Zürcher Grossmünster zwölf Glasfenster von Sigmar Polke eingesetzt. Käthi La Roche: «Kunstwerk Grossmünster» Ein theologischer Führer. Theologischer Verlag Zürich 2009.