Was Päpsten und Prälaten schmeckte
Mit bürgerlichem Namen hiess sie Josephine Lehnert. Ihren Bekanntheitsgrad erreichte sie unter ihrem Ordensnamen Madre Pascalina. Ab 1918 diente sie einem gewissen Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli erst in München, dann in Berlin als Haushälterin und Sekretärin. 1929 wechselte Pacelli nach Rom über. Zehn Jahre später wechselte er auch seinen Namen; fortan nannte er sich Pius XII. Madre Pascalina war ihm in die Ewige Stadt gefolgt. Wer es mit ihr verdarb, hatte kaum mehr eine Chance, beim Papst zur Audienz vorgelassen zu werden. Der Weg zum Nachfolger des Petrus führte damals gewissermassen über die Küche.
Erst seit gut einem Jahrhundert werden die Heiligen Väter von Nonnen bekocht. In früheren Zeiten hantierten «cuochi» in der vatikanischen Küche mit Töpfen und Tiegeln.
VOM KIRCHENMANN ZUM KÜCHENMEISTER
Als Martin V. am elften Elften 1417 auf dem Konzil von Konstanz zum Nachfolger Petri gewählt wurde, nötigte er seinen Leibkoch Johannes Bockenheym, ihm vom Bodensee an den Tiber zu folgen. Damit wurde erstmals ein Kirchenmann als Küchenmeister in den vatikanischen Hofhaushalt berufen. Nach dem Hinscheiden des Pontifex im Jahr 1431 vertauschte Bockenheym den Kochlöffel mit dem Gänsekiel und veröffentlichte ein in schwerfälligem Latein verfasstes «Registrum coquin», ein Kochbuch mit 74 Standardrezepten. Die Originalhandschrift befindet sich heute in der Bibliothèque Nationale in Paris. Am Ende fast jeden Gerichts vermerkt der Verfasser, wem er es zugedacht hat. Den Sachsen, Friesen und Slawen setzt er Vögel und Käsekuchen vor, während er die Palastgarde mit Innereien abspeist. Die Angelsachsen hält er mit Huhn und Fleischklösschen bei Laune; für die Römer trägt er Pfau mit Pfeffersosse auf. Und weil der Verweltlichung der Weltstadt Rom trotz aller Reformbemühungen Martins V. einfach nicht beizukommen war, sah sich Bockenheym gedrängt, auch ein für Kurtisanen geeignetes Gericht in seine Sammlung aufzunehmen; es handelt sich dabei um eine «fritata de pomeranciis», ein Orangenomelett, das eine Art Vorläuferin der Crêpe Suzette darstellt.
Auch Sixtus IV. hielt sich einen Küchenmeister, der in der Geschichte der Kochkunst nicht bloss in einer Fussnote erwähnt wird, nämlich Bartolomeo Sacchi, «in arte» Platina (1421 – 1481). Dieser berühmte Gelehrte, und nicht ein Paul Bocuse, ist der eigentliche Begründer der Nouvelle cuisine. Anno Domini 1475 landete Platina unter dem lateinischen Titel «De honesta voluptate et valetudine» einen Küchen-Bestseller, der 1542 in Augsburg auch auf Deutsch erschien, und zwar unter der trostreichen Überschrift «Von der Eerlichen, zimlichen, auch erlaubten Wolust des leibs». Die Kirche ist also nicht gar so leibfeindlich, wie oft behauptet wird.
DAS GASTMAHL DES MAESTRO MARTINO
Zum erlauchten Dreigestirn der Papstköche zählt auch Bartolomeo Scappi (nicht zu verwechseln mit Bartolomeo Sacchi!), bekannter unter dem Namen Maestro Martino. Der trat 1534 unter Paul III. seinen Dienst an und kochte bis 1576 für mehrere Päpste. Der noÂtorische Kostverächter Pius V. (1566 – 1572) drohte ihm einmal sogar mit Exkommunikation für den Fall, dass er die Fastensuppe mit etwas Hühnerbrühe anreichern würde. Über seine Erfahrungen führte der Maestro sorgfältig Buch. Auf diese Weise entstand seine berühmte Rezeptsammlung mit rund tausend Kochanleitungen und dem nichtssagenden Titel «Opera» (Werk), das bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts immer neu aufgelegt und in viele Sprachen übersetzt wurde. Berühmt ist das Gastmahl, das Maestro Martino, damals noch im Dienst des venezianischen Kardinals Grimani, für Kaiser Karl V. im April 1536 herrichtete. Es bestand aus 13 Gängen mit insgesamt 789 Gerichten.
Wie sehr manche Päpste die Künste ihrer Geheimköche schätzten, geht auch daraus hervor, dass Pius VI. (1775 – 1799) in seinem Testament die Köche noch vor den Hofkaplänen bedachte.
JOSEF IMBACH
Prof. Dr. Josef Imbach (geb. 1945) ist Lehrbeauftragter für ÂKatholische Theologie an der Theologischen ÂFakultät der Universität Basel.
Vergnügliche Kochbücher
«Der Weg zu Gott führt durch die ÂKüche» ÂAlbatros Verlag 2007.
«Geheimnisse der kirchlichen KüchenÂgeschichte» Albatros Verlag 2008.
Bücher zur Religion
«Gott im Bahnhof finden. Wegweiser zur ÂAlltagsspiritualität» Claudius Verlag 2009.
«Die Eingeweide der Päpste. Kuriositäten der Kirchengeschichte» Marix Verlag 2010.