Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2010 forum Nr. 10, 2010 «Architektur ist Liebe auf den ­zweiten Blick»
Mit der Architektin Tilla Theus im Andachtsraum des FIFA-Hauptsitzes

«Architektur ist Liebe auf den ­zweiten Blick»

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Tilla Theus, Architektin. FOTO: CHRISTOPH WIDER
Tilla Theus, Architektin. FOTO: CHRISTOPH WIDER
Wer Tilla Theus begegnet, spürt Herzlichkeit, Begeisterung und Energie. Ein Gespräch über Trans­zendenz, weibliche und männliche Architektur und die Auflagen des Denkmalschutzes.

forum: Frau Theus, warum haben Sie uns an ­diesen Ort geführt?
Tilla Theus: Der Andachtsraum in der «Home of FIFA» ist ein Ort der inspirierenden Stille. Ich habe ihn für Menschen aller Religionen und Bekenntnisse gebaut. Deshalb finden sich in ihm keine religiösen Symbole. Er wird von der Transzendenz erfüllt.
Es ist der Traum jedes Architekten, solche Räume zu schaffen, die nicht lediglich profane Bedürfnisse befriedigen, sondern tiefere Empfindungen und Gefühle auslösen.

Was bedeutet Ihnen Transzendenz?
Religion und Spiritualität sind wichtige Aspekte meines Lebens. Sie tragen mich, zusammen mit meinem Mann, meiner Familie, meiner Leidenschaft für den Beruf. Ich bin wertkonservativ, in vielen Belangen des Lebens «altmodisch»: Fleiss, Zuverlässigkeit, Anstand, Ehrlichkeit, Rücksichtnahme sind für mich Tugenden. Wo sie fehlen, stört es mich bis zur Verärgerung. Als Architektin begeistert mich das Neue. Ich wage Experimente.

Wenn ich mir die Liste Ihrer vollendeten Projekte anschaue – darunter Bauten wie den FIFA-Hauptsitz und das Hotel Krone in Dietikon, stellt sich die Frage, wie viele Stunden Ihr Tag hat.
Zu wenig! Ich muss mich zur Musse zwingen.

Was treibt Sie als Architektin an?
Die Leidenschaft. Das Ringen um die beste architektonische Lösung bis ins Detail. Gros­se Sorgfalt verwende ich auf die Auswahl der Materialien und der Handwerker, die mit höchstem Geschick und durch die Pflege alter Traditionen fähig sind, Holz, Stein, Metall und Stoff zu einer überraschenden und edlen Wirkung zu bringen. Vielleicht ist es dieser Aspekt, der mich in meinem Beruf am stärksten begeistert.

Was macht denn gute Architektur aus?
Von guter Architektur spreche ich, wenn alles stimmt: wenn der Bau zur Umgebung passt, wenn er Material und Proportionen spannend komponiert, wenn er innen und aussen Atmosphäre ausstrahlt. Architektur ist Liebe auf den zweiten Blick. Sie darf nicht gefällig sein, sondern muss herausfordern und eine Angewöhnung verlangen. Die Qualität wird erst mit der Zeit anerkannt.

Gibt es weibliche und männliche Architektur?
Vom Ergebnis her betrachtet nein. Zu unterscheiden ist zwischen guter und schlechter Architektur. Allerdings glaube ich, dass eine Architektin andere Prioritäten setzt als ein Architekt. Mir jedenfalls kommt es in erster Linie darauf an, dass ein Wohn- oder Geschäftshaus Behaglichkeit besitzt. Die Menschen müssen sich darin wohlfühlen. Ich strebe nach Harmonie, die den Architektinnen aus meiner Erfahrung wichtiger ist als den Architekten.

Welcher Teil in der Entstehungsgeschichte eines Gebäudes ist für sie die schönste?
Die schönste Phase für mich ist die Gestaltung. Bei der Planung handelt es sich um eine Notwendigkeit, der ich mich diszipliniert stelle. Entscheidend ist die Ausführung. Hier geht es in den Einzelheiten um die Umsetzung der gestalterischen Vision.

Welches war für Sie Ihr bisher wichtigstes ­beziehungsweise liebstes Projekt?
Unabhängig von der Grösse eines Baus engagiere ich mich mit meinem Herzblut. Es erfüllt mich mit Genugtuung, noch immer alle meine Bauten bejahen zu können. So wie jeder Bau für die Bauherrschaft der wichtigste und liebste ist, so gilt es auch für mich.

Eines Ihrer Schwerpunkte ist die Sanierung denkmalgeschützter Bauten. Worin liegt der Reiz? Kommen Ihnen dabei nicht oft auch die Auflagen des Denkmalschutzes in die Quere?
Jedes alte Gebäude hat seine eigene Geschichte. Ich muss diese Geschichte, die mich neugierig fesselt, verstehen, um sie neu interpretieren zu können. In den grössten Herausforderungen stecken immer auch die grössten Chancen. In diesem Sinne bedeuten denkmalpflegerische Auflagen für mich keine Grenzen, sondern Chancen für innovative Antworten.

Wohin führt die Architektur der Zukunft?
Sie wird mit neuen Materialien arbeiten und dem schonungsvollen Umgang mit Energie grösstes Gewicht beimessen. Die demographische Entwicklung muss auch die Architektur beeinflussen. Ich denke zum Beispiel an die wachsende Zahl älterer Menschen, die länger in den eigenen vier Wänden leben wollen. Das würde neben den Altersheimen und Alterswohnungen auch Altershäuser bedingen. Für die Schweiz hoffe ich, dass es gelingt, der Zersiedelung und damit der Zerstörung der Landschaft Einhalt zu gebieten.


GESPRÄCH: PIA STADLER

In der Serie «Ortstermin» begleitet das forum interessante Personen an den Ort ihrer Wahl.

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