Sowohl als auch
Wunder hat sie nicht viele gewirkt, dafür war sie selbst eines. Das jedenfalls behauptete der Anwalt beim Heiligsprechungsprozess von Elizabeth Ann Bayley Seton.
Elizabeth wurde am 28. August 1774 in New York geboren. Sie war die Tochter eines angesehenen Arztes. Oft musste ihn die Familie wochenlang entbehren, was umso schwerer wog als Elizabeths Mutter bereits 1777 starb.
Aufgewachsen mit einer lieblosen Stiefmutter und später bei einem distanzierten Onkel winkte Elizabeth mit zwanzig doch das grosse Glück: Sie heiratete William Seton, den Sohn reicher Geschäftsleute. Aber die Heirat mit William war nicht nur eine gute Partie, sie war auch eine Liebesheirat. In kurzer Folge kamen fünf Kinder zur Welt.
Leider sollte dieses Glück nur kurz währen. 1801 starb Elizabeths Vater, im selben Jahr verlor ihr Mann William ohne eigenes Verschulden fast sein gesamtes Vermögen und erkrankte auch noch an Tuberkulose.
1803 machte sich Elizabeth mit William und der ältesten Tochter auf den Weg nach Italien, weil das dortige Klima dem Kranken gut tun sollte. Aber wieder kam es anders als erhofft. Am 27. Dezember 1803 starb William in Pisa. Damit war Elizabeth in einer verzweifelten Lage, in der sie aber ihre Hauptstärken bewies: Sie war zäh und sehr praktisch veranlagt. Wieder zurück in New York suchte sie sich eine Stelle als Lehrerin, um so die Familie durchzubringen. Aber kurz darauf kam es zum nächsten einschneidenden Wendepunkt in ihrem Leben: Elizabeth trat zur katholischen Kirche über, die sie in Italien kennen und schätzen gelernt hatte. Das war für ihre Verwandtschaft eine Katastrophe, gehörte diese doch der in New York herrschenden Episkopalkirche an. Die katholische Kirche dagegen war die KonfesÂsion des Pöbels, der irischen Einwanderer, der gesellschaftlichen Underdogs. Elizabeth wurde aus ihrer Familie förmlich verstossen.
Mit 29 Jahren war Elizabeth bereits eine Frau mit reicher, aber auch bitterer Lebenserfahrung. 1808 siedelte sie nach Baltimore über und gründete gemeinsam mit dem dortigen Bischof eine Schule. Gleichzeitig erhielt sie den Auftrag, den Orden der Töchter der Barmherzigkeit, auch Vinzentinerinnen genannt, neu zu gründen. Allerdings war Elizabeth nicht bereit, dafür ihre Kinder wegzugeben. So wurde sie schliesslich zur ersten Frau, die einen Orden gründete, ihm als Oberin vorstand und dennoch weiterhin ihre eigenen Kinder erzog.
Elizabeth blieb jedoch weiterhin nicht vor Schicksalsschlägen verschont. Zwei Töchter starben jung an Tuberkulose, der eine Sohn vergnügte sich als Lebemann und starb ebenfalls jung. Am 4. Januar 1821 war Elizabeths Kraft aufgebraucht. Ihr Werk jedoch, wuchs auch nach ihrem Tod weiter. Die «Sisters of Charity» gehören heute zu den grössten Ordensgemeinschaften in den USA.
Elizabeth ist eine aussergewöhnliche Heilige, weil sie sich nie auf die Wahl Familie oder christliches Engagement eingelassen hat. Ihre Berufung zum Ordensleben durfte nicht auf Kosten ihrer Berufung zur Mutter gehen. Trotz ihrer Willensstärke taugt sie jedoch nicht zum leblosen Übermenschen. Elizabeth fühlte sich oft überfordert, besonders in den späteren Auseinandersetzungen mit ihren Söhnen. Ihre Gelassenheit und Unabhängigkeit selbst in solchen Zerreissproben machen jedoch umso eindrücklicher sichtbar, dass sie nicht nur eine leidenschaftliche Mutter sondern auch eine emanzipierte Frau war.
Ihre Lebenshaltung fasste Elizabeth kurz vor ihrem Tod so zusammen: «Ich bin krank, doch nicht sterbenskrank, habe überall Sorgen, bin aber nicht mutlos, ich bin verwirrt, aber nicht verzweifelt, betrübt, aber nicht trostlos, niedergeschlagen, aber nicht am Ende.»
THOMAS BINOTTO