Menschlichkeit zwischen den Geleisen
Sylvia Gubler, «amtsälteste» Bahnhofhelferin, wird heute bis 16.30 Uhr auf Trab sein. Im Lokal der Bahnhofhilfe auf dem Zwischengeschoss des Zürcher Hauptbahnhofes, nahe der Bahnhofkirche, ist immer etwas los:
9.15 Uhr: Telefon vom SBB-Callcenter Handicap. Bei ihnen sei heute jemand krank, ob sie einen Mann im Rollstuhl in den Zug begleiten kann? «Klar», lautet die Antwort. «Wir arbeiten gut mit den Mobihelfern der SBB zusammen», führt Sylvia Gubler aus.
9.45 Uhr: Eine Frau bittet darum, ihrer 86-jährigen Mutter beim Umsteigen zu helfen, sie muss um 10.12 in den Zug nach Pfäffikon. Sylvia Gubler macht sich auf den Weg, stellt beim Schalter des Bahnhofhilfe-Lokals die Uhr auf 10.30 ein mit einem Plakat: «Bin zurück um …» Die Dame sei im Speisewagen und habe einen Gehstock. Sylvia Gubler sieht sie nicht gleich und nimmt erst mal einer älteren Frau das Gepäck ab. – «Aha, das sind ja Sie! Sie haben gar keinen Stock dabei?» Neckisch zeigt die Frau ihren zusammengeklappten Gehstock! Dann gibt sie der Bahnhofhelferin ihren Arm und gemeinsam gehen sie gemütlich plaudernd zum Zug.
10.08 Uhr: Unterwegs schellt das Handy. Eine Kollegin meldet sich krank. «Okay, wir suchen Ersatz!»
10.15 Uhr: Schnell geht es zur Tramstation. Hier wartet bereits Frau Marti, die regelmässig ihre Tochter besucht. «Wie geht es ihrem Knie?» Die Frauen kennen sich, scherzen und lachen zusammen. Als sie beim Taxistand vorbeikommen, zeigt Sylvia Gubler den hohen Randstein, den die Menschen überwinden müssen, wenn sie aus dem Taxi steigen. Dabei sei hier alles neu gebaut, aber für Gehbehinderte nicht brauchbar.
SUPERSPANNENDE ARBEIT
10.20 Uhr: Telefon vom Callcenter: «Ich bin unterwegs, rufe zurück! – Schon wieder zwei neue Aufträge!», schmunzelt Sylvia Gubler, die nicht aus der Ruhe zu bringen ist. Schon spricht sie ein älterer Herr an. Dank ihrem orangen Gilet mit dem Logo «SOS Bahnhofhilfe» ist sie von weitem erkennbar. «Wo fährt denn jetzt der Cisalpino?» Gemeinsam gehen sie zur Fahrplantafel, und beruhigt geht der Herr weiter. «Seit im Bahnhof umgebaut wird, fahren die Züge immer wieder auf anderen Geleisen», erklärt Sylvia Gubler. «Auch für Blinde, die sich anhand des Blindenleitsystems gut zurechtfinden, ist im Moment die Orientierung unmöglich, da es zu laut und zu eng ist», erklärt sie. Zurück im Stübli werden der Arbeitsrapport nachgetragen und die ausstehenden Telefonate erledigt. «Es ist eine superspannende Arbeit», erzählt Sylvia Gubler. «Einmal kam eine Frau mit einem stark blutenden Bein. Ich habe sie auf den Rollstuhl gesetzt und bin gleich mit ihr in die Notfall-Permanence gefahren. Zweimal musste ich den Notfallpsychiater rufen wegen Selbstmordgefährdung, einmal erlebte ich einen schlimmen Epilepsie-Anfall. Ich habe schon Zecken herausgezogen, Blattern an den Füssen verpflastert, mit Obdachlosen geplaudert.» Langweilig werde es hier nie. Für die acht Frauen, die hier arbeiten, gelten hohe Anforderungen: «Lebenserfahren, französisch und englisch sprechen, offen, flexibel und entscheidungsfreudig müssen wir sein», führt Sylvia Gubler aus. «Keine Angst – und Menschen gern haben!» – das kommt von Herzen. «Aber auch sich abgrenzen können.»
10.45 Uhr: Schon steht sie wieder auf. Vom Bus 46 muss eine blinde Frau abgeholt werden. Gleich darauf eine Frau im Rollstuhl in den Zug begleitet, und kurz nach zwölf eine blinde Frau vom Tram zum Zug geführt werden. «Und dann kommt eine junge Frau mit geistiger Behinderung», freut sich ÂSylvia Gubler. «Wir haben mehrere Personen mit dem Down-Syndrom. Ich führe sie immer den gleichen Weg. Nach einiger Zeit können sie diesen selber bewältigen, dann sind wir alle stolz!»
Am Freitag brauche es immer zwei Helferinnen pro Schicht. «Kinder aus Heimen fahren nach Hause, auch betreuen wir Scheidungskinder, die bei uns Zwischenstation machen, wenn die Eltern sich nicht mehr sehen wollen, jedoch die Kinder fürs Wochenende übergeben müssen.» Das sei der traurigere Teil ihrer Arbeit, sagt Sylvia Gubler. Erfreulicher sei es, wenn sie verwirrten Leuten, die nicht mehr ihren eigenen Namen wissen, in geduldigem Gespräch irgend einen Hinweis entlocken kann, um ihnen wieder nach Hause zu helfen, wie das kürzlich dank einer Terminkarte beim Augenarzt möglich war.
BEATRIX LEDERGERBER-BAUMER