Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Bin ich frei?

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Gewisse Hirnforscher behaupten: Es gibt keine Willensfreiheit. Wir meinen zwar, wir könnten frei entscheiden. Das aber ist eine Illusion, die uns unser Gehirn nur vorgaukelt. Haben sie recht?

Schon einiges musste als Erklärung dafür herhalten, warum wir Menschen keine Willensfreiheit besitzen: die Götter, das Schicksal, die Gesellschaft, die Erziehung, das ­Unterbewusstsein, die Gene. Doch keiner dieser Parameter vermochte unsere Freiheitsempfindung gänzlich als Illusion zu entlarven. Sicher, das soziale Umfeld oder genetische Anlagen können menschliches Entscheiden beeinflussen – vollständig determinieren aber können sie es nicht. Trotzdem geht die Freiheitsdiskussion weiter, neu angefacht durch kühne Thesen einiger Hirnforscher, die besagen: Es ist das Gehirn, das unser Tun und Lassen, unser Denken und Entscheiden festlegt.
Um gleich Entwarnung zu geben: Auch der «neurobiologische Angriff» kann die men­schliche Freiheit nicht widerlegen. Dennoch gehen wichtige Impulse von der jüngsten Freiheitsdiskussion aus. Trotz aller Kritik ist nämlich nicht zu bestreiten, dass die Hirnforschung in den letzten Jahren wichtige Erkenntnisse bezüglich menschlichen Handelns erzielt hat. Hier ist insbesondere das Thema Emotionen hervorzuheben. Denn wohl nicht nur in der Theologie – aber dort auch – sind über lange Zeit Vernunft und Verstand überbewertet, Gefühle hingegen vernachlässigt worden. Hier können die Neurowissenschaften korrigierend wirken und damit zu einem realistischeren Menschenbild beitragen. Auch wenn die Hirnforschung viele Fragen bezüglich des menschlichen Handlungsantriebs nicht beantworten kann, hat sie mit den bisherigen Forschungsergebnissen deutlich gezeigt, dass menschliches Handeln von weit mehr als von Verstand und Willen abhängt. Handlungsentscheidungen sind rein denkerisch nicht zu fällen, sondern sie entstehen im Wechselspiel von Verstand und Gefühl, wobei offenbar Emotionen letztlich ausschlaggebend sind. Neurobiologie und Neuropsychologie können das Bewusstsein dafür schärfen, wie viele der Handlungsbedingungen dem willentlichen Einflussbereich entzogen sind und wie leicht man sich diesbezüglich, sei es in der Wahrnehmung anderer oder seiner selbst, täuschen kann. Man denke nur an die Erforschung psychischer Störungen und die Entwicklung von Psychopharmaka. Vor noch nicht allzu langer Zeit hat man Depressiven, Angst- oder Zwangsneurotikern Willensschwäche vorgeworfen. Heute wissen wir, dass hier botenstoffliche und hormonelle Ungleichgewichte im Spiel sind und mit Willen oder Vernunft herzlich wenig auszurichten ist.
Da wir also im Einzelfall nie genau wissen können, wie frei beziehungsweise wie vielfältig beeinflusst Menschen in ihrem Handeln sind, tun wir meines Erachtens gut daran, im Sinne von Matthäus 7,1 nicht zu richten – richten verstanden als das Fällen eines «objektiven» letztgültigen Urteils über Menschen als Handelnde. Menschliches Handeln ist zu vielschichtig und zu komplex, als dass ein abschliessendes moralisches Urteil darüber möglich und gerechtfertigt wäre. Und ich meine, dadurch dass moderne Hirnforschung immer mehr Details über das Zustandekommen von Willenshandlungen zutage fördert, kann sie etwas zur Vermeidung dieser Hybris beitragen.

JUDITH HARDEGGER

Judith Hardegger: «Willenssache. Die Infragestellung der Willensfreiheit durch moderne Hirnforschung als Herausforderung für Theologie und Ethik» LIT Verlag 2009. ISBN 978-3-643-80014-5.

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