Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2009 forum Nr. 8, 2009 Unbegreiflich – aber hörbar
Tod und Auferstehung musikalisch

Unbegreiflich – aber hörbar

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Sakrale Musik – insbesondere Requien und Passionen – beschäftigt sich selbstverständlich mit Tod und Auferstehung. Aber die Ur-Sehnsucht des Menschen nach Unsterblichkeit wird auch ausserhalb der Liturgie zu Gehör gebracht.

«Erlösung ist für mich ein Albtraum», mault Christoph Schlingensief, der Theatermann und Wagner-Regisseur: «Mea Culpa» heisst seine derzeit am Wiener Burgtheater bejubelte «Ready-made-Oper», ein Stück übers Leben und Sterben, über Schuld und Schicksal, gespeist ganz aus der eigenen Krebs-Erkrankung, die Schlingensief konsequent zum öffentlichen Kunstwerk erklärt hat.
Es ist ein Spiel. Mit Erwartungen und Provokationen. Und ob man will oder nicht: Ohne die jahrhundertealte Tradition der Passionsmusiken, die den biblischen Stoff der Leidensgeschichte Jesu einmal als grosses Theater dramatisieren, ein andermal in eine tiefe Meditation auflösen, ohne diese Tradition wären Kompilationen wie Schlingensiefs «Mea Culpa» nicht denkbar. Der zentrale Unterschied: Die Frage nach dem Erlösungswerk Gottes spielt hier keine Rolle mehr. Sie ist dem Zorn über das menschliche Unvermögen zur Selbst-Erlösung gewichen.
Wahrscheinlich ist daran mal wieder Richard Wagner schuld. Kein anderer Komponist hat derart rigoros mit religiösen Versatzstücken jongliert – aus dem Instinkt heraus, dass Musik erst dann zu wahrer Grösse gelangt, wenn sie Welten schafft, wo Worte versagen. Ewig unerlöst irrt sein «Fliegender Holländer» durch Meer und Nebel. Isoldes Liebestod formuliert eine ebenso eingängige wie simple Gleichung: Liebe plus Tod gleich Erlösung. Und Parsifal, der im Herzen reine Tor, bringt den siechen Gralsrittern ausgerechnet am Karfreitag Erlösung: «Das ist Karfreitagszauber, Herr», singt der brave Gurnemanz. Und ergänzt, weil der Heilsbringer nichts kapiert: «Nun freut sich alle Kreatur auf des Erlösers holder Spur, will ihr Gebet ihm weihen.»

AUFERSTEHUNG ABSTRAKT…
Ganz anders Edvard Elgar. In jungen Jahren nutzte der Katholik und spätere Pomp-and-Circumstance-Meister langatmige Sonntagspredigten für seine Kompositionen. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelang ihm mit seinem Oratorium «The Dream of Gerontius» nach der tiefsinnigen Dichtung von Kardinal John Henry Newman nicht nur ein spätromantisches Meisterwerk, sondern auch eine gewitzte «demonstratio catholica» im anglikanischen England. Der Traum des greisen Gerontius ist die abstrakte Erzählung von Sterben und Auferstehen: Seine Seele wacht an einem Ort ohne Raum und Zeit auf und beginnt – begleitet von einem Schutzengel – eine Reise, vorbei an ungezogenen Dämonen und geordneten Engelschören bis hin zum Jüngsten Gericht.
Elgars monumentales Oratorium ist keine vertonte Enzyklika, sondern ein Traum, eine Meditation über den christlichen Glauben an die Auferstehung. Ein Versuch, das nicht Greifbare mit dem flüchtigen Medium Musik dennoch zu begreifen.
Das sozusagen säkulare Pendant zu Elgars Oratorium stammt von Robert Schumann und wurde 1843 in Leipzig uraufgeführt: Auch in «Das Paradies und die Peri» geht es um Erlösung und darum, den Himmel gnädig zu stimmen. Das orientalische Märchen stellt die Frage nach dem Wert von Opfergaben: Heldenblut? Oder Liebestod? Nichts von alledem. Schliesslich öffnen die Tränen eines Verbrechers die Pforte zum Paradies.
Schumanns Oratorium war zu Lebzeiten des Komponisten gewaltig erfolgreich, wurde später ideologisch missbraucht und schliess­lich als kitschig geschmäht. In jüngerer Zeit erlebt es jedoch wieder häufigere Aufführungen: Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt oder Simon Rattle versuchen, Schumanns Ton, in dem sich romantische Sehnsucht und orientalische Fantasien mischen, neu zugänglich zu machen.

…UND PERSONALISIERT
Man muss alles von Ostern her sehen: Ohne die Hoffnung auf Auferstehung ist jedes Requiem sinnlos. Ohne die Zuversicht des Ostermorgens bleibt von der christlichen Leidensgeschichte nur ein Hollywood-Schocker. Natürlich, die Passion ist in ihrer dramatischen Erbarmungslosigkeit ergiebig für jeden Komponisten. Aber es muss auch an einige spannende Oster-Oratorien erinnert werden, an die «Historia der Auferstehung Jesu Christi» von Heinrich Schütz zum Beispiel, ein frühbarockes Meisterwerk musikalischer Textdeutung, das zur Entstehungszeit unglaublich modern war und heute noch in seiner spirituellen Unmittelbarkeit berückt. Oder Carl Philipp Emanuel Bachs «Auferstehung und Himmelfahrt Jesu», die im Niemandsland zwischen Barock und Romantik eine ganz unsentimentale, sehr lyrische Betrachtung über das Osterwunder anstellt. Karl Wilhelm Rammlers wuchtiger Text war nicht nur für den «Hamburger Bach» eine dankbare Vorlage, sondern auch für Kollegen wie Georg Philipp Telemann, den spitzzüngigen Johann Adolf Scheibe oder Goethes Freund Carl Friedrich Zelter.
Einer, der auf der Suche nach einem neuen, zeitgemässen Ausdruck alle Grenzen sprengte, war Gustav Mahler. In seine zweite Sinfonie fügte er Gesangstexte ein: das «Urlicht» aus «Des Knaben Wunderhorn» in den vierten Satz, zu dem Mahler anmerkte, es sei «das Fragen und Ringen der Seele um Gott und die eigene göttliche Existenz über dieses Leben hinaus». Und Klopstocks Gedicht «Auferstehung» im Finale – nichts weniger als eine Verheissung. Diese monumentale Auferstehungssinfonie nannte Mahler selbst bescheiden «meine Totenfeier». In Tat und Wahrheit war sie 1895 ein monumentaler Gegenentwurf zu Wagners Tristan.
Viel intimer versuchte es Alban Berg vierzig Jahre später. Sein Violinkonzert ist «Dem Andenken eines Engels» gewidmet. Es zeichnet das kurze Leben der Manon Gropius nach und mündet in ihre Verklärung. Berg nimmt dafür Bach zu Hilfe: «Es ist genug» aus der Kantate «O Ewigkeit, du Donnerwort». Keine Frage: In seiner Anlage ist das Violinkonzert eigentlich ein traurig-tröstliches Requiem – und sei allen leichtfertigen Verächtern von Zwölftonmusik ans Entdeckerherz gelegt!
Was ist eigentlich Verklärung? Worüber Theologen sich den Kopf zermartern, haben Komponisten vergleichsweise leichtes Spiel. Richard Strauss hat in seiner sinfonischen Dichtung samtig-schmeichelnde Musik für «Tod und Verklärung» erfunden. Olivier Messiaen, der «heilige Franziskus» der Musik, hat nicht nur auf der Orgel immer wieder um den rechten Ausdruck für die Göttlichkeit gerungen. Und mit «Des Engels Anredung an die Seele» hat der junge Klaus Huber einen Exkurs ins Zeitlose gezaubert.
Die unglaublichste Abenteuerreise zur Verklärung der Menschheit hin hat allerdings Karlheinz Stockhausen unternommen: Sein monumentaler Licht-Zyklus schreitet in Siebenmeilenstiefeln durch Universum und Wochentage. Er beginnt buchstäblich bei Adam und Eva und mündet im goldenen Licht des Sonntags. 29 Stunden Musik hat Stockhausen für sein Licht-Werk komponiert. ­Zugegeben: Das ist noch nicht ganz die Ewigkeit. Aber nach menschlichem Ermessen doch verdächtig nah dran.

CLEMENS PROKOP

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FOTO: ARCHIV CHRISTOPH WIDER