Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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«Ansichten vom Göttlichen» – 22 Jugendliche im Interview

Über den Glauben reden

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In 22 Interviews, die nun in Buchform vorliegen, haben der Theologe und Sozialwissenschaftler Dominik Schenker und der Journalist Oliver Demont Erstaunliches über den Glauben von jungen Menschen erfahren.

Heutige Jugendliche glauben nicht – die­se landläufige Vorstellung widerlegt das eben herausgekommene Buch «Ansichten vom Göttlichen. 22 Jugendliche» von Dominik Schenker und Oliver Demont.  «Wir haben junge Leute von Stadt und Land, Männer und Frauen, aus verschiedenen Religionen und Konfessionen befragt», erklärt Schenker. «Aus den Gesprächen sind erstaunliche Übereinstimmungen im Umgang mit der Religion über die Konfessions- und Religionsgrenzen hinaus festzustellen.»

RELIGION ALS LEBENSHILFE
Die meisten Jugendlichen seien durchaus religiös, sagt Schenker, dies aber in einem sehr freien Verständnis. Aufgefallen sind ihm die fast ausschliesslich positiven Gottesbilder und die Vorstellung, «sich Gott selbst zu schaffen». In dieser Vorstellung zeige sich der Wunsch nach  Selbstbestimmung am deutlichsten: «Jugendliche verfügen über ein ausgeprägtes Autonomiestreben– auch auf dem Gebiet der Religion», sagt Schenker. «Sie entscheiden selber, was sie glauben.»
Konfessionelle und religiöse Grenzen sind den Jugendlichen nicht wichtig, religiöse  Rituale hingegen durchaus beliebt: «Die Religion wird als Lebenshilfe erfahren. Im Alltag verhilft sie zu mehr Ruhe und Sicherheit, beispielsweise vor einer Prüfung oder in der Bewältigung eines Schicksalsschlages. Jedoch werden aus dem Glauben nur selten verbindliche ethische Massstäbe abgeleitet, die das Handeln der Jugendlichen prägen. Ergo sind Umweltschutz oder Manager-Boni kaum mit dem Glauben verknüpft», sagt Schenker. «Gott sagt mir nicht, wie ich zu leben habe», meint der 17-jährige Kim im Buch.
Welche Anfragen ergeben sich daraus an die Kirche?  «Die Jugendarbeit in den Pfarreien und das Angebot der Jugendseelsorge Zürich sind zeitgemäss», ist Schenker überzeugt. Sie begleiten die Jugendlichen bei ihrer religiösen Identitätsfindung. «Wer sich mit seiner Religiosität auseinandersetzt und wissen will, was andere glauben, muss in einem respektvollen Rahmen frei darüber diskutieren können. Diese Möglichkeit bietet die kirchliche Jugendarbeit.» Die jungen Leute wünschen sich durchaus auch klar positionierte Erwachsene als Gesprächspartner, die ihren eigenen Glauben ins Spiel bringen.  «Wer aber Jugendliche bekehren oder rekrutieren will, nimmt sie nicht ernst und wird Unverständnis erfahren», sagt Schenker.

REPRÄSENTATIV?
Darf man aus 22 Gesprächen auf die Allgemeinheit schliessen? «Die 22 Interviews sind natürlich in einem strengen Sinne nicht repräsentativ,» stellt Schenker klar. Doch auffallend war, dass nach rund der Hälfte der Interviews keine grundsätzlich neuen Denkfiguren hinzukamen: «Dies erlaubt den Schluss, dass die Ansichten der Mainstream-Jugendlichen mit den 22 Interviews recht gut abgebildet werden», erklärt Schenker. Co-Autor Oliver Demont zeigt sich erstaunt, «wie frei sich Jugendliche in den Gesprächen zum Thema Religion äusserten. Erst recht, wenn man bedenkt, dass junge Menschen – ausser vielleicht in Freikirchen – untereinander kaum über religiöse Themen sprechen.» Demont ist überzeugt, dass das Buch einen unverstellten Blick auf die Religiosität der Jugendlichen erlaubt. Er hat aus den Gesprächsabschriften Aufzeichnungen verfasst, die von den Jugendlichen gegengelesen wurden. Aus diesem Vorgehen entstanden Texte zwischen Sozialwissenschaft und Journalismus, die leicht und anregend zu lesen sind. «Das Buch ist sicher spannend für alle, die mit Jugendlichen zu tun haben und vielleicht die gestellten Fragen selbst mit ihnen diskutieren wollen.»

BEATRIX LEDERGERBER–BAUMER

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Der Religiosität von Jugendlichen auf der Spur: Oliver Demont (links) und Dominik Schenker. FOTO: CHRISTOPH WIDER