Traurig – aber inspiriert
Der Verlust eines geliebten Menschen löst nicht nur Trauer aus, er inspiriert auch. 1998 verlor Herbert Grönemeyer innerhalb von zwei Tagen seine Frau und seinen Bruder. Das brachte seine künstlerische Tätigkeit zunächst zum Erliegen. Aber sein nächstes Album, das vier Jahre später erschien, ist durchdrungen vom Ringen darum, auf das Erlittene eine Antwort als Künstler zu finden.
«Der Weg» durchläuft nochmals die Stationen der Trauer. «Kann kaum noch glauben» singt Grönemeyer und klagt «das Leben ist nicht fair». Aber auch seine unverbrüchliche Hoffnung an das Weiterleben kommt bereits zögerlich zum Ausdruck: «Ich trag dich bei mir, bis der Vorhang fällt.» Und irgendwie schwingt darin auch der Glaube mit, dass es, wenn auch hier Vorhang fällt, woanders doch zum Wiedersehen kommt.
Eric Clapton hat nach dem Tod seines Sohnes «Tears in Heaven» geschrieben. Und auch er wird von dieser Hoffnung getragen: «Would you know my name if I saw you in heaven?» Werden wir vom geliebten Menschen im Himmel wohl wieder erkannt werden? Clapton hofft es und ist überzeugt: «Beyond the door, there’s peace I’m sure.» – Jenseits des Todes herrscht Friede. Und Tränen gibt es im Himmel keine mehr.
Der Verlust eines geliebten Menschen wird in unzähligen Liedern besungen – fast ebenso oft wie die Liebe. Das ist kein Zufall, denn mit der Liebe wächst die Angst vor dem Verlust. Und nach dem Verlust eines geliebten Menschen fühlt man sich buchstäblich sterbenselend. «Es tropft ins Herz. Mein Kopf unmöbliert und hohl. Fühl mich unbewohnt.» beschreibt Grönemeyer dieses Gefühl.
HIMMELSBILDER
Diese Leere wird auch in unzähligen Volksliedern besungen – genauso poetisch, wie wenn es um die grosse Liebe geht. Bereits die Untreue eines geliebten Menschen wird als Tod empfunden, gegen den man mit starken, ewigen Worten ankämpft: «Bis die bärge sich tüe biege u die hügel sänke sich, bis die dischtle trage fyge, solang will i liebe di.» So heisst es in «Stets in truure». Und in «Ich hab die Nacht geträumet» wird der Verlust des geliebten Menschen mit einem Baum verglichen, der seine Blüten verliert. «Die Blüten tät ich sammeln in einem goldnen Krug. Der fiel mir aus den Händen, dass er in Stücke schlug.»
Wenn es im Volkslied allerdings um den Himmel geht, wird es meist sehr handfest, manchmal sogar derb schwankhaft. Auch der «Schacher Seppli» verwendet das populäre Bild von der Himmelstüre mit Petrus als Concierge. Und der ruft dem Vaganten Sepp zu: «Chum nume ine, chum und leg dis himmelsgwändli a.» Dann endet das Lied mit der Vision eines Himmels, der für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt: «Die arme und verlass’ne lüt müend’s schön im himmel ha.»
Diese bildhafte und konkrete Vorstellung von Tod und Auferstehung ist ein Merkmal, das sich durch sämtliche populären Lieder der alten und jungen Volkskultur zieht. Auch wenn Bob Dylan nicht mehr weiter weiss, stellt er sich als Bittsteller an die Himmelstür – und lässt dem Allerhöchsten mit Âseinem fordernden Stakkato keine Ruhe: «Knock, knock, knockin’on heaven’s door».
Reinhard Mey wiederum phantasiert, wie ihn sein Vater dereinst in einem schneeweissen 51er Kapitän abholen werde, jenem legendären Opel-Modell, das sich der Vater immer gewünscht, aber zugunsten der Familie zeitlebens nie geleistet hat. Mey setzt sich in seinen Liedern oft mit dem eigenen Tod auseinander. Er wünscht sich zu sterben, «wie ein Baum, den man fällt» und er schreibt auch schon mal ein Testament mit dem Grabsteinspruch: «Hier liegt einer, der nicht gerne, aber der zufrieden ging.» Ähnlich wie Mani Matter, der auf seine unnachahmlich lakonische Weise festhielt: «Die strass von i drann wone isch zwar, so dänken i e sackgass, s’isch wahr, hingäge für mi, und i gniesse das, no ke einbahnstrass.»
In «Mein Testament» kehrt Reinhard Mey die Optik um: Er ist nun der Verstorbene, der sich an die Zurückgebliebenen wendet und ihnen in der Trauer beizustehen versucht.
AUS DEM DUNKEL
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hat Bruce Springsteen mit einem Album, das wie ein Aufschrei aus ihm herausbrach, versucht, die allgemeine Trauer, die Verständnislosigkeit und die Angst in Wort und Melodien zu fassen. Und einmal mehr zeigt ein Songwriter, worauf es beim Liedermachen ankommt: Für das Unfassbare und Überwältigende begreifbare Bilder zu finden. In «You’re Missing» beschreibt Springsteen eine Familie, in der plötzlich der Vater fehlt. Alles steht noch für ihn bereit: Kaffeetasse, Jacke, Zeitungen auf der Treppenstufe – «Everything is everything». Aber er fehlt. «Too much room in my bed.»
Die plötzlich hereingebrochene Gegenwart des Todes ist so schockierend und unverständlich, dass Springsteen für einen Moment argwöhnt, der Teufel sei gegenwärtiger als Gott: «God’s drifting in heaven, devil’s in the mailbox.» Der liebe Gott treibt irgendwo in himmlischen Höhen dahin, während der Teufel auf Erden sein Unwesen treibt.
Springsteen benutzt ganz selbstverständlich religiöse Motive – und tut das in aller Ernsthaftigkeit. Er hofft auf Wunder – «Countin’on a Miracle» – und begibt sich in die Hände Gottes. Manche Lieder haben eine Unmittelbarkeit und Kraft, die an biblische Psalmen erinnert. Springsteen schenkt Gott nichts – und erwartet von ihm doch alles. Also ist sein Album nicht zufällig mit «The Rising» überschrieben. Und das gleichnamige Lied klingt tatsächlich wie ein Erweckungsruf, als sei es ein traditioneller Gospel.
Die Fülle an ausdrucksstarken Liedern um Tod und Auferstehung ist gewaltig und unüberschaubar. Jede Auswahl ist daher zwangsläufig das Produkt des Zufalls. Aber ohne die «Beatles» geht es natürlich nicht: «Blackbird» ist eines ihrer schlichtesten und gleichzeitig bewegendsten Lieder. «Blackbird singing in the dead of night, take Âthese broken wings and learn to fly» heisst es darin. Damit fallen Karfreitag und Ostern zusammen. Ausgerechnet dann, wenn die Nacht am dunkelsten ist, sollen wir daran glauben, dass wir zum Fliegen berufen sind: «You were only waiting for this moment to arise.»
THOMAS BINOTTO