Malerei als Gebet
Gefällt Ihnen dieses Bild nicht? Ist es für Sie befremdlich oder gar abstossend? Bleiben Sie dennoch dran! Schauen Sie erst recht hin! Ein solches Bild erschliesst sich erst bei längerem Betrachten. Was man auf den ersten Blick durchschaut, ist meist oberflächlich. Tiefgründiges erfordert eine Anstrengung, eine Arbeit des Sehens. Dieses Bild heisst «Grosse Meditation: Karfreitag». Neben der Erinnerung an die Passion Jesu spiegelt es die persönliche Tragödie eines Malers und dessen Versuch, ihr kreativ standzuhalten.
Alexej Jawlensky wurde 1864 im russischen Torschok geboren. Seine Ausbildung sollte eine Militärkarriere vorbereiten. Mit 25 Jahren nahm er das Malereistudium auf. 1896 zog er nach München um, wo er engen Kontakt mit Expressionisten pflegte. Zu Beginn des ersten Weltkrieges musste der russische Künstler 1914 Deutschland verlassen. In St. Prex am Genfersee fand er Zuflucht. Die Erfahrung der Einsamkeit wirkte konzentrierend auf sein Schaffen. 1917 zog er nach Zürich, 1918 nach Ascona, 1921 nach Wiesbaden. Zu seinen Freunden zählten Wassily Kandinsky, Paul Klee und Emil Nolde.
Neben Einzelbildern schuf er umfangreiche Serien von Gemälden mit wiederkehrenden Motiven. Er befasste sich mit Landschaften, Stillleben und immer wieder mit dem menschlichen Gesicht. Seine Gesichter wurden immer abstrakter, blieben aber dennoch in andeutenden Elementen als Gesichter erkennbar. Er malte eine Serie von «Mystischen Köpfen», eine andere mit «Heilandsgesichtern» und danach 280 Fassungen der «Abstrakten Köpfe». Einmal schrieb er an einen befreundeten Mönch: «Ich hatte verstanden, dass die grosse Kunst nur mit religiösem Gefühl gemalt werden soll. Und das konnte ich nur in das menschliche Antlitz bringen. Ich verstand, dass der Künstler mit seiner Kunst durch Formen und Farben sagen muss, was in ihm Göttliches ist. … Kunst ist Sehnsucht nach Gott.»
Ab 1927 litt er an einer Arthritis deformans, die sich zunehmend verschlimmerte, so dass er allmählich nur noch unter starken Schmerzen arbeiten konnte. 1933 traf ihn zudem ein Ausstellungsverbot durch die Nationalsozialisten, das seine Isolation noch verstärkte. 1937 wurden 72 seiner Werke aus öffentlichem Besitz beschlagnahmt. Er galt nun als Vertreter der «Entarteten Kunst». Im gleichen Jahr machte ihm seine Krankheit weiteres Arbeiten unmöglich. 1941 starb er in Wiesbaden.
In seinen letzten intensiven und schmerzhaften Schaffensjahren von 1934 bis 1937 entstanden mehr als 700 «Meditationen», zu denen auch «Karfreitag» (1937) zählt. In ihrer Grundstruktur gleichen sich diese dunklen Bilder sehr stark, unterscheiden sich aber in den Farben, die bei längerer Betrachtung zu glühen beginnen. «Meine Sprache ist doch Farbe», schrieb er einmal.
In «Karfreitag» sind es rote und blaue Töne, die wie durch einen Vorhang schimmern und ahnen lassen, dass hinter aller Dunkelheit doch Licht ist. Die schwarze «Zeichnung» deutet ein in sich selbst versunkenes Gesicht an. Man kann darin aber auch ein Kreuz entdecken, über dem sich der verdüsterte Himmel wölbt.
Alexej Jawlensky konnte den Pinsel nur noch mühsam mit beiden Händen halten, um so unter Schmerzen senkrechte und waagrechte Striche zu ziehen. In seinen Aufzeichnungen steht: «Meine letzte Periode meiner Arbeit hat ganz kleine Formate, aber die Bilder sind noch tiefer und geistiger, nur mit der Farbe gesprochen. Da ich gefühlt habe, dass ich in Zukunft infolge meiner Krankheit nicht mehr werde arbeiten können, arbeite ich wie ein Besessener diese meine kleinen ‹Meditationen›.» Und an anderer Stelle: «Ich sitze und arbeite. Das sind meine schönsten Stunden. Ich arbeite für mich und meinen Gott. Die Ellbogen schmerzen dabei sehr. Oft bin ich wie ohnmächtig vor Schmerz. Aber meine Arbeit ist ein Gebet, ein leidenschaftliches durch Farben gesprochenes Gebet.»
Mich persönlich berühren diese «Meditationen» zutiefst. Sie wirken auf mich konzentrierend und leiten mich selbst zum Meditieren an. Sie wecken in mir Ehrfurcht und lassen mich verstummen wie meisterhafte Ikonen.
WALTER ACHERMANN