Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Liebe Leserin, lieber Leser

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Gott ist leichtfertig. Wenn er die Wahl hat, die Menschen zum Guten zu zwingen oder sie in Freiheit zu belassen, dann entscheidet er sich immer für die Freiheit. Das ist riskant, denn die Menschen konnten mit ihrer Freiheit noch nie besonders gut umgehen. Das weiss Gott aus der Bibel zu Genüge. Aber all seinen ernüchternden Erfahrungen zum Trotz wagt er an einem bestimmten Tag vor knapp 2000 Jahren dennoch den bis dato gewagtesten Einsatz: Jesus Christus gibt sein Leben hin. Das ist göttliche Risikobereitschaft im Höchstmass, weil es eine eigentliche Ohnmachtsdemonstration ist.
Dabei bleibt Gott auch am Ostermorgen. Christus wird nicht mit Pomp und Trara zum Leben erweckt. Die Auferstehung geschieht praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Erleuchtung fällt nicht mit Feuer und Sturm über die Menschen her. Gott befriedigt unsere kindliche Schaulust nicht mit Spezialeffekten. Das Grab ist leer.
Deutlichere Zeichen kann es nicht geben: Gott schenkt sich den Menschen, ohne sie zu zwingen, dieses Geschenk auch anzu­nehmen und richtig zu schätzen. Gott setzt sich dem freien Willen der Menschen mit letzter Konsequenz aus. Vielleicht hat Chris­tus am Ölberg genau diese Leichtfertigkeit gespürt und selbst nicht ganz verstanden. Deshalb musste er Gott nochmals anflehen, mit ihm keinen bösen Scherz zu treiben.
Und dann geschieht an Ostern ein Wunder, an dem es keine Zweifel geben kann, weil das Christentum selbst der Beweis dafür ist: Es gibt Menschen, die das Geschenk Gottes annehmen und weiterreichen.
Wenn wir Gott wirklich verstanden haben, der uns den Glauben schenken und nicht aufzwingen will, dann schenken wir unseren Glauben genau so weiter, wie wir ihn empfangen haben: In ­aller Freiheit, ohne Pomp and Circumstance und mit geradezu göttlicher Leichtfertigkeit.

THOMAS BINOTTO

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Thomas Binotto