Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Grundgebete des Christentums: Vaterunser VII

In Bedrängnis beten

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«Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.»

Ist es sinnvoll, im Gebet etwas zu sagen, das Gott doch eigentlich schon weiss? Ist es sinnvoll, ihn um etwas zu bitten, wovon man vertraut, dass er es ohnehin geben will?
Beides tun betende Menschen meist, ohne lange darüber nachzudenken. Sie machen dabei die Erfahrung, wie gut es tut, die eigene Befindlichkeit ins Gebet zu bringen und sie Gott hinzuhalten. Sie spüren, dass man anders lebt, wenn man das tägliche Brot von Gott erbittet, als wenn man es ohne Ausdruck der Beziehung zu Gott hinnimmt.
Gott könnte uns in den Bedürfnissen unseres Lebens gewiss auch ohne unser Bitten entgegenkommen, und er tut es auch. Menschen sind aber nicht Blumenstöcke, die begossen werden, ohne dass sie darum bitten. So geht Gott mit uns um wie mit Personen und schenkt uns die Möglichkeit des Betens.
Mit der letzten Vaterunser-Bitte «führe uns nicht in Versuchung» wird es nun aber noch schwieriger. Mit Versuchungen können Bedrängnisse gemeint sein, die durchaus eine Chance der Bewährung und Reifung darstellen und also eine positive Bedeutung haben. Warum aber sollte man dann Gott darum bitten, uns diese Chance nicht zu geben?
Es kann aber auch stärker der negative Aspekt im Vordergrund stehen: Die Versuchung verführt dazu, sich vom Guten abzuwenden und dem Sog ins Dunkle zu folgen. Sie bringt den eigenen Lebensentwurf ins Wanken. Ein Mensch droht sich selbst untreu zu werden und lässt sich auf Abwege ein, die ihm selbst und anderen schaden. Muss man Gott bitten, uns nicht in solche Versuchung zu führen, also etwas nicht zu tun, von dem ein gläubiger Mensch doch vermuten dürfte, dass Gott es auch gar nicht tun will und wird?
Wie die Bitten um Gaben erschliesst sich auch die letzte Vaterunser-Bitte von der durch sie eröffneten Beziehung her. Wir bitten Gott nicht um verschiedene Gaben, weil er sie sonst nicht geben würde, sondern um sie innerhalb der Gebetsbeziehung von ihm zu empfangen. Wir bitten ihn, uns nicht in Versuchung zu führen, nicht um ihn von seinen (fragwürdigen) Absichten abzubringen, sondern um in schwierigen Situationen an ihn zurückgebunden zu bleiben.
Der Sinn der Vaterunser-Bitte liegt nicht in einer Aussage, die auf ihre dogmatische Wahrheit zu prüfen wäre, sondern in der Haltung, zu der die Betenden angeleitet werden.
Das Bedrohliche der Versuchung liegt darin, dass sie von Gott löst und in die Gefahr des Verzweifelns und des Verrates bringt. Das eigene Dasein wird als angefochten erlebt, und es gibt Grauenvolles, in dem Menschen nur noch eine sehr zwiespältige Wahl zu verbleiben scheint: Die Wahl zwischen der Resignation, dass Gott sich zurückgezogen hat oder gleichgültig ist, und der Auflehnung «Gott, was mutest Du mir zu?» In solchen bedrängenden Situationen braucht es keine Belehrung über Richtigkeiten, sondern Wegweisung, die eigene Not des Ringens um Gott vor Gott zu bringen.
Das Vaterunser legt den Betenden einen heilsamen Hilferuf auf die Lippen: «Führe uns nicht in Versuchung.» Die ganze Not an Gott und gar die Verwirrung zwischen dem guten Gott und einer womöglich dunklen, nicht wohlmeinenden Macht wird auf Gott geworfen. Darauf fällt dann Licht von der letzten Zeile her: «Sondern erlöse uns von dem Bösen.» Einmal wird keine Bedrängnis mehr sein, kein Dunkel mehr, das auf Gott und uns Schatten wirft.

EVA-MARIA FABER
REKTORIN DER THEOLOGISCHEN HOCHSCHULE CHUR

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