Betriebsunfall? – Schön wär’s!
Die Lektüre ist ebenso qualvoll wie erhellend: Das Mitteilungsblatt für den deutschen Sprachraum der «Priesterbruderschaft Pius X.» sorgt für jene Klarheit, die sich angeblich die römische Kurie so unmöglich verschaffen konnte. Die herablassende Arroganz der Bruderschaft, ihr selbstgerechter Fanatismus, ihr nicht nur latenter Antisemitismus und ihre Verachtung des II. Vatikanischen Konzils – all das liegt unverhüllt vor uns. Mangelnde Transparenz kann man der Priesterbruderschaft jedenfalls nicht zum Vorwurf machen.
Auch Richard Williamson kommt ausführlich zu Wort und offenbart, dass die Leugnung des Holocaust nicht die einzige undichte Stelle in seinem Hirn und in seinem Herzen ist. Über Papst Benedikt XVI. predigt er zu Firmlingen: «Im besten Falle könnte er aufstehen – also zunächst klar sehen, aufstehen und sich dann töten lassen. Im günstigsten Falle! Das ist das Beste, was er tun könnte. Klar zu sehen, wäre jedoch die erste Voraussetzung – aber klar zu sehen ist für diese armen Modernisten so gut wie unmöglich. Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes ‹den Kopf verloren› – durch die ‹Schmalz-Philosophie› der modernen Zeit.»
Das sind markige Worte in einer markigen Predigt, die vor genüsslicher Weltuntergangsstimmung nur so trieft. Und Williamson weiss natürlich auch, woher der Schmalz kommt: «Im Grunde genommen aus der Religionsfreiheit, die jetzt überall die Geister beherrscht. Von der Freimaurerei, von den Feinden Gottes! Die Feinde Gottes haben vermeintlich gesiegt – passen Sie gut auf: scheinbar gesiegt, aber es war nicht der Endsieg!» Damit bringt Williamson einen zentralen Punkt aufs Tapet, dessentwegen die Priesterbruderschaft das II. Vatikanische Konzil ablehnt. Und im Vorbeigehen demonstriert er gleich noch seine Vertrautheit mit nationalsozialistischer Rhetorik.
Der Weltuntergang käme Williamson gerade recht, denn mit fröhlicher Hysterie verkündet er «vielleicht wird ein 3. Weltkrieg – menschlich gesehen – nicht das SchlimmsÂte sein. Der 3. Weltkrieg könnte nur der Anfang von Gottes Strafgericht sein. Das wäre schon möglich, denn es wird schon etwas brauchen, um die heutige Welt vom Schlamm zu reinigen.» Und etwas später fährt er fort: «Es kommt vielleicht zum Martyrium. Vielleicht wird sogar unser Blut notwendig sein, um die Reinigung der Kirche zu vervollkommnen, um sie überhaupt zustandezubringen.»
Genug der demagogischen Unappetitlichkeit! – Oder doch nicht? – Richard Williamson ist leider nicht nur ein Betriebsunfall römischer Personal- und Informationspolitik. Wer behauptet, die Holocaust-Leugnung durch Williamson hätte nichts mit der Aufhebung der Exkommunikation von vier 1988 durch Erzbischof Marcel Lefebvre widerrechtlich geweihten Bischöfen zu tun, der argumentiert etwa so überzeugend, wie jemand, der einen Pädophilen als Sportlehrer einstellt und sich dann gegen Proteste mit dem Argument zur Wehr setzt, Knabenliebe habe doch gar nichts mit Sport zu tun.
UNGESCHICK ODER ABSICHT?
Benedikt XVI. ist gewiss kein Anti-Semit. In dieser Beziehung hat er den Nachhilfeunterricht der deutschen Bundeskanzlerin nicht nötig. Aber er ist ebenso gewiss kein ahnungsloses Opfer – weder das einer römischen noch das einer antikirchlichen Intrige. Er selbst hat 1988 mit Lefebvre verhandelt und kennt die Gedankenwelt der Lefebvristen ganz genau. Zudem kann man nicht permanent die überragende Rolle des Papstes betonen und stärken, um dann bei jeder Panne die Entourage vorzuschieben. Wenn der Papst schon unser unumstrittenes Oberhaupt sein soll, dann muss er in solch schwierigen Situationen auch seinen eigenen Kopf hinhalten.
Mit sehr viel Wohlwollen kann man Benedikt XVI. attestieren, dass der Wunsch nach Versöhnung – den er im Übrigen auch im Zusammentreffen mit Hans Küng zum Ausdruck gebracht hat – dass dieser Wunsch übermächtig wurde, und er das Opfer eines professoralen Subtilismus wurde, wie er unter Bischöfen äusserst beliebt ist.
Im akademischen Betrieb kann man seine intellektuellen Pirouetten so feingliedrig drehen, wie man will, es hört ja ohnehin kaum jemand zu. Aber als Papst spricht man nicht zu Fachkollegen und Studenten, sondern zu normalen Leuten. Diesen ist der Unterschied zwischen Exkommunikation und Suspendierung nicht geläufig. Die Aufhebung einer Exkommunikation hat für sie selbstverständlich und zu Recht etwas mit Rehabilitation zu tun. Und ein bischöfliches Communiqué empfinden sie noch lange nicht als mutig, nur weil darin ein päpstlicher Entscheid nicht ausdrücklich begrüsst wird.
Und weshalb soll ein päpstlicher Entscheid nicht offen in Frage gestellt werden, sogar von Bischöfen? Erzbischof Lefebvre hat es ja ganz ungeniert getan und die Traditionalisten verschiedener Couleur tun es ihm nach, in dem sie sich aus der «Wahrheit» immer das herauspicken, was ihnen gerade in den Kram passt. Niemand wünscht sich, dass es mit unseren Bischöfen so weit kommt, aber ein bisschen weniger Unterwürfigkeit könnte nicht schaden.
GENUG VOM HAMPELMANN
Und tatsächlich, die Bischöfe Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz, wo die PriesÂterbruderschaft besonders stark vertreten ist, versuchen zwar immer noch, den Papst so gut es geht in Schutz zu nehmen, aber ihr Ärger darüber, dass sie zunächst als Hampelmänner und dann als Prügelknaben hinhalten mussten, dieser Ärger kommt immer unverhohlener zum Ausdruck.
Es braucht viel, bis der ebenfalls zum Subtilismus neigende Bischof von Basel, Kurt Koch, in einem Brief an seine Gläubigen Sätze wie die folgenden schreibt: «Es ist schwer nachvollziehbar, dass im Vatikan niemand von den unhaltbaren Aussagen in der Pius-Bruderschaft Kenntnis gehabt hat. Hinzu kommt erschwerend eine sehr restriktive Informationspolitik. Zum ersten Mal habe ich von einer möglichen Aufhebung der Exkommunikation drei Tage zuvor in Paris gehört, wo die Präsidien der Bischofskonferenzen von Deutschland, Frankreich und der Schweiz zu ihrem jährlichen Treffen versammelt waren. Freilich wusste niemand etwas Genaues. Wir Präsidenten der drei mit der Aufhebung der Exkommunikation unmittelbar betroffenen Bischofskonferenzen wurden nicht vorinformiert, sondern mussten am Veröffentlichungstag auf die Mittagsstunde warten, um mehr Bescheid zu wissen. Da wurde nichts anderes bekannt gegeben als das Dekret des Präfekten der Bischofskongregation (ohne jede weitere Erklärung) und eine Mitteilung, dass die Äusserungen von Bischof Williamson ‹völlig inakzeptabel› sind. Wenn man bedenkt, von welcher Brisanz die Aufhebung der Exkommunikation (auch abgesehen von den unhaltbaren Äusserungen von Bischof Williamson) in der Öffentlichkeit sein wird – und da erscheint allein ein Dekret: Eine solche Informationspolitik muss zum Wohl der Kirche und zum Heil der Seelen dringend revidiert werden; und einen derartigen medialen Supergau, den wir jetzt erleben mussten, darf es nicht mehr geben!»
Der Generalvikar seines Bistums, Pater Roland Trauffer, doppelt nach: «Ich weiss, wessen Geistes Kind diese Leute um Lefebvre sind und waren, und ich kann mir kaum vorstellen, dass sich da sehr viel verändern wird.»
Und der Abt von Einsiedeln, Martin Werlen, gibt auf die Frage der «Sonntagszeitung», ob er den päpstlichen Entscheid für falsch halte, unumwunden zur Antwort «Ja». Und fügt hinzu: «Es ist fahrlässig, solche Entscheidungen einsam zu treffen, ohne dass das weltweite katholische Netz in Anspruch genommen wird: Bischöfe in den Diözesen, Nuntien in den verschiedenen Ländern und so weiter.»
Das Unverständnis und die Empörung ist verständlich, denn Richard Williamson ist kein Betriebsunfall, sondern ein Symptom. Er bringt die Geisteshaltung der Priesterbruderschaft durchaus authentisch zum Ausdruck, auch wenn sich diese selbst nun pro forma von ihm distanziert. Dass Williamson die Aufforderung, seine Holocaust-Leugnung zu widerrufen, kaltschnäuzig damit kontert, er müsse zunächst die historischen Fakten prüfen, ist zwar besonders unverfroren, aber nicht so überraschend, wie es sein sollte.
Bereits Erzbischof Lefebvre war immer felsenfest davon überzeugt, praktisch all seine Mitbrüder im Bischofsamt seien GeisÂterfahrer. Aus Sicht der Priesterbruderschaft geht es nicht darum, einzulenken und zur katholischen Kirche heimzukehren. Ihr Ziel ist nicht einmal der Dialog, sondern schlicht und radikal die Bekehrung von 99,95 % Âaller Katholikinnen und Katholiken, die sie auf dem Holzweg wähnen.
WAS TREIBT DEN VATIKAN?
Es war bezeichnenderweise nicht der Vatikan, der bislang die Bedingungen gestellt hat, sondern die Priesterbruderschaft: ErsÂtens die Wiederzulassung der Messe im tridentinischen Ritus und zweitens die Aufhebung der Exkommunikation. Wie sich der Papst auf ein solches Spiel einlassen konnte, bleibt bislang sein Geheimnis. Mit Versöhnungsbereitschaft allein ist es nicht erklärbar, dass er sich so bereitwillig nötigen liess. Zusammen mit anderen Entscheiden – beispielsweise der Ernennung des «Strafgerichtlers» Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof in Linz – muss angenommen werden, derzeit sei der Vatikan der Welt noch ein wenig mehr entrückt als sonst. Der Verdacht wird immer stärker, in Rom werde das Heil tatsächlich in der Restauration gesucht.
Was die Piusbruderschaft betrifft, dann Gnade uns Gott, denn diese kann gar nicht dialogbereit sein, weil sie im Besitze der Wahrheit ist. Sie lehnt deshalb Ökumene, Religionsfreiheit und Demokratie rundweg ab. Und so fromm in ihren Reihen auch gesäuselt wird, besonders versöhnlich klingen Äusserungen wie diese nicht: «Ein einziges Mal die Neue Messe zu konzelebrieren zerstört jedwede Glaubwürdigkeit im Kampf um die Tradition. Anders ausgedrückt: Wer einmal mitfeiert, gibt damit zum Ausdruck, dass man die Neue Messe lesen kann.»
Für das, was die Piusbruderschaft anstrebt, würde Richard Williamson wohl das Nazischlagwort «Zurück ins Reich» paraphrasieren. Bereits als die Aufhebung der Exkommunikation erst eine Forderung war, hatte der Generalobere der Piusbruderschaft, Bernard Fellay, eine Vision: «Dieser Schritt schlägt erst eine Bresche in den Dschungel. Wenn ein Durchkommen möglich sein soll, wenn man eine Strasse oder gar eine Piste im Urwald anlegen will, auf der ein Flugzeug landen soll, dann muss man vorher viele Bäume fällen und das Terrain nivellieren.»
Momentan versucht der Vatikan dem Kahlschlag noch von hinten durch die Brust ins linke Auge zu begegnen, ganz nach dem Motto, wir sind zwar weltfremde Winkeltheologen, aber der Heilige Geist wird’s schon richten. Einfacher und für unsubtile Laien verständlicher wäre es, wenn sich Papst Benedikt XVI. wie Barack Obama hinstellen und gestehen würde: «Ich hab’s vermasselt.» Wenn man sich im Vatikan schon gerne modern gibt und einen eigenen Youtube-Kanal einrichtet, dann sollte man sich auch um allgemein verständliche Botschaften bemühen. Und ganz nebenbei könnte Benedikt XVI. damit auch mit Klischeevorstellungen von päpstlicher Unfehlbarkeit aufräumen.
Sollte es tatsächlich zu einer geradÂlinigen Entschuldigung kommen, dann hätten wir allerdings eine weitere Sensation, denn bislang entschuldigen sich Päpste – wenn überhaupt – nur für Dinge, die längst verstorbene Vorgänger angerichtet haben.
THOMAS BINOTTO
Weitere Informationen
Aktuelle Ausgabe der Schweizerischen Kirchenzeitung: www.kath.ch/skz/index.php?pd=2009-02-05
Übersicht auf Dokumente und Artikel zum Thema:
www.muenster.de/~angergun/papstdekret.html