Struktur ist Trumpf
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Die Stiftsschule Engelberg bietet jungen Menschen eine umfassende Ausbildung in christlichem Umfeld. FOTO: MARKUS L'HOSTE/ZVG
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1972 zählte der Verband Katholische Schulen Schweiz (KSS) 177 Mitglieder. 1989 waren es 70 weniger. Und heute gehören noch 56 Schulen dem KSS an. Viele der ehemaligen katholischen Schulen seien Staatsschulen geworden, erklärt Josef Fux, ehemaliger Präsident des Verbandes. Zudem seien gewisse Schultypen wie Sprachschulen, Handels- und Berufsschulen mit katholischer Trägerschaft verschwunden.
Ein weiterer Aspekt, der den Wandel der katholischen Schullandschaft, kennzeichne, so Fux, seien Veränderungen innerhalb der Mitgliedsschulen des KSS. Aufgrund des mangelnden Nachwuchses würden viele religiöse Gemeinschaften die Trägerschaft abgeben, während die Schule ihr religiöses Profil beibehalte. Dass die Klosterschule Disentis (Graubünden) seit diesem Jahr erstmals unter weltlicher Leitung stehe, sei ein Beispiel für Veränderungen innerhalb der Trägerschaft.
Fux geht davon aus, dass die Zahl katholischer Schulen nicht weiter abnimmt, sondern sich auf dem momentanen Niveau stabilisiert. Einige katholische Schulen haben heute durchaus Erfolg, gerade die bekannten Flaggschiffe. In Disentis entwickeln sich die Schülerzahlen positiv. Die Stiftsschule Einsiedeln ist seit ihrer Neuausrichtung wieder auf Erfolgskurs und hat auch das 2002 wegen mangelnder Nachfrage geschlossene Internat im Schuljahr 2007/08 wieder eröffnet.
In der Stiftsschule Engelberg (Obwalden) war es nie zu einem derart dramatischen Schwund der Internen wie in Einsiedeln gekommen. Deren Anteil hat zwar auch abgenommen, beträgt aber immer noch 41 Prozent. Die Knaben machen den Hauptteil der Internen aus.
Pater Robert Bürcher, Rektor der Stiftsschule, bezeichnet die Internen als überlebenswichtig für die Schule. Der Tourismus-Ort Engelberg mit seinen knapp 4 000 Einwohnern kann zu wenig Externe liefern.
INTERNAT ALS ERFOLGSREZEPT
«Warum hier weiterhin Interne gekommen sind und an anderen Orten nicht?» Dazu hat Pater Robert eine Theorie: Während viele Ordensschulen ab den 1960er Jahren dazu übergegangen seien, die Internatsschüler am Wochenende nach Hause zu schicken, habe man in Engelberg auf diese Neuerung verzichtet. Bis heute. Das Einzugsgebiet der Stiftsschule sei dementsprechend grösser und reiche von Genf bis in die Ostschweiz hinaus.
Das gemeinsam verbrachte Wochenende stärke die Identifizierung mit der Schule und ermögliche den Aufbau von Freundschaften im Internat. «Das Wochenende ist die Zeit, in der die Schüler ihre Kontakte pflegen können. So wird der Ort heimatlicher für sie.» Vieles was sich im Internat entwickeln könne, sei darauf angewiesen, dass den Schülern neben dem Unterricht und dem Lernen noch Zeit füreinander bleibe.
Das sei so nicht der Fall, wenn am Freitagabend jeder so schnell wie möglich nach Hause renne und schliesslich seinen Freundeskreis am Wohnort der Eltern aufbaue. Zudem sei das Hin und Her zwischen zwei Welten bei Jugendlichen dem Studium nicht förderlich. «Ein Schüler ist wie ein Dieselmotor. Wenn er am Montag kommt, braucht er bis am Mittwoch, um richtig zu laufen. Am Donnerstag muss er bereits wieder bremsen, um am Freitag heimgehen zu können», sagt Pater Robert lachend.
Familie Fricker aus dem Kanton Aargau hat drei von vier Kindern nach Engelberg ins Internat geschickt, während das vierte in einem Internat in Deutschland untergebracht ist. Einer der Söhne besuchte zunächst das Kollegium St. Michael in Zug, wo seit dem Wechsel zum schulfreien Samstag alle Schüler am Wochenende nach Hause gehen. «Mein Mann war nicht so glücklich darüber, weil die Kinder dann immer so hin- und hergerissen werden», sagt Evelyn Fricker. Die Familie sei aus beruflichen Gründen «nicht so sesshaft». Das Internat sei deshalb eine gute Lösung, da es eine «gesicherte Umgebung» mit konstanten Bezugspersonen bietet.
«IM KATHOLISCHEN SINNE»
Die Familie erzieht ihre Kinder «im katholischen Sinne». «Weil wir gläubig sind, kam für uns nur ein Internat in Frage, bei dem der christliche Aspekt einen gewissen Einfluss hat», sagt die Mutter, die als einzige in der Familie formell noch nicht der katholischen Kirche angehört.
Komme hinzu, dass es schwierig sei, die Kinder zu Hause zum Arbeiten zu motivieren. Evelyn Fricker schätzt die Entlastung von erzieherischen Aufgaben: «Viele Probleme, die man hätte, wenn die Kinder nonstop zu Hause wären, haben wir nicht.»
Früher trugen die ausschliesslich männlichen Schüler der Stiftsschule Engelberg Mönchskutten. Das ist Vergangenheit. Elemente monastischen Lebens sind geblieben, so der klar geregelte Tagesablauf: Studiert und gebetet wird im Kollegium (7. bis 9. Schuljahr) noch vor dem Frühstück. Um 21.15 Uhr gibt es das Abendgebet, und dann gilt Nachtruhe für «die Kleinen». Am Sonntag besuchen alle Internen, unabhängig von ihrer Konfession, den Gottesdienst.
Feste Zeiten sind dem Studium gewidmet. Die «Kleinen» arbeiten im Studiensaal unter Aufsicht des Präfekten. Bei den älteren Schülern, die bereits das Lyzeum (10. bis 12. Schuljahr) besuchen, steht selbständiges «Zellenstudium» auf dem Programm.
Für Matthias (15), dessen Brüder die öffentliche Schule besuchen, war Engelberg die «individuelle Lösung». «Bei ihm war schon in der dritten Klasse der Bezirksschule klar, dass er sich bei der Arbeitshaltung gewaltig verändern muss, um den Notendurchschnitt für den Übertritt ins Gymnasium zu erreichen», sagt seine Mutter. An der öffentlichen Schule habe die Struktur gefehlt, «ein gewisser Rhythmus, ein gewisser Tagesablauf, in dem auch das Für-sich-Arbeiten Platz gehabt hätte», so die Mutter, welche die Stiftsschule Engelberg über Alt-Engelberger kennengelernt hat.
Sie schwärmt vom «überwachten und begleiteten Studium» innerhalb klarer Strukturen. «Jetzt hat unser Sohn gelernt, sich hinzusetzen, sich zu konzentrieren und zu arbeiten.» Ablenkung hätten die Schüler wenig. So müssten sie das Handy abgeben. Heute habe Matthias gute Noten, er sei ein «guter» und «zufriedener» Schüler geworden.
«Die Buben haben einen gewissen Ehrgeiz entwickelt», sagt auch Evelyn Fricker. Wären sie nicht ins Internat gegangen, dann hätten sie bestimmt nicht das Gymnasium besucht, ist sie überzeugt.
BARBARA LUDWIG / KIPA