Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2008 forum Nr. 19, 2008 Verheizen wir unsere Zukunft?
Im Gespräch mit dem Umweltwissenschafter Andreas Fischlin

Verheizen wir unsere Zukunft?

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Alle reden vom Klimawandel. Zu Recht, denn die globale Erwärmung ist die umfassendste Bedrohung unseres Wirtschaftens, der natürlichen Ökosysteme und der menschlichen Existenz überhaupt. Sie trifft jene am härtesten, die am wenigsten dazu beigetragen haben: die Armen im Süden. Die Klimafrage ist daher untrennbar verbunden mit der Frage nach der sozialen Gerechtigkeit zwischen Menschen verschiedener Regionen und Generationen.

forum: Herr Fischlin, woran denken Sie, wenn Sie an Ihre Enkelkinder denken?
Andreas Fischlin:  Sie werden es nicht einfach haben. Die grossen Herausforderungen werden der Klimawandel und die wachsende Weltbevölkerung sein. Denn genauso, wie die Bäume nicht in den Himmel wachsen, wird auch die Menschheit dieser Welt nicht beliebige Populationen und dem Klima nicht beliebige Manipulationen zumuten können. Sofern es uns nicht nur um eine minimale Überlebensmöglichkeit, sondern um ein menschenwürdiges Dasein geht, müssen wir bei Weltbevölkerung wie beim Klima mit Voraussicht handeln.
Klimamässig erleben wir heute, was unsere Vorfahren für uns entschieden haben. Und wir entscheiden heute, was unsere Kinder und Enkelkinder erleben werden.

Sie sind Mitverfasser des vierten Berichtes des Uno-Klimarates und Mitempfänger des Friedensnobelpreises 2007. Wie lauten die Ergebnisse dieses Berichtes?
Kurz zusammengefasst macht der Bericht drei Kernaussagen: Der menschgemachte Klimawandel ist da. Wenn wir den jetzigen Trends weiterhin freien Lauf lassen, werden wir mit drastischen Auswirkungen konfrontiert sein. Wir haben jedoch alle Mittel und Technologien und müssen bloss zu einschneidenden Massnahmen bereit sind, und es kann uns durchaus noch gelingen, einen drastischen Klimawandel knapp abzuwenden.

Nun hört man aber immer wieder, das Klima habe sich ja auch früher schon verändert...
Argumente, welche den von Menschen gemachten Klimawandel in Frage stellen, wirken auf uns Wissenschafter schon beinahe absurd. Die Tatsache, dass vor allem die Verbrennung fossiler Brennstoffe – Eröl, Erdgas, Kohle –, die Landwirtschaft und die veränderte Bodennutzung – z.B. die Entwaldung – für die Zunahme von Treibhausgasen in der Atmosphäre und zu einer Erwärmung des Klimas geführt haben und insbesondere in der Zukunft noch führen werden, gilt inzwischen als wissenschaftlich breit abgestützte und völlig erhärtete Erkenntnis. Schon alleine die jetzige, noch ziemlich geringe Erwärmung überschreitet die natürlichen Schwankungen mindestens der letzten 1300 Jahre und die für den Klimawandel verantwortlichen Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre waren gemäss neuesten Forschungsergebnissen in den vergangenen 800 000 Jahren nie so hoch.

Welches sind die Auswirkungen des Klimawandels auf die Umwelt?
Je nach Modell sagt der Klimabericht eine Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur bis 2100 um 1,8 bis 4,0 Grad voraus. Berücksichtigt man die Modellunsicherheiten, ergibt sich sogar ein Erwärmung, die zwischen 1,1 und 6,4 Grad zu liegen kommen mag. Als Folge davon steigt der Meeresspiegel bis 38 Zentimeter, wobei sich auch Erhöhungen um bis zu einem Meter oder mehr selbst für dieses Jahrhundert nicht ganz ausschliessen lassen. Langfristig ist ein Anstieg des Meeresspiegels um etwa sechs Meter eh schon unvermeidlich geworden. Bei den jetzigen Trends werden in der Schweiz schon Mitte dieses Jahrhunderts nur noch rund ein Viertel der Gletscher übriggeblieben sein. Gebirgsgletscher schmelzen auch weltweit und das arktische Packeis, welches durch das Zurückwerfen der Sonnenstrahlung den Klimawandel zu bremsen hilft, schmilzt in den letzten Jahren mit besorgniserregender Geschwindigkeit im Spätsommer um Rekordwerte. Permafrostböden tauen auf. Gerade im dicht besiedelten Alpenraum könnte sich deshalb die Schlammlawinen- und Bergsturzgefahr zu einem ernstzunehmenden Risiko entwickeln. Zudem werden sich bei uns starke Niederschlagsereignisse häufen und vermehrt zu Überschwemmungen führen. Der August 2005 führte uns eindrücklich vor Augen, was das bedeuten kann. Tropischen Wirbelstürme werden in ihrer Intensität zunehmen, ob sie dies auch in ihrer Häufigkeit tun werden, ist zur Zeit noch unklar. In der südlichen Hemisphäre nehmen mit steigenden Temperaturen die Niederschläge ab, was die Wasserversorgung prekär machen und zu einer Ausbreitung von Wüsten und Steppen führen wird.  Ökologisch bedeutende Feuchtgebiete verschwinden und mit ihnen die Artenvielfalt diese Biotope. Steigende Wassertemperaturen bringen schon heute Korallen grossflächig zum Absterben, und die Übersauerung der Meere infolge der angestiegenen CO2-Konzentrationen werden vermutlich auch starke negative Auswirkungen auf viele Meeresorganismen haben.

Und die Auswirkungen auf die Landwirtschaft?
Das ist je nach Region verschieden: Unsere Landwirtschaft wird anfänglich von den steigenden Temperaturen mit vermehrtem Niederschlag profitieren. Steigt die Temperatur jedoch lokal durchschnittlich um 2 bis 3 Grad, dann werden wir infolge häufigerer Trockenheit mit Ertragseinbussen rechnen müssen.
In den Ländern des Südens hat die Klimaerwärmung bereits jetzt negative Folgen. Die Produktivität von Reis, Mais und Weizen sinkt, was im Moment noch durch zusätzliche Anstrengungen und die Verbesserung der Infrastruktur aufgefangen werden kann. Im Verlaufe der nächsten Jahrzehnte muss jedoch in den Entwicklungsländern mit Ertragseinbussen von über 50 Prozent gerechnet werden, die auch mit den effizientesten Massnahmen nicht mehr kompensiert werden können.

Wird der Klimawandel auch unsere Gesundheit beeinträchtigen?
Tendenziell ja, sogar bei uns. Sicher werden die steigenden Temperaturen von uns ein angepasstes Verhalten fordern. Wir werden lernen müssen, um die Mittagszeit eine Siesta einzulegen. Wir werden mehr Kühlaufwand, z.B. für Lebensmittel und uns selbst, betreiben müssen. Man mag argumentieren, das sei ja nun weiter nicht schlimm. Mit steigenden Temperaturen werden jedoch auch sogenannte Vektoren – Mücken, Zecken oder Fliegen – in neue Lebensräume vorstossen und tropische Krankheiten wie Malaria oder Dengue-Fieber mit sich bringen. Malariamücken werden nördlich der Alpen bald bessere Überlebensmöglichkeiten haben denn je. Allerdings ist nicht gleich damit zu rechnen, dass sich bei uns Krankheiten wie die Malaria dann tatsächlich ausbreiten werden, da wir über genügend finanzielle Mittel  und ein funktionierendes Gesundheitssystem verfügen, solche Epidemien in Schach zu halten. Es sind jedoch erneut die Entwicklungsländer, die am meisten mit derartigen Problemen zu kämpfen haben werden. Durch prekäre Hygieneverhältnisse oder den mangelhaften Kühlaufwand für Lebensmittel, der übrigens auch uns teilweise treffen dürfte, werden sie wohl auch vermehrt an Diarrhö, Cholera und Lebensmittelvergiftungen leiden. Ganz abgesehen vom noch rarer werdenden Trinkwasser, was das Überleben insgesamt gefährdet.

Der Klimawandel sei das grösste Versagen des Marktes, das es je gegeben habe, sagte der ehemalige Chefökonom der Weltbank, Nicolas Stern, 2006. Wie sehen die Auswirkungen auf die Wirtschaft aus?
Ein Temperaturanstieg zwischen 2 und 3 Grad kann die Weltwirtschaft bis zu 9,1 Prozent des globalen Bruttoinlandproduktes kosten. Das sind 3,7 Billionen US Dollar. Demgegenüber sind die Kosten der Vermeidung deutlich geringer und werden durch den UNO- Klimarat als durchaus verkraftbar eingestuft. Selbst ehrgeizige Klimaschutzmassnahmen weisen tragbare Kosten auf. Die Vermeidung scheint also die ökonomisch-rationale Strategie zu sein. Im Gegensatz zu anderen Umweltproblemen wie der Wasser-, Boden- oder Luftverschmutzung hat aber das bisherige Wirtschaftssystem jedoch noch kaum etwas dazu beigetragen, das Klimaproblem zu lösen. Und nichts deutet darauf hin, dass ein automatischer Mechanismus in der Wirtschaft dafür sorgen würde, dass sich da in absehbarer Zeit etwas ändert. Weder die hohen Erdölpreise noch die Verknappung des Erdöls haben bislang zu einer wirklichen Verbesserung der Situation beigetragen.  Und noch hat es genug fossile Brennstoffe – insbesondere Kohle –, um den Klimawandel heftig voranzutreiben.

Was also ist zu tun?
Wir müssen global allergrösste und langfristige Anstrengungen unternehmen, um  die Klimaerwärmung bei einem Anstieg von 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu stoppen. Zwei Grad gelten als Kipppunkt: über dieser Marke sind gravierende Änderungen des Weltklimas kaum mehr vermeidbar oder noch rückgängig zu machen. Im Klartext heisst das, dass wir, die Industrieländer, gemessen am Stand von 1990 bis 2020 eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 25 bis 40 Prozent und bis 2050 um 80 bis 95 Prozent erreichen müssen. Weltweit müssen die Treibhausgasemissionen in spätestens zehn Jahren abzunehmen beginnen und sollten bis 2050 nur noch etwa einen Drittel des heutigen Ausstosses betragen. Das bedingt eine vollkommene Dekarbonisierung all unserer Tätigkeiten, einen totalen Umbau unserer Industrie und eine enorme Effizienzsteigerung in allen Bereichen.
Gemäss unseren Studien ist dies ökonomisch durchaus verkraftbar, falls die Klimaschutzpolitik die richtigen Anreize setzen und der Emissionspreis dank ehrgeizigem Klimaschutz entsprechend ansteigen. Wir würden keineswegs in die Steinzeit zurückfallen, wie manchmal befürchtet wird. Ehrgeizige Klimaschutzziele würden lediglich unsere Reichtumssteigerung etwas verlangsamen, laut UNO-Klimarat um höchstens 0,12 Prozent pro Jahr, was bis etwa Mitte Jahrhundert heissen würde, dass sich die gleiche Wertschöpfung lediglich um etwa ein Jahr verzögert erreichen lässt.

Der Klimawandel trifft jene am stärksten, die am wenigsten dazu beitragen haben: die armen Länder des Südens. Wie kann eine Klimagerechtigkeit hergestellt werden?
Es liegt in unserer Verantwortung, hier einen Ausgleich zu schaffen. Auf das Konto von Nordamerika und Europa gehen etwa 70 Prozent aller CO2-Emissionen seit 1850. Die Entwicklungsländer haben weniger als einen Viertel dazu beigetragen. Das Kyoto-Protokoll trägt diesem Umstand Rechnung und verlangt zwischen 2008 und 2012 lediglich von den Industriestaaten eine jährliche Reduktion der CO2-Emissionen von 5,2 Prozent gegenüber 1990. Dass die USA das Protokoll nicht ratifiziert haben, weil sie von China schon jetzt die gleichen Resultate fordern, ist ein Hohn in Anbetracht des bislang geringen pro Kopf Ausstosses der meisten Entwicklungsländer. In einem – hoffentlich viel ambitiöseren – Nachfolgeprotokoll, dessen Bedingungen jetzt ausgehandelt werden, müssen jedoch auch die Entwicklungsländer in die Verantwortung gezogen werden. Ohne gemeinsame Anstrengungen aller, werden wir es nicht schaffen, dass die Emissionen ab 2015 wie erforderlich abnehmen.

Trotz Klimawandel haben die Entwicklungsländer jedoch ein Recht auf Entwicklung.
Wir müssen ihnen bei der Umstellung auf modernste Technologien helfen, dann kann dem Klimaschutz und der Armutsbekämpfung Rechnung getragen werden.
Die im Kyoto-Protokoll vorgesehen Mechanismen wie der Handel mit Emissionsrechten und der Clean-Development-Mechanismus gibt ihnen ja die Möglichkeit, Modernisierung vorzunehmen und damit Profite zu machen.

Wenn wir von der optimistischen Annahme ausgehen, das wir den klimatischen Turnaround schaffen: Wo sehen Sie unsere energetische Zukunft?
Idealerweise werden wir uns in den nächsten Jahrzehnten in eine Wasserstoffgesellschaft wandeln. Ich bin überzeugt, dass das unsere Zukunft sein wird. Wasserstoff – der dann zu Wasser verbrannt wird – kann gewonnen werden, in dem die Temperaturdifferenzen zwischen den von der Sonne erwärmten oberen und den kühleren unteren Schichten der Ozeane «abgegrast» werden. Diese OTEC-Technologie ist natürlich vor allem in den tropischen Gewässern interessant. Die Energiemengen, die so nachhaltig gewonnen werden können, sind riesig und werden oft unterschätzt. Selbst der relativ kleine Zürichsee speichert jährlich in seiner Temperaturschichtung etwa die Zwei-Jahres-Produktion eines Kernkraftwerkes aus der Sonnenenergie.
Im Moment liegt die ideale Lösung jedoch nicht in einer Technologie allein, sondern in Effizienzsteigerungen und einem neuen Energie-Mix, in dem Wind, Wasser und Sonne gezielt ihren Anteil steigern.
Wenn wir das Klima retten wollen, braucht es den vollen Einsatz aller, angefangen beim Ausknipsen des Schalters bis zur Unterstützung der richtigen politischen Kräfte.

GESPRÄCH: PIA STADLER

www.ipcc.ch

www.proclim.ch

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Andreas Fischlin, Jg. 1949, lehrt an der ETH Zürich Umweltwissenschaften. Er ist Mitautor der Berichte des internationalen Klimarates (Intergovernmental Panel of Climate Change IPCC) und Mitempfänger des Friedensnobelpreises 2007.