Liebst du mich?
Wir haben sie wohl alle schon einmal gestellt, diese Frage. Es ist nicht irgendeine Frage. Wenn wir nach der Liebe fragen, dann geht es uns um das Ganze. Es geht uns um das bedingungslose Ja des andern. Gleichzeitig exponieren wir uns mit dieser Frage, indem wir unserer Sehnsucht Ausdruck geben. Und daher wäre alles andere als ein klares „Ja, ich liebe dich“ eine herbe Enttäuschung.
Andererseits kennen wir wohl auch die Situation, selber auf die Frage nach der Liebe antworten zu müssen. Manchmal, wenn man geradezu auf diese Frage gewartet hat, ist es einfach. Dann bricht das Ja nur so aus einem heraus. Aber es gibt Momente, wo es nicht so leicht fällt, spontan zu antworten. Irgendwie ist ein klares Ja nicht möglich. Aber ein radikales Nein würde der Situation auch nicht gerecht. Hin und her gerissen zwischen Zweifel, Angst und Sehnsucht hört man sich schliesslich sagen: „Du weisst doch, dass ich dich lieb habe, dass ich dein Freund bin.“
Etwa so dürfte es Petrus ergangen sein am Ufer des Sees von Tiberias. Natürlich hatte er Jesus geliebt, leidenschaftlich, vielleicht auch etwas selbstherrlich, als er sich anmasste, Jesus als Einziger nie verlassen zu wollen. Und dann war es eben doch geschehen. Dreimal hatte er ihn in dieser unseligen Nacht verleugnet. Und nun fragt ihn Jesus: „Liebst du mich mehr als diese?“ Man kann sich vorstellen, was dabei in Petrus vorgegangen sein muss. Seine Antwort ist schliesslich ein Produkt aus Sehnsucht und schmerzlichem Unvermögen: „Ja, du weisst, dass ich dich lieb habe.“
Petrus ist nicht wirklich in der Lage, auf die Frage Jesu zu antworten. Das Wort, das er im griechischen Originaltext für seine Antwort verwendet, ist nicht das gleiche wie in der Frage. Während Jesus nach der Agape, der absichtslosen Liebe fragt, antwortet Petrus mit der Freundesliebe, ein Detail, das leider in der Einheitsübersetzung untergegangen ist. Am deutlichsten wird diese Unterscheidung in der Übersetzung von Fridolin Stier, wo Petrus auf die Frage „Liebst du mich?“ antwortet: „Ja, du weisst, dass ich dir Freund bin.“
Man kann sich streiten über die Wichtigkeit der unterschiedlichen Wortwahl. Aber wo sie ernst genommen wird, eröffnet sie eine neue Perspektive auf diesen Dialog zwischen Jesus und Petrus. Aus der von manchen vielleicht als nervig bohrend empfundenen Fragerei Jesu wird plötzlich ein dynamisches Gespräch, in dem Petrus genau da abgeholt wird, wo er in seinem Selbstzweifel gerade steht. Denn genau gesehen stellt Jesus eben nicht dreimal dieselbe Frage. Aus dem „Liebst du mich mehr als diese?“ wird ein „Liebst du mich?“ und schliesslich ein „Bist du mir Freund?“. Jesus nähert sich Schritt für Schritt dem Niveau an, auf dem Petrus uneingeschränkt positiv antworten kann: „Ja, du weisst, dass ich dir Freund bin.“
Jesus hat weder an Petrus noch an uns Erwartungen, die unsere jeweiligen Möglichkeiten übersteigen. Er weiss besser als jeder andere, dass Liebe und Vertrauen nicht machbar sind und darum auch nicht einfach eingefordert werden können. Und so kommt er auch uns eben da entgegen, wo wir gerade stehen, und ruft uns in seinen Dienst, jeden mit seinen Gaben, aber auch mit all seinen Grenzen: „Bist du mir Freund?“ Dann „folge mir nach!“
BEAT ALTENBACH SJ
HOCHSCHULSEELSORGER, AKI