Der Drang zum Gesamtkunstwerk
Steil windet sich die Strasse von Bad Ragaz durchs Taminatal hinauf nach Vättis. Im Bergdorf scheinen die Uhren langsamer zu ticken, die Strassen sind menschenleer an diesem Wintermorgen, es riecht nach Schnee. „Offizin Parnassia Vättis“ steht beim Eingang des grossen älteren Hauses vis-à -vis der Kirche. Die gebleichten grünen Fensterläden stehen offen. Die Türe ist unverschlossen, löst jedoch beim Öffnen einen durchdringenden Schrillton aus. Langsam nur gewöhnt sich das Auge an das Dämmerlicht in den niedrigen Räumen: Umrisse alter Giess- und Druckmaschinen sind zu erkennen, unzählige Setzkästen, Bleisätze, antike Schreibmaschinen, ein altes Telefon und eine Registrierkasse. Dazu Bücher, Bücher, Bücher. „Dies ist kein Museum, hier wird gearbeitet“ erklärt ein Schild im Treppenhaus.
„Ich war gerade dabei, dem Einband eines selbst gedruckten Buches den letzten Schliff zu geben“, entschuldigt sich Hans-Ueli Frey und wischt ein wenig Blattgold vom Finger. „Da kann es schon mal vorkommen, dass ich die Zeit nicht achte und auch die Klingel überhöre …“ Sein Kollege Stephan Burkhardt lächelt. Beide haben sie schon oft ob ihrer Leidenschaft die Welt um sich herum vergessen.
FASZINATION FÜR ALTE BÜCHER
Seit 2000 betreiben die beiden Freunde hier im St. Galler Oberland die Offizin Parnassia. Was als Faszination für alte Bücher und Drucke begann – „ein archaisch-historisches Interesse am Leben“, wie Burkhardt sich ausdrückt –, ist in kurzer Zeit zu einer Gesamt-Werkstatt einer Offizin – gewachsen. Hier werden in alter Handwerksmanier Bleilettern gegossen, mit diesen Buchstaben wird auf Handpressen gedruckt und wo erwünscht, werden Bücher in klassischer Art gebunden.
Die Offizin besteht aus Giesserei, Handsetzerei, Druckerei und Handbuchbinderei – Abteilungen, die im Zwei-Mann-Betrieb eng zusammenarbeiten. Während sich Burkhardt vorwiegend um Satz, Druck, Texte und Übersetzungen kümmert, giesst Frey mit Vorliebe Lettern und bindet Bücher.
„Wir streben eine Einheit von Text, ausgesuchten Materialien, künstlerischem Gestalten und handwerklicher Fertigung an“, sagt Stephan Burkardt. „So, wie das traditionelle Handwerk sie in seinen besten Zeiten erreicht hat“, fügt Hans-Ueli Frey an.
Die zehn Handwerksberufe der Offizin haben die beiden nicht in traditionellen Berufslehren erlernt, denn viele dieser Berufe gibt es offiziell gar nicht mehr. Vielmehr haben sie sich die Kenntnisse der handwerklichen Drucker- und Buchbinderkunst im Selbststudium und bei alten Berufsleuten angeeignet. Daneben arbeiten beide in Teilzeit in ihren angestammten Berufen: Während der Theologe Stephan Burkardt noch in der Erwachsenenbildung tätig ist, führt der promovierte Forstingenieur Hans-Ueli Frey ein Büro für Ökologie und lehrt an der ETH Zürich.
HANDWERKLICHE BEGABUNG UND ÄSTHETISCHES FLAIR
"Zur Offizin kamen wir buchstäblich wie die Jungfrau zum Kind“, erlärt Burkhardt, der Theologe: „Ein Freund von uns entdeckte bei Streifzügen durch Brockenhäuser eine kleine Handsatz-Druckerei. Dieser Versuchung konnten wir nicht widerstehen – das einst so einflussreiche traditionelle Handwerk sollte wieder aufleben. Die handwerkliche Begabung und das ästhetische Flair trauten wir uns zu.“ Das war im Juli 2000. In der Folge habe sich der Betrieb wie eine Perle entwickelt: Schicht um Schicht, Stück für Stück seien sie dazugekommen, die Maschinen, Matrizen und Materialien. „Alles nur Mittel zum Zweck“, betont Frey, auch wenn beim Bedienen der Monotype-Giessmaschine seine Augen mit dem Silber des flüssigen Bleis um die Wette leuchten.
Quer durch die Kontinente haben Frey und Burkhardt die nötigen Werkzeuge und Maschinen zusammengesucht, die spätestens mit der Umstellung auf Fotosatz in den 1970er Jahren obsolet geworden waren. Eine ausgediente Buchbinderwerkstatt aus der Schweiz, Giessmaschinen aus Deutschland, Druckpressen aus England und tonnenweise Matrizen (Giessförmchen für Buchstaben oder Ornamente) aus Südafrika, England und Kalifornien. Natürlich ist jeder neue „Fund“ mit Anekdoten verbunden, welche Frey und Burkhardt mit sichtlichem Vergnügen zum Besten geben.
3500 GIESSBARE ALPHABETE
„Wir sind beide Jäger und Sammler“, sagen sie. „Wir bekommen nie genug, vor allem nicht von den Schriften.“ 3500 giessbare Alphabete besitzt die Offizin inzwischen, zusammengefasst in einige hundert Schriftfamilien. Dazu über 3000 Ornamente. Von historischen Schriften (z.B. der Poliphilius von 1499) bis zur beinahe vollständigen Univers-Familie des Schweizers Adrian Frutiger (um 1960) sind praktisch alle Stilrichtungen des europäischen und amerikanischen Schriftschaffens vertreten. Eine Besonderheit sind einige seltene Frakturschriften – „deutsche Schrift“ –, die nur noch in Vättis gegossen werden. Zudem werden in der Offizin auch Matrizen neuer Alphabete oder fehlende Zeichen in eigener Werkstatt hergestellt.
„Ein spezieller Text braucht einen speziellen Druck“, sind Burkhardt und Frey überzeugt. „Form und Inhalt müssen kreativ miteinander korrespondieren.“ Die beiden Universalgelehrten spüren klar den Hang zum Gesamtkunstwerk. Mehr noch, den Drang zum Gesamtkunstwerk. „Das Geheimnis liegt in der Reduktion auf das Wesentliche“, sagen sie.
HANDWERK DE LUXE
Während Frey gerade die Monotype-Giessmaschinen überwacht, mit der Einzelbuchstaben oder ganze Buchseiten gegossen werden können, setzt Burkhardt im Raum nebenan von Hand den Text für eine Geburtstagskarte. Ist der Satz fertig gestellt und der Probeabzug zufrieden stellend, wird Bogen für Bogen einzeln gedruckt, auf der Kniehebel- oder der Abzugspresse. Ein- und mehrfarbige Holzschnitte oder Illustrationen in Kupferstich oder Ätzradierung verschiedener Künstler treten mit den Texten in anregenden Dialog. Mit dem aufwendigen Druckverfahren können erlesene Materialien wie Pergament oder handgeschöpfte Bütten- und Pflanzenfaserpapiere bedruckt werden, was moderne Drucktechnologien kaum mehr zulassen.
So entstehen von Einblattdrucken wie Urkunden, Vermählungsanzeigen oder Glückwunschkarten bis zu ganzen Büchern Kunstwerke, die sich durch ihre handwerkliche Fertigung von den heutigen Massenauflagen abheben.
In der Buchbinderei werden die beidseits bedruckten und gefalteten Papierbogen von Hand auf Hanfschnüre geheftet und mit Knochenleim verstärkt. Einfache Bände werden dann in Papier oder Leinen eingeschlagen und verziert. Luxuriösere Volumen erhalten ein edles Kleid aus Ziegenleder, hauchdünn ausgeschärft.
SCHWIMMEN GEGEN DEN STROM
Hans-Ueli Frey und Stephan Burkhardt ste-cken unzählige Stunden und vor allem ihr ganzes Herzblut in ihre Offizin. „Wir schwimmen gegen den Strom“, sagt Frey. „Oft erhalten wir per Internet Druckaufträge als Worddatei, diese wandeln wir dann in einen Text um, den wir per Flopydisc auf dem alten Computer aus den 80er Jahren laufen lassen können. Dieser Computer wiederum programmiert die Lochbandstanzmaschine, die Lochbänder fertigt, welche die Monotype-Giessmaschine zur Produktion von Lettern oder ganzen Seiten als Druckvorlage anleiten.“
Auf langen Spaziergängen durch die Bergwelt entstehen Ideen für neue Projekte. Zurzeit in der Pipeline: die kürzeste Geschichte der Welt. Ein Roman eines guatemaltekischen Schriftstellers in einem Satz mit 44 Buchstaben, der sich zu einem Kleinstbuch zusammenfalten lässt und aufgefächert eine Zeichnung ergibt. Wie druckt man einen Dinosaurier? Schwieriger noch, wie versteckt man einen Dinosaurier? Und welches Material passt zur Story? Die Antworten dürften Anlass zu ausgedehnten Wanderungen geben … „Es soll ja nicht alles verzweckt sein im Leben“, meinen Frey und Burkhardt und machen sich auf den Abendspaziergang. „Die Parnassia übrigens“, sagen sie zum Abschied, „ist ein Hahnenfussgewächs aus der Region. Sie ist eine poetische Blume, die im Herbst blüht und so der Vegetationszeit stets ein wenig hinterherhinkt. Genauso wie wir …“
PIA STADLER
Offizin Parnassia Vättis
Stephan Burkhardt und Hans-Ulrich Frey
Unterdorf 2, 7315 Vättis, Tel./Fax 081 306 14 70, parnassia@bluewin.ch, www.parnassia.org