„Ihre Seele ist wunderbar gesund“
Ein grosses rotes Herz mit einem gelb leuchtenden Kreuz in der Mitte, darüber ein lächelndes Jesusgesicht, umrahmt von einem Heiligenschein. Eva-Maria Fischer-Wolf zeigt mir Zeichnungen aus ihrer heilpädagogischen Klasse und erzählt, wie sie entstanden sind: „Ich sass mit meinen vier Schülerinnen und Schülern zwischen 13 und 15 Jahren um den Tisch und fragte, was ihnen zum Wort Kirche in den Sinn komme. Erst Stille, dann sagte einer: ‚Jesus‘, ein anderer ‚Gott‘, und dann – wie eine sprudelnde Quelle – folgte Wort für Wort: Kreuz, Lieder, Miteinander, Maria, Engel, Kerzen, Schönheit, Beten, Taufstein, Orgel, Ruhe, Knien, heiliges Buch und vieles mehr.“ Sie sei berührt gewesen von den Antworten und über die Reihenfolge und Gewichtung der Aufzählung und habe den Jugendlichen den Auftrag gegeben, das, was ihnen am wichtigsten erscheine, zu zeichnen. Die Seelsorgerin erinnert sich: „Ein Junge zeichnete oben in der Mitte eine Christusfigur, eingehüllt in Licht, daneben eine Figur mit ausgestreckten Armen. Als er diese zum Schluss ausmalte, sah ich, dass es ein Engel war – gross und mütterlich. Unter die Christusfigur zeichnete er ein dunkles Kreuz, links und rechts davon zwei kleine Kreuze. Gerade dieser Junge hat in seinem kurzen Leben schon viel Schweres erlebt. Man spürt es, wenn man die Kreuze anschaut. Aber auch seinen tiefen Glauben spürt man. Die Lichtgestalt Jesu und der mütterliche Engel sprechen für sich.“
INTELLEKTUELL BEHINDERT – NICHT GEISTIG
Eva-Maria Fischer-Wolf arbeitet seit 15 Jahren bei der Behindertenseelsorge in Zürich als Seelsorgerin für Menschen mit einer intellektuellen Behinderung, unter anderem auch als Katechetin in Heimen und in heilpädagogischen Schulen. Den Ausdruck „intellektuell behindert“ höre ich von ihr zum ersten Mal. „Die Bezeichnung ‚geistig behindert‘ halte ich für falsch und diskriminierend“, klärt sie mich auf. „Mit ‚geistig‘ assoziieren wir ‚seelisch‘. Doch diese Menschen sind, jedenfalls wenn sie unter förderlichen Bedingungen aufwachsen konnten, nicht seelisch behindert, sondern intellektuell. Ihre Seele ist wunderbar gesund, und sie besitzen oft die Fähigkeit, mit und aus dem Herzen zu denken und zu handeln.“ Das ist es denn auch, was sie in ihrer Arbeit immer wieder bestärkt: „Behinderte geben einem sehr viel zurück. Sie spielen nichts vor, sind feinfühlig und seelisch oft sehr reif.“
Eva-Maria Fischer-Wolf weiss nur zu gut, wovon sie spricht. Infolge einer cerebralen Lähmung und falscher medikamentöser Behandlung wurde sie selbst gehbehindert. Ihr Körper ist langsam, und doch sprüht diese Frau geradezu vor Energie. Immer wieder findet sie im Unterricht die richtigen Anknüpfungspunkte, einfache Geschichten, Lieder oder kleine Bastelarbeiten. Sie scheut auch nicht den Aufwand, für ein sehr schwieriges Kind jeweils eine Viertelstunde Einzelunterricht zu gestalten.
Auf meine Frage, ob Behinderte in unserer Kirche genügend integriert würden, schüttelt sie den Kopf: „Nicht überall hat man Verständnis dafür, wenn Behinderte zum Beispiel laut sind im Gottesdienst. Und das Erstkommunion-Gruppenfoto sollten sie lieber auch nicht stören.“ Doch das liege nicht am schlechten Willen der Verantwortlichen, sondern vielmehr an der Angst vor dem Umgang mit Behinderten.
In einem Jahr wird Eva-Maria Fischer-Wolf pensioniert. Ihre Gesundheit werde es ihr danken, doch sie werde die Arbeit vermissen. Den Begriff Burn-out kennt sie nur vom Hörensagen.
JUDITH HARDEGGER