Umkehr aus der Depression
„Am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen. Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, so dass sie ihn nicht erkannten.“ (Lk 24,13–16)
Unendlich gross müssen die Erwartungen gewesen sein, die die Jünger in Jesus gesetzt hatten. Für ihn hatten sie Haus und Hof verlassen. Ganz sicher waren sie gewesen, dass er es sei, der sie von allen Leiden und Ängsten erlösen würde. Ausgerechnet dieser ist nun von allen verspottet als Verbrecher hingerichtet worden! Als Gekreuzigter soll er dem Vergessen ausgeliefert werden.
Von einem Menschen enttäuscht zu werden, auf den man all seine Hoffnungen gesetzt hat, das ist bitter. Die Jünger sind mehr als traurig. Sie sind „mit Blindheit geschlagen“. Heute würde man sagen, sie haben die Orientierung verloren, sind in eine Depression gefallen.
Die Gefahr ist gross, in Jerusalem wie ihr einstiges Vorbild hingerichtet zu werden. Da ist es nur allzu verständlich dass sie sich dorthin zurückziehen, von woher sie womöglich ursprünglich stammten; zurück nach Emmaus, zurück ins „traute Heim“.
Dabei merken die Jünger nicht einmal, dass der, den sie vermissen, bei ihnen ist. So gross ist ihre Blindheit! Einen immensen Erklärungsaufwand betreibt er – „ausgehend von Mose und den gesamten Propheten“ –, um sich zu erkennen zu geben, doch sein Reden bleibt fruchtlos. Er erreicht weder Augen noch Ohren der Jünger. Wie, bleibt zu fragen, können wir eigentlich heute an seine Auferstehung glauben, wenn nicht einmal er sie seinen Hörern verständlich machen konnte?
Es wird Abend. Das Dorf ist erreicht. Die Jünger laden den Fremden ein, bei ihnen zu bleiben. Das ist weniger spektakulär, als wir das heute empfinden mögen, gehörte es doch zum Ehrenkodex des damaligen Orients, einen Wanderer vor den Gefahren der Nacht zu schützen. Und auch der Fremde verhält sich dem damaligen Brauch entsprechend: Er dankt Gott und den Hausherren für die Aufnahme und verteilt das Brot. Die Rollen von Gast und Gastgeber wechseln sich ab.
Doch gerade in dieser auf den ersten Blick unscheinbaren Solidarität passiert das Wunder. Jetzt sehen die Jünger wieder klar: Der Auferstandene ist dort, wo die elementaren Bedürfnisse des alltäglichen Lebens, ein Brot und eine Unterkunft, mit dem Fremden geteilt werden. Diese Entdeckung reisst die Jünger aus dem Dunkel der Depression zurück ans Licht.
Kann man mit einer solchen Erfahrung zu Hause bleiben? Für die Jünger ist die Antwort klar. Unverzüglich, „noch in derselben Stunde“, also in der Nacht, eilen sie zurück nach Jerusalem, zurück zur Nachfolgegemeinschaft – aber jetzt ohne Angst! Dort angekommen, stellen sie fest, dass die anderen von ganz ähnlichen Erlebnissen berichten.
Kann man mit einer solchen Erfahrung in Jerusalem bleiben? Für die Jünger ist die Antwort klar. Jetzt müssen sie weitergehen – dorthin, wo das Brot nicht nur aus Gastfreundschaft, sondern mit denjenigen geteilt werden muss, die davon nicht genug haben, um überleben zu können.
CHRISTIAN MLITZ,
FACHSTELLE RELIGIONSPÄDAGOGIK