Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2007 forum Nr. 8, 2007 Sensation oder warme Luft?
Jesu Familiengrab

Sensation oder warme Luft?

Artikelaktionen

Eigentlich fing alles harmlos an: Im März 1980 stiessen Bauarbeiter im Jerusalemer Stadtviertel Talpiyot auf ein antikes Felsengrab. Es wurde eine Notgrabung anberaumt, welche die Gebeine von 35 jüdischen Verstorbenen zutage förderte. Etwa die Hälfte davon lag in zehn Knochenkisten, so genannte Ossuare, die zur Zeit Jesu Verwendung fanden. Damals wurden die Verstorbenen in Grabtücher gehüllt und in Felsengräbern bestattet. Nachdem der Leichnam verwest war, legte man die Gebeine in ein Ossuar.
Sechs der entdeckten Knochenkisten tragen Inschriften: „Jesus, Sohn des Josef“, „Juda, Sohn des Jesus“, „Mariamene“, „Joses“, „Maria“ und „Matja“. Und schon witterten einzelne Forscher eine Sensation: Bei diesem Fund könne es sich nur um Jesu Familiengrab handeln. Hier wurde Jesus zusammen mit seinem Sohn Juda bestattet, seiner Frau Maria Magdalena, seiner Mutter Maria und seinem Bruder Joses. So jedenfalls lautet die Interpretation von James Tabor, dem Leiter des religionswissenschaftlichen Instituts der Universität von North Carolina. Doch seine Hypothese ist heftig umstritten. Der Archäologe Amos Kloner beispielsweise, der das Grab 1980 als Erster untersucht, seine Ergebnisse aber erst 1996 publiziert hatte, hält es für eine ganz normale Familiengruft der Jerusalemer Mittelschicht. Kloner betont, dass die eingravierten Namen zu den am meisten verbreiteten der damaligen Zeit gehörten.
Die Beweislage für Tabors sensationelle These ist in der Tat mehr als dürftig. Da ist einmal von einer DNA-Analyse die Rede, die offenbar belegt, dass die Person des „Mariamene“-Ossuars mütterlicherseits nicht mit jener des „Jesus“-Ossuars verwandt war. Doch daraus zu folgern, es handle sich bei diesen Personen um das Ehepaar Jesus und Maria Magdalena, hält der vatikanische Altertums-Fachmann Fabrizio Bisconti für reine „Fantasie-Archäologie“. Zumal die Jesus-Jüngerin in den Quellen des ersten Jahrhunderts nie als „Mariamene“ bezeichnet wird, sondern immer mit dem Zusatz Magdalena, „die aus Magdala“. Was Jesus selbst betrifft, so wurde ausgerechnet sein Name am schludrigsten auf die Steinkiste geritzt, so dass es zweifelhaft erscheint, ob hier tatsächlich „Jeshua“ geschrieben steht. Und während die Mariamene- und Juda-Ossuare mit professionell geschnittenen Ornamenten verziert sind, fehlt solcher Schmuck auf der Jesus-Kiste gänzlich.
Vieles bleibt also unklar und umstritten, doch eines bietet die Geschichte zweifellos: Stoff für einen Sensationsfilm. So guten Stoff, dass sich kein Geringerer als „Titanic“-Regisseur James Cameron an das heisse Thema heranwagte und zusammen mit dem Dokumentarfilmer Simcha Jacobovici den Fernsehfilm „Das Jesus-Grab“ drehte. Am 4. März 2007 wurde er in den USA erstmals ausgestrahlt, am Karfreitag ist er auf dem deutschen Kanal ProSieben programmiert. An einer Medienkonferenz prophezeite Jacobovici, die Dokumentation werde für etliche Christen den Glauben an die Auferstehung in Frage stellen. Cameron war diesbezüglich zurückhaltender. Sein Film stelle die Grundlagen des christlichen Glaubens gerade nicht in Frage, sondern zeige vielmehr zum ersten Mal greifbare, physische Beweise für die Existenz Jesu. So oder so werden Fachleute und Laien einmal mehr darüber diskutieren, ob die wörtliche Interpretation der Auferstehungsberichte die einzig mögliche und richtige ist.   

JUDITH HARDEGGER

Artikelaktionen
Ossuar aus den Sammlungen der Universität Mainz. FOTO: UNI MAINZ
… UND DIE GRABESKIRCHE?

In einer Erklärung zur aktuellen Diskussion über das Jesusgrab hält Wolfgang Zwickel, Professor für biblische Archäologie, fest: „Es gibt eine sehr alte und recht zuverlässige Tradition, wo sich das Grab Jesu in Jerusalem befindet, nämlich im Bereich der heutigen Grabeskirche. Diese Tradition ist umso glaubwürdiger, als schon wenige Jahre nach dem Tod Jesu der Bereich der späteren Grabeskirche, der sich zum Todeszeitpunkt Jesu noch ausserhalb der Stadt befand, in die nun erweiterte Stadt integriert wurde. Obwohl die biblischen Texte mit ihrer Angabe, Jesus wäre ausserhalb der Stadt bestattet worden, nun nicht mehr den realen Verhältnissen entsprachen, hat sich die Ortslagentradition erhalten. Dies lässt auf eine gute und solide historische Grundlage schliessen, zumal im Umfeld des traditionellen Grabes Jesu auch weitere Gräber aus neutestamentlicher Zeit nachgewiesen sind.“