Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Liebe Leserin, lieber Leser

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Kaum etwas bereitet uns so viel Mühe wie Geheimnisse. Wir möchten Geheimnisse lüften und erklären und suchen krampfhaft den sicheren Grund, auf dem wir unerschütterlich stehen können. Obwohl wir in jedem Gottesdienst unser „Geheimnis des Glaubens“ ankündigen, fällt es uns schwer, dieses auszuhalten. Ob wir nun naturwissenschaftliche Beweise für die Existenz Gottes fordern oder behaupten, diese seien nicht nötig, weil es auch handfeste Wunder täten – beides ist ohne Sinn für Geheimnisse. Wenn ein Fernsehfilm behauptet, das Grab von Jesus Christus sei nun entdeckt und dessen Ehe mit Maria Magdalena damit bewiesen, dann sind Geheimnisverächter am Werk. Genau wie dort, wo ein Tuch als Beweisstück herhalten muss. In Abwandlung einer weisen Einsicht von Gilbert K. Chesterton lässt sich getrost behaupten: Wenn die Menschen den Glauben an Jesus Christus nicht mehr als Geheimnis ertragen, dann werden sie nicht etwa zu knallharten Rationalisten, sondern zu leichtgläubigen Sensationshungrigen, die schlichtweg alles schlucken, wenn es nur autoritär genug serviert wird.
Für mich besteht die Urversuchung der Theologie nicht in richtigen oder falschen Aussagen über Jesus Christus, sondern darin, das Geheimnis des Glaubens nicht akzeptieren zu können. In dieser Hinsicht hätten wir in der katholischen Kirche flächendeckend Grund zur Reue. Sogar dem Lehramt selbst würde hin und wieder mehr Selbstmassregelung gut tun.
Leben, Tod und Auferstehung von Jesus Christus lassen sich von niemandem in eine Gleichung ohne Rest auflösen.
Ein Glück, dass dieses Geheimnis bislang noch jede Theologie überstanden hat. Es ist für mich wie ein paradoxer Gottes-beweis: Solange das Geheimnis sich nicht weg-erklären und weg-glauben lässt, solange kann ich das Glaubensbekenntnis leichten Herzens beten und in der Osternacht vertrauensvoll
an die Auferstehung glauben.


THOMAS BINOTTO

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Thomas Binotto