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Interview mit Wolfgang Zwickel

Es geht auch ohne Getöse

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Findet die biblische Archäologie nur dann Gehör, wenn sie knallige Sensationen ankündigt? Der Theologe und Archäologe Wolfgang Zwickel über den medialen und wirtschaftlichen Druck.

forum: Gewinnt man für die Bibelwissenschaft nur noch mit der Ankündigung von sensationellen Enthüllungen Aufmerksamkeit?
Wolfgang Zwickel: Ich hoffe, dass dem nicht so ist. Aber wir leben heute in einer Zeit, in der einerseits Religion wieder eine grössere Rolle spielt, aber andererseits nur ein geringes religiöses Wissen vorhanden ist. Wenn man Kinder fragt, wie die Eltern von Jesus heissen, kann man durchaus „Adam und Eva“ als Antwort erhalten. In unserer Gesellschaft ist Glaube als Gefühlssache gefragt, oder aber die Ablehnung der traditionellen Religion. Gute, gründlich recherchierte Informationen sind für viele Leute zu kompliziert; so tief wollen sie dann doch nicht in den Glauben oder in die Religion einsteigen. Und bei so einer Geisteshaltung gibt es natürlich für Bücher wie „Sakrileg“ oder aber für den neuen Jesusfilm ideale Möglichkeiten, im Kontext eines spannend verpackten Rahmens Bedürfnisse zu befriedigen, welche die Menschen mangels Wissen nicht mehr kritisch überprüfen können.

Weshalb halten Sie die Methoden von J. D. Tabor für problematisch?
Er verlässt den Boden seriöser Wissenschaft, um spannende Abenteuergeschichten zu schreiben, die er als Populärwissenschaft bezeichnet. Unterschwellig gibt es in dem Buch von Tabor all jene Elemente, die wir schon aus mehreren solchen Werken kennen: Wissenschaftler und/oder der Vatikan wollen etwas verheimlichen, die Gesellschaft soll hinters Licht geführt werden, historisch nicht haltbare und längst überholte Thesen werden wieder aufgegriffen und als neueste Erkenntnis verkauft.

Inwieweit geht es ihm wirklich um Aufklärung? Oder spielen handfeste finanzielle Interessen eine Rolle?
Wenn Sie heute nicht nur ein kleiner unbedeutender Professor an einer kleineren amerikanischen Universität sein wollen, sondern grosse öffentliche Beachtung auf sich ziehen müssen, dann gelingt das nur, wenn Sie die Presse und vor allem das Fernsehen begeistern können. Mit einem „normalen“ archäologischen Befund bekommen Sie vielleicht eine kleine Meldung im Feuilleton. Mit seinem Buch „Die Jesus-Dynastie“ und dem Film ist Professor Tabor das gelungen, was er offensichtlich wollte: weltweite Beachtung. Und mit dieser Beachtung sind natürlich auch finanzielle Interessen verbunden. Sein Buch verkauft sich jetzt sicherlich viel besser als vorher.  Normalerweise erreichen theologische populärwissenschaftliche Bücher allenfalls eine Auflage von 3000 Exemplaren. Die deutsche Startauflage seines Buches war sicherlich viel höher.

Lassen sich Wissenschaftlichkeit und Popularisierung in Einklang bringen? Mit anderen Worten: Hat seriöse Bibelwissenschaft im Zeitalter des Infotainments überhaupt eine Chance?
Ich glaube noch immer daran, dass diese Verbindung möglich und notwendig ist. Wenn es uns in den nächsten zehn Jahren nicht gelingt, bibelwissenschaftliche und archäologische Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit in unserem Land zu vermitteln, wird ein grosser Teil der europäischen Kultur verloren gehen. Egal, wie man es mit dem Glauben hält: Die Bibel hat unsere Kultur in vieler Hinsicht geprägt, und daher ist sie für das Verständnis unserer Welt schlichtweg unverzichtbar.

Welche Auswirkungen haben Bücher wie jene von Tabor und Brown auf Ihre Forschungstätigkeit?
Ich hoffe, keine. In einem halben Jahr wird man davon hoffentlich nicht mehr sprechen, so wie schon manche ähnliche Entwicklungen an uns vorübergezogen sind. Seriöse Wissenschaft stellt aber Befunde vor, die noch in Jahrzehnten herangezogen werden.

Sind aus Ihrer Sicht in der biblischen Archäologie überhaupt noch sensationelle Entdeckungen zu erwarten?
Das kommt ständig vor. Mein Seminar gräbt mit den Universitäten Bern, Helsinki und Leiden am See Gennesaret eine Ortschaft aus, die völlig neue Einblicke in die Lebenswelt im 12. bis 10. Jahrhundert vor Christus, der biblischen Landnahmezeit, vermittelt. Ich würde das als spektakulär bezeichnen, aber es reicht natürlich nicht für einen Fernsehbeitrag zur Primetime. Wir sind auch an der Publikation eines Fundes von 2000 Kultgeräten beteiligt, die südlich von Tel Aviv gefunden wurden. Aber auch dieser Fund begeistert eigentlich nur Fachleute, obwohl hier in einer Grube so viele Geräte gefunden wurden wie insgesamt in 100 Jahren Forschung. Die eigentlichen Sensationen werden nur von wenigen Leuten wahrgenommen, aber sie ändern auf längere Sicht das Bild vom Leben in der Antike und damit das Bild von unseren Wurzeln.

INTERVIEW: THOMAS BINOTTO

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Buchtipp
Wolfgang Zwickel: „Einführung in die biblische Landes- und Altertumskunde”.

Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2002. 184 Seiten. Fr. 33.90. ISBN 3534150848.

Wolfgang Zwickel (50) ist Professor für Altes Testament und Biblische Archäologie an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Mainz. Zu seinen Forschungsschwer-
punkten gehören die Ausgrabungen in Kinneret  am See Gennesaret.
www.kinneret-excavations.org