Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Osternacht (7. April): Lukas 24,1–12

Eine beispiellose Ahnung

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Man ist jeweils schon etwas müde vom Zuhören, wenn in der Osternacht endlich das Evangelium zum Vorlesen an der Reihe ist. Wenn es dann schliesslich kommt – zeitlich etwa in der Mitte der Liturgie der Oster-
nacht –, wirft es immer auch Fragen auf: War das Grab tatsächlich leer? Was ist damals wirklich geschehen?
Vor zwei Jahren musste ich direkt nach Ostern ein kleines Kind beerdigen. Das stellte die eben erst so grossartig gefeierte und inszenierte Osterfreude gehörig in Frage. Mir persönlich hilft es, wenn ich zu erkunden versuche, was damals, Jahrzehnte vor der Niederschrift der Osterberichte, tatsächlich passiert sein könnte:
Gewiss scheint mir, dass die Jüngerinnen und Jünger unabhängig voneinander und mehrmals die Erfahrung machten: Jesus lebt. Eine Erfahrung, die sie nicht einordnen konnten und für die sie keine Sprache hatten. Sie hatten noch nie etwas Ähnliches erlebt und auch noch nie von solchem gehört. So wie wir sehr grossen Schmerz und sehr grosse Freude nicht einordnen und ausdrücken können. Darum sind auch alle Berichte darüber letztlich nur stammelnde Versuche, das Unsagbare zu sagen.
Die Erfahrung „Er lebt“ deuteten sie später so, dass Engel zu ihnen gesprochen hätten oder dass Jesus Christus selber ihnen erschienen sei. Mir selber ist in den letzten Jahren beim Nachdenken über die Osterberichte die Farbe Weiss immer wichtiger geworden. Hier bei Lukas ist zwar nur von „leuchtenden Gewändern“ die Rede. Bei Matthäus heisst es vom Engel viel drastischer: „Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz und sein Gewand war weiss wie Schnee.“
Es ist das Weiss einer ganz intensiven Erfahrung, von der man nicht weiss, ist sie Schmerz oder Freude, so wie beim Gehen im Schneegestöber alle Konturen verschwinden. Dieses blendende Weiss und darin die Ahnung (oder waren es doch Worte?): Er lebt. Eine Ahnung, die sich zur Gewissheit verdichtete und für die Stephanus, Petrus, Paulus, Jakobus und viele andere Auferstehungszeugen bereit waren, mit dem Leben zu bezahlen.
Es muss offen bleiben, ob noch mehr und Handfesteres war, wie ein leeres Grab, ein weggewälzter Stein oder abgelegte Leichentücher. Das 2000-jährige Haus der Kirche ist letztlich auf diffuse Erfahrungen gebaut. So offenbart sich Gott. Mehr wäre unerträglich. Und im Grunde genügt es auch, um die Toten bei den Lebenden zu suchen, um eigenes und fremdes Sterben anzunehmen in der Zuversicht, dass der Tod ein Anfang ist, um Sinn und eine Antwort auf die Angst zu finden. Interessanterweise haben die Auferstehungszeugen augenscheinlich nie daran gezweifelt, dass der Weg Jesu vom Tod zum Leben auch ihnen und damit uns offensteht.
Immer wieder geistert die Meldung durch die Medien, Archäologen hätten in Jerusalem das Grab Jesu mit seinen Gebeinen gefunden, die Kirche unterdrücke diese Tatsache aber, weil sie ein Beweis sei, dass die Auferstehung nicht stattgefunden habe. Doch die Auferstehung oder auch die Nichtauferstehung lässt sich ohnehin nicht beweisen. Aber da die Gräber unserer Verstorbenen nicht leer sind, wäre es mir selber fast sympathischer, wenn das Grab Jesu nicht leer gewesen wäre.

GISELA TSCHUDIN, GEMEINDELEITERIN DER PFARREI ZÜRICH-ST. MARTIN

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"Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?" Lukas 24,5. FOTO: ARCHIV CHRISTOPH WIDER