Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Was ist biblische Archäologie?

Detektive der Antike

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„Das Jesus-Grab“, ein umstrittener Dokumentarfilm über das angeblich gefundene Grab von Jesu Familie, hat die biblische Archäologie ins Gespräch gebracht. Diese versucht seit 150 Jahren, aus einzelnen Puzzleteilen ein realistisches Bild der biblischen Lebenswelt zu erhalten.

Als 1841 Thomas Cook sein Reisebüro gründete, war es sein eigentliches Ziel, christlichen Reisenden das Land der Bibel vor Augen zu führen. Jeder sollte sehen können, wo Jesus wandelte, wo David als König residierte, wo sich konkret die vielen biblischen Geschichten abspielten. Tourismus in das Heilige Land wurde von ihm als Möglichkeit verstanden, die Welt der Bibel anschaulich werden zu lassen.
Etwa zeitgleich zu den ersten Touristen, die in das Heilige Land reisten, begann auch die archäologische Forschung im Land der Bibel. 1865 wurde in London der „Palestine Exploration Fund“ gegründet, der Untersuchungen auf den Gebieten der Archäologie fördern sollte, aber auch der Sitten und Gebräuche in Palästina, der Topographie, der Geologie, der Botanik, der Zoologie und der Meteorologie. Als 1870 die heute nicht mehr existierende „American Palestine Exploration Society“ gegründet wurde, kam zu diesen eher allgemeinen Aufgaben noch eine weitere hinzu: Nun sollte mit Hilfe der Forschung im Heiligen Land die Richtigkeit der Bibel aufgewiesen werden. Allerdings sind nur wenige weitere archäologische Institutionen diesem Ziel gefolgt. Meist blieb man bei der recht neutralen Betrachtung der Relikte aus Palästina, auch wenn die Forschungen lange Zeit fast ausschliesslich von Professoren des Alten und Neuen Testaments und nicht von eigentlichen Archäologen durchgeführt wurden.
Die enge Verbindung zwischen Bibelauslegung und Archäologie zeigte sich auch in der Wahl der ersten grösseren Ausgrabungen. Natürlich wurde immer wieder in Jerusalem gegraben, auch wenn es bis heute wegen der engen Bebauung der Altstadt schwerfällt, ein Gesamtbild der Siedlungstätigkeit in dieser Stadt aufzuzeigen. Aber auch andere biblische Orte wie Bet-El, Megiddo, Hazor, Jericho oder Silo waren beliebte Grabungsziele. Mit Hilfe der Ausgrabungen sollte die Bibel anschaulicher werden, so wie die homerischen Texte für Schliemann durch die Ausgrabungen in Troja anschaulicher wurden. Umso grösser war dann die Enttäuschung, als sich zeigte, dass sich die Bibel nicht ohne weiteres mit der Archäologie beweisen lässt. Die Mauern, die man in Jericho ausgrub und schnell der Einnahme unter Josua zuschrieb, erwiesen sich um 1000 Jahre älter. Und bis heute fehlen Inschriften, dank derer die Existenz von David oder Salomo zu beweisen wäre.
Heute hat sich das Verständnis der biblischen Archäologie weitgehend geändert. Es geht nicht mehr um die Veranschaulichung biblischer Texte, sondern um das Verstehen der Lebenswelt in der Welt der Bibel.
Dies lässt sich schön am Beispiel des angeblichen Jesus-Grabes deutlich machen. Vor wenigen Jahren wurde ein Katalog aller im Besitze des Staates Israel und seiner Sammlungen befindlichen Ossuare veröffentlicht. Ein Ossuar ist ein Knochenkasten, in dem die Knochen der Toten ein Jahr nach dem Tod zweitbestattet wurden. Da man in Jerusalem nur wenig Platz in den Familiengräbern hatte, konnten so die Knochen eines Verstorbenen gut aufbewahrt werden.
Wenn man sich diesen Katalog betrachtet, in dem übrigens die jetzt so heiss diskutierten Ossuare auch aufgeführt sind (Nr. 701–709), kann man schnell einen Unterschied zur früheren Fragerichtung erkennen. In dem Katalog werden die einzelnen Ossuare vorgestellt, genau beschrieben, hinsichtlich ihrer Dekoration und der auf ihnen eingravierten Namen genauestens behandelt. Mit Hilfe der fast 1000 Ossuare erhält man so einen repräsentativen Einblick in eine Bestattungspraxis in biblischer Zeit. Indem man die Dekoration der Ossuare zusammenstellt und interpretiert, kann man die Vorstellungen eines Lebens nach dem Tod bei den damaligen Menschen erschliessen. Viele der Ossuare haben Rosetten, vielleicht ein Sonnen- und Lebenssymbol. Andere zeigen Bauelemente und Mauern, wohl die Tempelmauern und damit die Mauern des Ortes des Heils.

GRABEN VON 2000 JAHREN

Sicher lässt sich aber auch das nicht sagen. Wir wissen schlichtweg nicht, was sich die Künstler der damaligen Zeit bei diesen Motiven gedacht haben, wir können es nur durch Analogien vermuten. Eine auf diese Weise betriebene Archäologie ist sich ihrer Unzulänglichkeit immer bewusst. Sie weiss, dass sie nur ansatzweise die Gedanken der Menschen in der Antike nachvollziehen kann. Letztendlich ist Archäologie eigentlich nichts anderes als das Geschäft eines Detektivs der Antike, der durch Parallelen und kleinste Indizien die Lebens- und Gedankenwelt der antiken Menschen nachzeichnen will.
Anders geht dagegen eine unseriöse Wissenschaft vor. Ihr geht es um eine vorschnelle und oft einseitige Verbindung von archäologischen Funden mit bestimmten Vorstellungen. Aus Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten werden schnell Fakten, die als Beweis für die Argumentation herangezogen werden. Alles Abwägen verschiedenster Möglichkeiten, wie es für einen seriösen Wissenschaftler üblich ist, fällt hier weg.
Natürlich war die Ossuarinschrift „Jesus, Sohn des Josef“ auch für seriöse Wissenschaftler auffällig. Natürlich denkt auch ein seriös denkender Wissenschaftler darüber nach, ob er hier vielleicht einen sensationellen Fund vor sich hat. Ausser dem jetzt so heiss diskutierten Ossuar gibt es noch ein weiteres aus Jerusalem, das diese Aufschrift trägt. Die beiden Ossuare waren längst bekannt und sind in einschlägigen Publikationen vorbildlich veröffentlicht.
Auf den knapp 1000 Ossuaren, die sich im Besitz des Staates Israel befinden, finden sich 227 Personennamen eingraviert. Einige sind sehr selten, andere dagegen äusserst häufig. Dazu zählen auch die Namen Josef und Jesus. Josef findet sich unter diesen 227 Personennamen 19 Mal. Jesus oder Yeschua ist 12 Mal belegt. Schnell wird einsichtig, dass mit dieser Namenskonstellation nichts Aussergewöhnliches gefunden wurde, sondern dass es in der damaligen Zeit viele Väter und Söhne mit diesen Namen gegeben haben muss. Und auch die doppelte Nennung einer Maria kann in diesem Grab nicht verwundern, denn der Name ist insgesamt 15 Mal auf Ossuaren belegt. Maria scheint also zur Zeit Jesu der gebräuchlichste Frauenname gewesen zu sein.
Seriöse biblische Archäologie will nicht wilde Spekulationen fördern, sondern auf dem Hintergrund der Funde, die bei Ausgrabungen gemacht werden, ein Bild davon zeichnen, wie das Leben der Menschen in biblischer Zeit aussah. Dieses Bild soll helfen, biblische Texte adäquater zu verstehen und den garstigen Graben von 2000 Jahren und 4000 Kilometern zu überwinden.


WOLFGANG ZWICKEL

Wolfgang Zwickel (50) ist Professor für Altes Testament und Biblische Archäologie an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Mainz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Ausgrabungen in Kinneret (www.kinneret-excavations.org) am See Gennesaret.


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Grabungen in Tel Oreme, dem biblischen Kinneret, am Nordwestufer des See Gennesaret. FOTO: UNI MAINZ